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27.06.2000

10:10 Uhr

Weltmarkt für Verschlüsselungsprodukte soll 44 Mrd. $ erreichen

Deutsche Firmen bei Sicherheitssoftware gut positioniert

VonFRIEDERIKE STORZ

Deutsche Softwarefirmen sind beim Thema IT-Sicherheit gut positioniert. Im Markt für Verschlüsselungsprodukte behaupteten sie sich bisher erfolgreich gegen die US-Konkurrenz. Das ist das Ergebnis einer Studie des Wissenschaftlichen Instituts für Kommunikationsdienste (WIK), Bad Honnef. In der Untersuchung im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi) bewerten die Autoren die Chancen der deutschen Sicherheitsindustrie im globalen Wettbewerb.

DÜSSELDORF. Der Weltmarkt für Verschlüsselungs-Soft- und Hardware soll danach in den nächsten Jahren ein Niveau von über 44 Mrd. $ erreichen. In Deutschland erwarten die Experten eine jährliche Wachstumsrate von 30 %. Optimistischere Schätzungen sprechen sogar von einer Verdoppelung.

Weltweit sind im Moment rund 1700 Kryptoprodukte von 900 Unternehmen auf dem Markt. Gut die Hälfte davon stammen aus den USA. In Deutschland erreichen die amerikanischen Produkte - trotz der US-Dominanz bei Betriebssoftware - nur einen Anteil von 25 %, während der Marktanteil der deutschen Unternehmen im Inland nach der Studie 50 % beträgt.



Wettbewerbsvorteil für heimische Unternehmen

Die deutsche Kryptoindustrie profitierte dabei bisher von den strengen Exportbeschränkungen für Sicherheitssoftware in den USA. Auf der anderen Seite verschaffte die liberale deutsche Kryptopolitik den heimischen Unternehmen einen erheblichen Wettbewerbsvorteil. Im Gegensatz zu den USA dürfen in Deutschland Verschlüsselungsprodukte ohne Auflagen entwickelt und verkauft werden.

Durch die Handelshemmnisse in den USA wurde das Angebot an Sicherheitsprogrammen und Hardware (z.B. Lesegeräte für Chipkarten) auf dem Weltmarkt erheblich eingeschränkt, schreiben die Autoren der Studie. So fiel beispielsweise das Verschlüsselungsprogramm Pretty Good Privacy (PGP) von der Firma Network Associates lange Zeit unter das US-Waffengesetz und durfte - zumindest offiziell - nicht exportiert werden. Erst im Dezember vergangenen Jahres wurde das Programm freigegeben. Vergangene Woche tat der US-Kongress mit dem Gesetz zur Gleichstellung der digitalen Signatur nun einen weiteren wichtigen Schritt nach vorn - und holte damit den Vorsprung der europäischen Unternehmen wieder auf. Deutschland gerät durch den Beschluss zur elektronischen Unterschrift in Zugzwang. Die Bundesregierung muss nun das neue Signaturgesetz schnell auf den Weg bringen.

Die Experten erwarten, dass die Kryptodebatte in den USA so lange fortgesetzt wird, bis auch die letzten Restriktionen fallen. Als Folge wird sich der Wettbewerb auf dem Sicherheitsmarkt in den nächsten Jahren erheblich Verschärfen. Zudem werden US-amerikanische Anbieter versuchen, sich durch Übernahmen Zutritt zu den Auslandsmärkten zu verschaffen, sagen die Autoren der Studie voraus.



Nur die Hälfte aller Internet-Nutzer sorgt sich um Sicherheitsfragen

Obwohl viele Produkte im Markt sind wird von der Möglichkeit der Verschlüsselung noch "relativ selten Gebrauch gemacht" so Dr. Franz Büllingen, Leiter des WIK. Sowohl bei geschäftlichen als auch bei privaten Nutzern bestehe immer noch erheblicher Aufklärungsbedarf. So sorgt sich nach einer Erhebung des US-amerikanischen Graphics, Visualization & Usabaility Center (GVU, Atlanta) nur rund die Hälfte aller Internet-Nutzer um Sicherheitsfragen.



