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16.06.2000

17:44 Uhr

Werte aus der Comic-Werkstatt

Aktien mit Trick

VonBernd Kupilas

Das Geschäft mit den Figuren aus Comics und Zeichentrickfilmen boomt. Etliche Unternehmen versprechen ordentliche Kurszuwächse.

Die Verkäuferin an der Kasse eines Kölner Spielzeug-Supermarktes kann es selbst kaum glauben: "Das ist Wahnsinn, seit drei Monaten gibt es hier nur noch eins: Pokémon, Pokémon, Pokémon", erzählt sie und zeigt mit der rechten Hand auf die prall gefüllten Regale. Die kleinen japanischen Fabelwesen erfreuen Kinderherzen, weiß sie zu berichten. "Schon mittags nach der Schule kommen sie hier rein, meistens Jungs, und kaufen Pokémon-Artikel." Und davon gibt es reichlich: Pokémon-Bilder prangen auf Chipstüten und Frühstücksflocken-Packungen, es gibt CD und Bleistifte, Bettwäsche, Teller, Tassen, Plüschtiere, Lutscher und Kaugummis - und vor allem Sticker zum Sammeln, 150 verschiedene. Die liegen in den Quengelzonen vor den Kassen, wo Eltern ihre Kinder zu besänftigen versuchen. Und selbstverständlich gibt es eine Fernsehserie und Comic-Hefte.

Was Vätern und Müttern den letzten Nerv raubt, erfreut Lizenzhändler wie EM.TV . Das Münchener Medienunternehmen hat vom Erfinder, dem japanischen Spielkonsolenhersteller Nintendo , die Rechte für Deutschland erworben und profitiert prächtig von dem grassierenden Pokémon-Fieber auf Deutschlands Schulhöfen. Und mit EM.TV dürfen sich wohl auch die Aktionäre freuen.

Das Geschäft mit Comic- und Zeichentrickfiguren boomt und verspricht den Unternehmen ordentliche Kurszuwächse. Seit EM.TV mit beliebten Charakteren wie der Biene Maja vorgemacht hat, wie man in dem Geschäft zum Börsenliebling wird, versuchen sich viele Unternehmen in dem lukrativen Lizenzgeschäft - und in einem Börsengang.

Zuletzt startete die United Labels AG mit Charakteren wie Snoopy erfolgreich am Neuen Markt (siehe unten). Weniger zufrieden können die Manager der Eichborn AG in Frankfurt sein, bekannt durch "Das kleine Arschloch" von Zeichner Walter Moers. Im Kleinwertesegment Smax rutschte Eichborn unter den Ausgabekurs von zwölf Euro. Mit dem Geld aus dem Börsengang will das Unternehmen nun Filme koproduzieren - und damit der Aktie zu Schwung verhelfen.

Auch der Kurs der Achterbahn AG , die im Berliner Freiverkehr gehandelt wird, dümpelt vor sich hin. Das Unternehmen produziert den Kultproleten "Werner" von Zeichner "Brösel". Nach einem Zwischenhoch bei rund 43 Euro im vergangenen August ist der Kurs auf rund 22 Euro gerutscht - und liegt damit deutlich unter dem Ausgabekurs von rund 38 Euro im Oktober 1997. Ein neuer Werner-Film könnte Abhilfe schaffen. Doch der lässt nach Unternehmensangaben noch zwei bis drei Jahre auf sich warten.

Ein ernst zu nehmender Konkurrent für Schwergewicht EM.TV könnte TV Loonland ("Babar, der Elefant") werden. Der Zeichentrickproduzent wächst kräftig. Auch RTV Family Entertainment stößt bei Analysten auf Interesse. "Wir erwarten in den nächsten Jahren einen starken Schub für den Wert", sagt Christoph Benner von Deutsche Bank Research. Zudem komme das Unternehmen stark aus dem Bereich der Produktion und betreibe nicht nur Merchandising, also den Verkauf von bemalten Kaffeetassen, T-Shirts oder anderem Nippes.

RTV hat jüngst Rolf Kaukas Comic-Füchse "Fix & Foxi" wieder aufleben lassen. Eine Fernseh-Staffel läuft gerade, und die in den 70er-Jahren so beliebten Hefte liegen wieder in den Kioskregalen. Analysten sind sich weitgehend einig: Auf den Handel mit Merchandising-Produkten allein sollten sich Unternehmen nicht verlassen - wer zugleich zum Beispiel Filme produziert und damit Urheberrechte schafft, hat bessere Chancen. "Wichtig ist, dass man in der Wertschöpfungskette möglichst weit oben steht", erklärt Johannes Schneider, Finanzvorstand von Dino Entertainment. Dino ist stark im Bereich Comic-Hefte tätig und hat vom US-Konzern Time Warner die deutschen Print-Rechte für Figuren wie Bugs Bunny oder Superman erworben. Es sei üblich, dass Lizenznehmer ihre Rechte klein gestückelt weiter reichten. Bedruckte Textilien vertreibt der eine, Keramik ein anderer. Wer in dieser Kette unten steht und nur noch die Rechte für Micky-Maus-Socken inne hat, sieht nicht mehr viel Profit.

Ganz oben in der Kette der Comic-Wertschöpfer steht der US-Unterhaltungkonzern Walt Disney , der immer wieder Kassenknüller landet, wie zuletzt den Zeichentrickfilm "Tarzan". Zunehmend empfehlen Analysten die Aktie zum Kauf, der Kurs legte im letzten halben Jahr deutlich zu.

Wer Technologieaktien mag, kann es mit einer Disney-Tochter versuchen, dem Computer-Animations-Studio Pixar . Dort entstand die Toy Story.

Wer in Comic-Aktien investiert, kann sich aber keinesfalls darauf verlassen, dass nur die sympathischen, ewig jungen Helden seiner Jugend wie Snoopy oder die Muppets Geld bringen. "In dem Geschäft ist nichts vorhersehbar", sagt Analystin Ann Leigh Kittell von der Bank Julius Bär. "Schauen Sie Pokémon an: Die Figuren finde ich überhaupt nicht schön - und trotzdem sind sie der Renner."

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