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15.01.2001

19:00 Uhr

Professionelle Beobachter der Europäischen Zentralbank (EZB) in Banken und Investmenthäusern sind im Moment nicht zu beneiden. Sie werden dafür bezahlt, dass sie die nächsten Zinsschritte der Währungshüter möglichst genau vorhersagen. Deren zinspolitische Beschlüsse basieren unter anderem auf einer Einschätzung der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung. Wie schwierig solche Einschätzungen sein können, haben die vergangenen zwei Monate eindrucksvoll gezeigt.

Seit die EZB-Experten Anfang November ihre Prognosen für die Entwicklung der Inflation und des Wirtschaftswachstums im Euro-Raum für die Jahre 2001 und 2002 erstellten, haben sich wichtige Daten grundlegend geändert. Der Euro hat mehr als zehn Prozent an Wert gewonnen. Der Ölpreis ist um mehr als 20 Prozent gefallen. Die Prognosen von Anfang November 2000, die auf den damaligen Werten basierten, sind schon Makulatur.

Inzwischen sind international die Risiken für die weitere wirtschaftliche Entwicklung noch gestiegen. Zu den Unsicherheiten über die Aussichten der amerikanischen Wirtschaft treten Nachrichten über akute Schwächen des japanischen Bankwesens und Gefahren für die japanische Konjunktur. Damit öffnen sich für die Zinspolitik der EZB mindestens zwei Szenarien.

Erstes Szenario: Konkretisieren sich keine außenwirtschaftlichen Risiken, kann die EZB ihre Projektionen um die inzwischen eingetretenen Veränderungen korrigieren und im Wesentlichen in ihrem bisherigen Erklärungsmuster bleiben. Demnach könnte das Wachstum im Euro-Raum im ersten Halbjahr 2000 seinen Höchststand erreicht und sich im letzten Quartal abgeschwächt haben; Hauptgrund dafür waren die höheren Ölpreise. Gleichwohl ist davon auszugehen, dass ihre Auswirkungen auf die Konjunktur im Euro-Raum insgesamt weiterhin relativ begrenzt bleiben.

Ölpreissenkung und Euro-Aufwertung haben die Bedingungen für die Wiedererlangung der Preisstabilität verbessert. Energie ist billiger, und durch den stärkeren Euro wird weniger Inflation importiert. Beides dämpft die Inflationsrate. Die Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum sind nicht ganz so eindeutig. Der niedrigere Ölpreis entlastet zwar die verfügbaren Einkommen; das wirkt belebend. Die Kurskorrektur beim Euro erschwert aber tendenziell den Export; dies könnte zumindest kurzfristig die Wachstumsdynamik bremsen. Europäische Exportunternehmen waren wegen der Schwäche der europäischen Währung in jüngster Zeit am Weltmarkt preislich fast konkurrenzlos. Diese bequemen Zeiten könnten vorbei sein. Jetzt muss sich zeigen, ob die Unternehmen die Zeit genutzt haben, um sich auf den intensiveren Wettbewerb vorzubereiten.

Die EZB geht davon aus, dass der bisher von außen gekommene Preisdruck durch internen Druck ersetzt wird. Ein gewisser Anstieg der Lohnstückkosten sei sehr wahrscheinlich. Auch die Haushaltspolitik der Euro-Länder berge weiterhin Risiken. Insgesamt hält EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing die Unsicherheiten bei der Preisentwicklung nach wie vor für groß.

Vor einem solchen Hintergrund dürfte sich der EZB-Rat mit Zinsänderungen zurückhalten. Noch weiß niemand, ob die Wachstumsabschwächung im Euro-Raum nicht doch nur vorübergehend ist. Noch ist offen, ob der amerikanischen Volkswirtschaft nicht doch die "weiche Landung" gelingt. Der Euro könnte vielleicht sogar eine weitere Zinssenkung der US-Notenbank zur Stabilisierung der Konjunktur verkraften, ohne dass die EZB unbedingt nachziehen müsste. Auf die Zinssenkung der Fed Anfang Januar hat der Euro nur vorübergehend mit Kursverlusten reagiert.

Ganz anders wäre die Situation im zweiten Szenario: wenn der Eindruck entstünde, dass die Vereinigten Staaten den Übergang zu einem moderaten Wachstumstempo nicht reibungslos bewältigten. Das hätte unmittelbare Auswirkungen nicht nur auf den Euro-Raum, sondern auf die gesamte Weltwirtschaft. In diesem Fall würde der EZB-Rat vermutlich entschlossen mit Zinssenkungen reagieren.

Von der monetären Seite her spräche wenig dagegen. Das Wachstum der Geldmenge M3 hat sich in den vergangenen Monaten kontinuierlich verlangsamt. Der monetäre Überhang, der sich dadurch aufgebaut hatte, dass das Geldmengenwachstum über viele Monate hin über seinem Referenzwert von 4,5 Prozent lag, wurde nach Ansicht der EZB durch stärkeres Realwachstum und höhere Preissteigerungen größtenteils absorbiert.

Noch spricht viel für das erste Szenario und weiteres Abwarten der europäischen Währungshüter. Käme es dennoch anders, erlaubte es ihnen ihre geldpolitische Strategie, auf unerwartete Veränderungen notfalls auch überraschend zu reagieren. Ob, wann und in welcher Form diese eintreten, steht in den Sternen.

Bei akuten Risiken könnte die EZB jederzeit schnell reagieren.

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