Milliardenschäden durch Hacker und Datendiebe

Der wirtschaftliche Schaden, den Hacker und Datenspione in den (noch) ungeschützten Netzen verursachen, ist enorm. Die Schätzungen über den jährlichen Gesamtverlust für Industrieunternehmen in Deutschland bewegen sich im zweistelligen Milliardenbereich. Die Dunkelziffer ist sehr hoch, schreibt das WIK mit Verweis auf das Bundeskriminalamt, da die meisten Angriffe unentdeckt bleiben oder von den Unternehmen selbst aus Furcht vor Image-Schäden verheimlicht werden.

In den meisten Unternehmen entscheiden die IT-Techniker über Sicherheitsfragen, nicht die Chefs, kritisieren die Autoren der Studie weiter. Nur 4 % der befragten Unternehmen verschlüsseln ihre elektronische Post, nicht einmal die Hälfte schützt das Firmennetz durch eine Firewall.



Geschäftserwartungen positiv

Die Geschäftserwartungen der deutschen Anbieter von Sicherheitssoftware sind durchweg positiv. Die Unternehmen gehen von einer Umsatzentwicklung aus, die über den Wachstumsraten des Weltmarktes liegt, fand das WIK bei der Befragung der wichtigsten deutschen Kryptoanbieter heraus. Die Exportquote beträgt über 50 %. Die wichtigsten Exportländer für deutsche Kryptoprodukte sind Großbritannien, die USA, Skandinavien und Frankreich.

Der deutsche Kryptomarkt wird von rund 20 Unternehmen dominiert. Ihre Angebotspalette deckt alle entscheidenden Bereiche der IT-Sicherheit, von Verschlüsselungsprogrammen bis zu Smartcards und Beratungsdiensten ab, bestätigt das WIK. Das Marktvolumen wird auf derzeit 600 Mill. DM geschätzt.



Mehr Börsengänge erwartet

Die deutsche Kryptoindustrie ist noch jung. Fast die Hälfte der Unternehmen wurde in den letzten fünf Jahren gegründet. Inzwischen beschäftigt die Branche rund 2000 bis 3000 Mitarbeiter, zählte das WIK. Der Bereich ist stark mittelständisch geprägt, die meisten Kryptofirmen sind GmbHs. Gleichzeitig zeichne sich der Trend zum Gang an die Börse ab, um weiteres Kapital zu mobilisieren, so die Autoren der Studie. Die Brokat Infosystems AG, Articon Information Systems oder Utimaco Safeware AG haben den Sprung an die Börse bereits gewagt. Weitere IT-Sicherheitsfirmen werden folgen.

Die treibende Kraft der Marktentwicklung für Sicherheitsprodukte sehen die IT-Unternehmen im E-Commerce und im elektronischen Austausch von Daten über das Internet. E-Mail und E-Commerce öffnen die firmeneigenen Netze nach draußen und mit der Menge der transportierten Informationen wächst das Risiko, dass die elektronischen Datenpakete auf ihrem Weg durch das World Wide Web in falsche Hände gelangen. Auch wenn sich das Sicherheitsempfinden bei den Internet-Nutzern erst langsam entwickelt, rechnen Experten daher mit einer erheblichen Wachstumsdynamik in den nächsten Jahren.

Vor allem beim E-Commerce ist das Thema Sicherheit entscheidend. Unsicherheiten im Zahlungsverkehr sind das wichtigste Hemmniss bei Online-Bestellungen, sind sich die Experten einig. Der Umsatz im elektronschen Handel in Deutschland soll sich bis 2001 zwar verdreifachen. "Doch dieses Wachstum wird nur erreicht werden, wenn eine wettbewerbsfähige inländische Kryptoindustrie den Zugang zu den Sicherheitstechnologien garantiert", stellen die abschließend WIK-Autoren fest.



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