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27.01.2003

09:20 Uhr

Weltwirtschaftsforum

Die machtlosen Mächtigen

VonJoachim Dorf (Thomas Knipp, Hermann Josef Knipper, Christoph Rabe, Handelsblatt)

Wieder treffen sich die Reichen und Mächtigen in Davos. Doch dieses Jahr sind sie Getriebene, nicht Handelnde. Gibt es Krieg im Irak? fragen sie sich. Und hoffen auf schnelle Antworten aus den USA.

Moneycracy" prangt in knallroten Lettern auf den schneebedeckten Hügeln in Sichtweite des Konferenzzentrums. Schon bevor sie am Samstag bei strahlender Sonne und eisiger Kälte in Davos einziehen, haben die Sprayer ihre Botschaft hinterlassen, und jedermann weiß, woran sich die Gegner des Weltwirtschaftsforums stören: an der Macht des Geldes, an den sozialen Folgen der Globalisierung: Und, ganz besonders: am drohenden Krieg im Irak. Fünfzig als Affenmenschen verkleidete Protestler hüpfen unter Gejohle und Trommelwirbel bis zum Sperrzaun, tragen ein goldenes Kalb aus Pappmaché wie eine Monstranz vor sich her, schwingen Plastikkeulen und werfen Kopien von Dollarnoten wie Konfetti durch die Luft. Für sie hat die Politik der Mächtigen, die Politik der USA, nur einen Zweck, so ist auf einer verunzierten amerikanischen Flagge zu lesen: "We fuck the world."

Was von außen betrachtet wie eine große Verschwörung der Mächtigen aussieht, stattfindend hinter den Betonmauern des Davoser Konferenzzentrums, unter den Kristalllüstern der Fünf-Sterne-Hotels, beim Liftfahren in der Gondel, ist dieses Mal tatsächlich kaum mehr als ein Kreisen um eine einzige Frage: Gibt es Krieg im Irak?

Die 2 100 Gipfel-Teilnehmer, etwa tausend weniger als früher, sind im Jahr 2003 Getriebene, nicht Handelnde. Sie sind machtlose Mächtige. Und deshalb gelingt es in diesen Tagen nicht, das verschneite Dorf in Graubünden für einige Zeit zum Nabel der Welt zu machen. Dort, wo einst Palästinenserführer Jassir Arafat und Israels Staatsmann Schimon Peres Fortschritte des Friedensprozesses zelebrierten, fehlen in diesen Tagen die Hauptakteure des politischen Weltgeschehens: Saddam Hussein und George W. Bush.

Allenfalls einer ist da inmitten des Gewusels auf den Gängen und des Palavers auf den Podien, der Aufklärung geben kann über die nahe Zukunft: US-Außenminister Colin Powell. Für ihn unterbrechen mehrere Hundert Top-Manager gerne das Skifahren, denn er wird an Entscheidungen beteiligt sein, die ihre Bilanzen wahlweise mit roten oder schwarzen Zahlen bestücken können. Standing Ovations, als Powell am Sonntag einige Minuten nach zwölf Uhr den großen Saal durch einen Seiteneingang betritt - nervös beschützt von rund 20 Bodyguards. Powell dämpft die Beifallsbekundungen. Dann spricht er, direkt an die Europäer gewandt. "Die USA werden nicht überstürzt in einen Krieg marschieren", sagt er. Und dass er wisse, dass viele hier in Europa an den lauteren Absichten seines Landes zweifelten. Powell verspricht, die militärische Macht "weise und fair" einzusetzen.

Tatsächlich trifft der Außenminister den richtigen Ton. Ein englischer Banker sagt: "Das ist es, was uns in der transatlantischen Diskussion so lange gefehlt hat. Warum kann Bush nicht auch so reden, wie Powell es tut?" Ein Heimspiel ist es für den Außenminister trotzdem nicht. Als er am Ende seines Vortrags von Lord Carey, dem ehemaligen Erzbischof von Canterbury, und einer Vertreterin von Amnesty International kritisch ins Gebet genommen wird, da verziehen sich seine Lippen zu einem schmalen Strich. Die Hände krampfen sich ineinander, zeigen an, dass sich hier einer nicht recht wohl fühlt. Hilft der Waffengang den Menschen im Irak? Was bedeutet das für die Stabilität der Region? Ist der Krieg gegen Saddam wirklich unsere oberste Priorität? Powell antwortet routiniert, aber wenig überzeugend. Hier, das spürt jeder im Saal, erreicht er die Grenzen seiner Politik. Die Zukunft Iraks, wie die USA sie sich vorstellen, können die Davos-Besucher morgen kennen lernen. Dann sollen die Führer der wichtigsten Oppositionsparteien Bagdads zu Wort kommen.

