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28.01.2005

19:41 Uhr

Wer führt Europa?

Schicksalsfragen bei Consommé, Lachs und Apfeltorte

VonJosef Joffe
Quelle:Zeit Online

Die interessanteren Dinge passieren in Davos im Hotel - bei den sogenannten privaten Lunches und Dinners. Da ist die konfliktvermeidende Dramaturgie nicht ganz so rigide wie bei den Plenarsitzungen im Kongresszentrum, da wird schon mal etwas freier geplaudert, auch wenn das Essen launendämpfende 90 Fränkli kostet.

DAVOS. Die Frage dieses Dinners war schon mal interessanter als so viele Diskussionen über Europa : Wer regiert das Europa der 25 - immer noch die Großen, oder gibt es einen Power Shift, eine Machtverschiebung nach Osten - zu den Neuen und Kleineren?

Dies bot dem Präsidenten von Georgien, Michail Sakaschwili die Gelegenheit, über ein ganz anderes Anliegen zu reden: Wann kommt Georgien in die EU? Mit der Türkei wollte er überhaupt nicht in einen Topf geworfen werden; schließlich sei Georgien wie Litauen - ein Land Osteuropas. Außerdem sei das Land (dessen einstige Hauptexportartikel Stalin und Cognac waren) so demokratisch wie alle neuen Mitglieder. Auch Georgien habe seine "samtene Revolution" gehabt; der Machtwechsel sei glatter und demokratischer erfolgt als in der Ukraine.

Selbstverständlich war das Anlass für den türkischen Vize-Wirtschaftsminister, die zentrale Arbeitsfrage des Dinners ebenfalls zu umgehen und seinerseits die Vorzüge des Türkei-Beitritts anzupreisen. Woraufhin am Tisch wiederum eine andere Diskussion entstand: Warum wollen die Türken eigentlich auf Teufel komm raus in die EU? Schließlich haben sie bereits den Freihandel mit der EU und ein dreifach schnelleres Wachstum als das "Alte Europa". Die Demokratie entwickele sich sehr verlässlich; das Land bleibe trotz einer frommen muslimischen Regierung auf dem säkularen Weg. Warum sich dann all den Regulierungen der EU unterwerfen, die inzwischen 80.000 Seiten umfassen? "Na ja," murmelte einer der Tischgäste, "wir betteln schon seit 1963, jetzt ist es eine Frage des Stolzes und Prestiges."

Als die Gruppe beim Nachtisch endlich bei der eigentlichen Frage - "Wer regiert?" - anlangte, war sie sich einig, dass die Machtverhältnisse die alten geblieben seien. Zwar ist die Zahl der Länder um 60 Prozent, die Bevölkerung um 20 Prozent, aber das EU-Bruttoinlandsprodukt um nur fünf Prozent gewachsen. Folglich bestimme noch immer der alte Machtkampf zwischen England und Frankreich das Binnenleben der EU, folglich gewinne Frankreich, mit Deutschland in der Hinterhand, noch immer fast jede Auseinandersetzung. Italien und Spanien kümmerten sich ebenso wie die Kleinen um die eigenen Interessen, und Polen sei noch kein wirtschaftliches Schwergewicht, um die Balance zu verschieben. Das beste Beispiel für die Kraft der alten Machthaber sei die Aushebelung des Stabilitätspaktes - praktisch im Alleingang von Deutschland und Frankreich.

Wann wird es dann je zu einem Power Shift kommen? Die beste Antwort kam nicht von einem Europäer, sondern von einem Amerikaner, der an den Power Shift daheim erinnerte - vom Nordosten nach Westen und Süden. Zwei Faktoren waren damals im Spiel. Der erste hieß: "Follow the money." In dem Maße, wie sich die wirtschaftliche Dynamik vom alten industriellen Norden in Richtung Kalifornien verschob, wuchs auch das politische Gewicht des Westens. Der zweite Faktor: Die Sonne, die eine gewaltige Völkerwanderung von der Ostküste in den "Sonnengürtel" ausgelöst habe.

Daraus, so ein deutscher Teilnehmer, folge messerscharf, dass die Türkei bald sein werde, was Kalifornien, Nevada, Colorado etc. jetzt schon sind. Denn die Türkei wachse dreimal so schnell wie die EU, und es gebe dort mehr Sonne als irgendwo anders. Die Türken am Tisch jubelten, und nach dieser Einlage konnte niemand mehr sagen, dass in Davos keine originellen Ideen und Einsichten produziert werden.

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