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30.01.2002

18:55 Uhr

Welle der Schadensersatzforderungen in den USA schwappt immer höher – Schon eine halbe Million Verfahren

Asbestklagen bringen ABB rote Zahlen

Eine ehemalige US-Tochter bringt ABB in Bedrängnis: Schon fast eine Milliarde Dollar Rückstellungen hat der Konzern für Schadensersatzklagen Asbestgeschädigter gebildet. Analysten befürchten, dass ABB am Ende doppelt so viel zahlen muss. In den USA schwappt die Klagewelle immer höher.

ef/mjh/Reuters ZÜRICH. Die Flut von Schadensersatzklagen amerikanischer Asbest-Opfer bringt die Züricher ABB AG in arge Probleme. Zwei Wochen vor der Jahrespressekonferenz verdoppelte der Industriekonzern gestern die Rückstellungen für die Asbestklagen auf 940 Mill. $ und kündigte zugleich einen Verlust für 2001 an. Der ABB-Aktienkurs brach daraufhin ein.

Konzernchef Jörgen Centerman wollte gestern eine weitere Erhöhung der Rückstellungen nicht ausschließen. Analysten rechnen damit, dass ABB letztlich bis zu zwei Mrd. $ Schadensersatz zahlen muss. ABB erwartet, von Versicherungen etwa 150 Mill. $ zurückerstattet zu bekommen.

Der Schweizer Konzern ist über die frühere US-Tochter Combustion Engineering von den Klagen betroffen. Das Unternehmen hat bis zur Mitte der siebziger Jahre asbesthaltige Produkte ausgeliefert. Es ist inzwischen von 55 000 Menschen verklagt worden, die ihre Gesundheit durch diese Produkte beeinträchtigt sehen. Der durchschnittlich ausgezahlte Betrag pro Klage ist von 4 833 $ im Jahr 2000 auf 6 069 $ im vergangenen Jahr gestiegen. ABB hat zwar Combustion Engineering inzwischen als Teil von ABB Power an die französische Alstom verkauft, doch die Verpflichtungen aus den Asbestklagen blieben bei ABB. Hier kümmern sich nun 30 Juristen um die Klagen.

ABB ist nicht der einzige europäische Konzern, der von der Klagewelle betroffen ist. Die österreichische RHI AG, Weltmarktführer für feuerfeste Auskleidungen von Schmelzöfen, hat auf Grund der ständig steigenden Zahl von Asbest-Klagen Mitte Januar beschlossen, alle US-Gesellschaften unter dem Dach der RHI Refractories Holding Co zum Verkauf anzubieten. So will das Management weitere finanzielle Belastungen abwenden.

Vor allem US-Konzerne bekommen derzeit zu spüren, dass der Gebrauch der Mineralfaser Asbest - der Name stammt aus dem Griechischen und bedeutet "unvergänglich" - Jahrzehnte später schwer wiegende Folgen hat. Arbeitsbedingte Asbesterkrankungen - zumeist unheilbare Krebserkrankungen der Lunge, des Kehlkopfs, des Rippen- oder Bauchfells - sind der bisher größte Produkthaftungskomplex in den USA. Schon heute liegen mehr als eine halbe Million Klagen vor.

Allein der US-Konzern Halliburton wurde seit 1976 von insgesamt 340 000 Asbestopfern auf Schadensersatz verklagt. Ende November verurteilte ein Richter den Mischkonzern mit Schwerpunkt in der Ölzulieferindustrie, 152 Mill. $ an 194 000 Asbestopfer zu zahlen. Die Aktie stürzte daraufhin ab (siehe Grafik). Doch aus dem Schneider ist Halliburton noch nicht. 146 000 weitere Klagen sind anhängig, und Monat für Monat werden es nach Angaben des Unternehmens einige Tausend mehr. Konzernchef Dave Lesar hat deshalb Berufung gegen den Richterspruch angekündigt. Etliche US-Unternehmen, darunter W. R. Grace und USG, haben auf Grund der Klagen bereits Gläubigerschutz beantragt.

Betroffen von der Klageflut sind insbesondere Unternehmen, die früher Asbest hergestellt oder die leicht zu verarbeitende, hitze- und säurebeständige Mineralfaser weiter verarbeitet haben: Hersteller von Klimaanlagen, Baukonzerne, Baustoffproduzenten, Bremsen- und Kupplungshersteller, Chemiekonzerne und Anlagenbauer.

Das US-Unternehmen Crown, Cork & Seal bezahlt bereits jährlich 100 Mill. $ an Tausende Asbest-Kläger. Die Verpflichtung stammt aus einer 1963 übernommenen und drei Monate später wieder verkauften Gesellschaft.

Die Investmentbank Merrill Lynch schätzt, dass sich die Schadensersatzforderungen in den USA auf 30 Mrd. $ summieren werden. Doch auch diese Zahl könnte noch zu niedrig angesetzt sein. Denn schon nehmen findige Juristen die nächsten Konzerne ins Visier: Das US-Börsenblatt "Barrons" veröffentlichte am Wochenende eine Liste von Unternehmen, die schon bald mit Asbestklagen konfrontriert sein könnten. Darunter sind so große Namen wie der Telekomriese AT&T, Daimler Chrysler, - der Fotoausrüster Eastman Kodak, Ford, General Motors, IBM und sogar Walt Disney.

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