Doch der drohende Krieg dominiert auch schon zuvor fast jeden Mittagstisch, fast jedes Diner. Im Posthotel wollte man ursprünglich ganz allgemein über das Spannungsverhältnis zwischen Öl und Konflikten jeder Art reden. Well, jetzt hat man ein konkretes Beispiel. Am Tisch sitzen zwei Minister der neuen türkischen Regierung, einer der Köpfe der US-Investmentbank Goldman Sachs und ein Vertreter des Ölstaats Bahrein. Alleiniges Thema: Warum und wann starten die USA den Einmarsch in den Irak? Der Araber sagt, die "Eine-Million-DollarFrage" sei für ihn, ob Saddam Hussein tatsächlich Massenvernichtungswaffen habe. Werde dies nicht nachgewiesen, fehle jede Rechtfertigung für den Krieg. Wenn Bush dennoch angreife, werde dies in der gesamten arabischen Welt unabsehbaren Folgen haben und die Stabilität der Golfregion schwer beeinträchtigen. Die Araber, meint der Scheich im dunkelbraunen Business-Dress, fühlten sich vom Irak nicht bedroht.

Der US-Banker legte die Stirn in Falten, gibt seinem Gegenüber in manchen Punkten Recht, lässt aber dennoch keinen Zweifel an seiner Sicht, dass Washington bereits Mitte Februar im Irak einmarschieren werde. Und zwar, um die arabische Welt zu beglücken und um mit dem irakischen Öl den Wiederaufbau des Landes statt neuer Waffenprogramme zu finanzieren. "Ihr werdet uns nachher schon Recht geben, wenn wir euch von Saddam befreit haben." Die türkischen Minister sitzen mittendrin in diesem Disput - und finden sich damit exakt da wieder, wohin sie ihr politisches Schicksal verschlagen hat. Sie wiederholen nur immer wieder, dass gerade die neue Regierung in Ankara alles tun werde, um einen Krieg zu vermeiden - obwohl sie sich als direkte Nachbarn durchaus von Saddam Hussein bedroht fühlen.

Dieses Mittagessen steht für viele Gespräche, wie sie dieser Tage in Davos geführt werden: Die Amerikaner halten Hof, reden, werben, hören zu. Geht man die Liste der Teilnehmer durch, fällt die Dominanz der Amerikaner sofort ins Auge, vor allem bei den offiziellen Diskussionen. Neben den US-Vertretern sind fast alle Staats- oder Regierungschefs Lateinamerikas gekommen, ähnlich komplett wie die Vertreter arabischer Länder. Die Türkei ist sogar fast mit der ganzen Regierung vertreten.

Aber es fehlen die Europäer. Vor allem die deutsche Politik ist kaum sichtbar, was den französisch-deutschen Krach mit der US-Regierung ebenfalls zum beliebten Gesprächsthema macht. Mit Ausnahme der Staatssekretäre Caio Koch-Weser (Finanzen) und Alfred Tacke (Wirtschaft), die sich Kritik an der Reformschwäche Deutschlands gefallen lassen müssen, ist niemand angereist. Die Minister Hans Eichel und Wolfgang Clement haben zwei Tage vorher abgesagt. Klaus Schwab, Chef des Treffens, soll deswegen extrem verärgert sein.

"In Davos ist nichts mehr so, wie es vor ein paar Jahren war." Diesen Seufzer, schwankend zwischen Unmut und Erleichterung, hört man dieser Tage oft. Auch deswegen, weil die Politik offenbar kaum noch daran interessiert ist, das zwanglose Gespräch mit den Wirtschaftsführern der Welt zu führen - die Politik hat mehr mit sich selbst zu tun.

Ein deutscher Vorstandschef meint in einer Debattenpause an der Kaffeebar, gerade dies gefalle ihm dieses Jahr besonders gut, dass die Unternehmer wieder viel miteinander reden würden, etwa über die Themen Corporate Governance, den Wiederaufbau des Vertrauens in die Finanzmärkte, die Stabilisierung der Ölversorgung.

Für viele Manager ist Davos vor allem ein Arbeitstreffen - Erfahrungsaustausch, Geschäftsanbahnung, Kundenbetreuung, Networking im weitesten Sinne. Das Glamouröse früherer Treffen ist im Zuge der allgemeinen Sparpolitik verflogen. Bescheidenheit ist Trumpf. Beispiel Samstagabend: Die große traditionelle Gala am Pool und in der Latino-Bar, bei der sich internationale Musikstars das Mikro in die Hand gaben, fällt dieses Jahr aus.

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