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10.07.2000

16:32 Uhr

Weshalb das Land am Kap ein harter Wettbewerber für die WM 2006 war

Südafrika: "Fußball und Befreiungskampf gehören eng zusammen"

Es hat nicht ganz gereicht für Südafrika. 11:12 - der Traum einer Fußball-WM im Jahr 2006 ist geplatzt. Dabei waren die politischen Motive des afrikanischen Wettbewerbers nicht zu schlagen.

wd KAPSTADT. Sein erstes Fußballturnier organisierte Danny Jordaan auf ungewöhnlichem Terrain: Das Spielfeld war ein staubiges Rund, das statt von Flutlichtmasten von Metallzäunen und Wachtürmen umgeben war. Wie anderswo wurde auch auf Robben Island, der früheren südafrikanischen Sträflingsinsel, stets am Samstag Nachmittag gespielt. Unter den Augen bewaffneter Aufseher trotteten oft bis zu zehn Teams aus dem kargen Innern der Haftanstalt in den kalten Atlantikwind hinaus.

Die Spiele zwischen den hier inhaftierten politischen Häftlingen, darunter auch Ex-Präsident Nelson Mandela, waren hart umkämpft und die Spielkunst überraschend hoch. Jordaan war es zu verdanken, dass die Turniere gut organisiert waren. "Der Fußball und der Befreiungskampf", sagt er heute im Rückblick auf seine siebenjährige Haftzeit auf der Insel, "gehören für mich ganz eng zusammen." War es Jordaan damals gelungen, die ideologisch verfeindeten Widerstandsgruppen zumindest auf dem Fußballplatz zusammenzubringen, stand der 49-Jährige nun dicht vor seinem größten Coup: Er wollte die Fußballnationen der Welt im Jahr 2006 zum World Cup an einem Ort vereinen, der bislang noch nie bedacht wurde: am Südzipfel von Afrika. Der Chef des südafrikanischen Bewerbungskomitees wusste, dass sein Land weltweit einen enormen Sympathiebonus genießt. "Die WM war schon je neunmal in Europa und Amerika, und das nächste Turnier wird in Asien stattfinden. Danach muss die WM einfach einmal nach Afrika kommen", sagte er.

Umso größer die Enttäuschung, als gestern doch Deutschland mit der Ausrichtung beauftragt wurde. Rein politisch gesehen, konnte Südafrika keiner ernsthaft Konkurrenz machen. Der Fußball überdeckt hier ein trostloses soziales Umfeld: die hohe Arbeitslosigkeit von rund 40 Prozent, die Armut - und die Gewalt. Fußball ist für viele schwarze Südafrikaner in ihrem täglichen Elend ein Lebenselixier. In den Townships träumt jeder Junge davon, eines Tages für die südafrikanische Elf - im Volksmund "Bafana Bafana" (unsere Jungs) - zu spielen. Schon deshalb trug die Ausrichtung der WM für viele die große Hoffnung auf eine bessere Zukunft. "Der World Cup", dozierte Jordaan, "wird Hunderttausenden Arbeit bringen, den Menschen in unserem Land neuen Mut geben und der Entwicklung überall in Afrika neue Anstöße geben".

Überall im Land wurde seit Wochen über den Nutzen des Turniers für das Land gestritten und selbst die sonst stets formell gekleideten Nachrichtensprecher hatten ihre Anzüge abgestreift und sich statt dessen seit einer Woche in lockere Poloshirts mit dem Logo der südafrikanischen Bewerbung gehüllt.

Mit der gewünscht soliden finanziellen Grundlage sah es derweil nicht allzu gut aus. Weit entfernt vom Rest der Welt und ohne echtes fußballerisches Hinterland stellt Südafrika in dieser Hinsicht ein weit größeres Risiko dar als etwa Deutschland. Unvergessen ist noch die Afrika-Meisterschaft am Kap vor vier Jahren, bei der viele Spiele wegen des geringen Interesses fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfanden.

Ironischerweise ist es dem Apartheidsystem zu verdanken, dass die meisten der acht zur Austragung vorgesehenen Städte bereits jetzt Rugbystadien besitzen, von denen die meisten die Fifa-Kriterien erfüllen. Stadionneubauten wären nur in begrenztem Umfang nötig gewesen. Dass Südafrika als einziges Land des Kontinents die Infrastruktur für eine WM besitzt, stand ebenfalls nicht zur Debatte: Es verfügt über ein gut ausgebautes Straßennetz, ausreichend Hotelbetten und ein funktionierendes Telekommunikationssystem.

Das Einzige, was dem Land und der WM-Bewerbung große Sorgen machte, ist neben der schlechten Führung seines Fußballverbands die Gewalt. Immer wieder hat sich Jordaan in den letzten Monaten darüber beklagt, das die englische und deutsche Presse zu negativ über Südafrika berichten würden, um damit der Bewerbung der eigenen Länder zu helfen. Dabei zeigt bereits ein flüchtiger Blick in eine südafrikanische Zeitung, dass die Gewalt am Kap Ausmaße erreicht hat, die alle europäischen Dimensionen sprengt.

Seit Wochen tobt zum Beispiel in Kapstadt ein erbitterter Krieg zwischen Bus- und Taxifahrern um die lukrativsten Routen in die Townships, dem bereits mehrere Passagiere und Busfahrer zum Opfer gefallen sind. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Kein Zweifel: Die Gewaltbereitschaft ist am Kap ungleich höher als in Europa, ohne dass die Regierung mit Nachdruck dagegen vorgehen würde.

Dennoch: Fifa-Chef Sepp Blatter hatte nie einen Hehl daraus gemacht hat, dass er die WM 2006 am liebsten in Afrika sähe. Blatter war schon nach dem jüngsten Rückzug Brasiliens derart optimistisch, dass er privat bereits einen Sieg Südafrikas in der ersten Runde prophezeite. Das immerhin ist nach wie vor nicht ganz ausgeschlossen - wenn auch auf andere Art: Sollte sich Südafrika für die WM 2006 qualifizieren, ist auch ein Sieg der "Bafana Bafana" auf dem Rasen drin - allerdings in Deutschland. Ein schwacher Trost für alle Südafrikaner.

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