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03.03.2003

07:00 Uhr

Weltwirtschaft

Kommentar: Stabwechsel

VonTorsten Riecke

Stell dir vor: Der Krieg ist aus, und keiner investiert. Dieses Schreckensszenario für die Weltwirtschaft wird von den meisten Verantwortlichen der großen Industrieländer bislang verdrängt.

Stell dir vor: Der Krieg ist aus, und keiner investiert. Dieses Schreckensszenario für die Weltwirtschaft wird von den meisten Verantwortlichen der großen Industrieländer bislang verdrängt. Wortführer der unerschütterlichen Optimisten ist Alan Greenspan. Der Chef der US-Notenbank sagt für die amerikanische Wirtschaft einen kräftigen Aufschwung voraus, sobald sich der Rauch über dem Schlachtfeld Irak gelichtet hat. Ähnlich denkt man in Europa und Japan. Ist das Irak-Problem erst einmal gelöst, so die Erwartung der Optimisten, werden die Konjunkturmotoren rund um den Globus wieder anspringen.

Die größten Hoffnungen richten sich dabei auf die US-Wirtschaft. Japan und Europa traut man eine Lokomotivfunktion nicht zu. Zu sehr und zu lange sind die beiden Wirtschaftsräume mit ihren Strukturproblemen beschäftigt, als dass von ihnen in naher Zukunft Wachstumsimpulse erwartet werden. Und das Schlimmste ist: Japaner und Europäer haben es sich als wirtschaftliche Trittbrettfahrer der USA bequem gemacht. Warum unangenehme Reformen vorantreiben, wenn die US-Verbraucher die Weltkonjunktur am Laufen halten?

Die Crux ist nur, Amerika kann den Karren nicht mehr allein aus dem Dreck ziehen. Bereits jetzt befindet sich das Land in einer gefährlichen Schieflage. Das Budgetdefizit bewegt sich in Richtung vier Prozent, wenn man die Kosten eines Kriegs im Mittleren Osten einbezieht. Zugleich beträgt das Leistungsbilanzdefizit bereits fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Sollte das Wachstum weiterhin vor allem aus den USA kommen, wird das Defizit im Außenhandel weiter steigen. Der Internationale Währungsfonds hält jedoch allenfalls eine Lücke von zwei Prozent über eine längere Frist für verkraftbar.

Amerika steht unabhängig vom Ausgang des Irak-Konflikts vor einem Anpassungsprozess, der auch die anderen Wirtschaftsräume erfassen wird. Das Land muss eine Zeit lang mehr sparen, weniger konsumieren und folglich weniger stark wachsen, um finanziell wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Noch haben wir die Wahl, ob die Ungleichgewichte der USA langsam durch eine neue Lastenverteilung oder abrupt durch eine weltweite Rezession beseitigt werden.

Das Schreckensszenario kann durch einen Dollar-Crash, einen plötzlichen Einbruch im Konsum oder eine anhaltende Investitionsschwäche ausgelöst werden. All das ist möglich, auch wenn die Amerikaner den Irak-Krieg schnell und erfolgreich hinter sich bringen. Ein Sieg auf dem Schlachtfeld mag ein konjunkturelles Strohfeuer entzünden. Die finanzielle Schieflage Amerikas kann er nicht beseitigen.

Wenn Amerika zurücksteckt, müssen andere, vor allem die Europäer, einspringen. Es ist Zeit, dass man auf dem Alten Kontinent über den eigenen Tellerrand hinausblickt und Verantwortung für die Weltwirtschaft übernimmt. Konkret heißt das, die Länder der Euro-Zone müssen mit allen verfügbaren Mitteln ihr Wachstumspotenzial heben. Das umfasst Strukturreformen ebenso wie den Einsatz fiskal- und geldpolitischer Instrumente. Wirtschaftlich ist Europa noch am ehesten in der Lage, ein Gegengewicht zu Amerika zu bilden. Und das würde in Washington sogar begrüßt.

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