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04.01.2001

19:33 Uhr

ddp BERLIN. Der Nervenkrieg in der FDP ist zumindest vorläufig gestoppt, Parteichef Wolfgang Gerhardt wirft die Brocken hin. Guido Westerwelle soll im Mai auf dem nächsten Parteitag zu dessen Nachfolger gewählt werden. Im Amt des Generalsekretärs hat der 39-Jährige im vergangenen Jahr eine bemerkenswerte Wandlung durchgemacht. Früher oft wegen seiner vermeintlichen sozialen Kälte angegriffen ging Westerwelle auf Tuchfühlung mit dem Fernsehvolk und wurde zum Politiker mit den meisten Talkshow-Auftritten.

Bisheriger Höhepunkt dieser Wandlung war Westerwelles einstündiger Kurzbesuch im "Big Brother"-Haus vergangenen Oktober. Lange Zeit hatte der gelernte Jurist als unnahbar gegolten. Ein kalter Macher, der seine Truppe im Innern zusammenschweißt, um nach Außen das Parteiprofil mit polarisierenden Aussagen zu schärfen. Der plötzliche Kurswechsel ging denn wohl auch nicht ohne politisches Kalkül vonstatten. Die "Partei der Besserverdienenden" - einen Begriff, das er selbst als den "GAU" der FDP bezeichnet hat - müsse mehr Menschen erreichen, entschied Westerwelle. Dabei machte der ehemalige Vorsitzende der Jungliberalen (1983 bis 1988) die Jugend als seine besondere Zielgruppe aus.

Seit 1994 ist Westerwelle Generalsekretär der FDP

Im Dezember 1994 - zwei Wochen vor seinem 34. Geburtstag - war Westerwelle auf Vorschlag des damaligen Parteichefs Klaus Kinkel zum Generalsekretär gewählt worden. In seiner kämpferischen Antrittsrede kündigte er sogleich eine programmatische Offensive an. Das Ziel Westerwelles, der unter www.guidowesterwelle.de als erster deutscher Spitzenpolitiker seine eigene Homepage ins Internet stellte: Die FDP als eigenständige, fortschrittsorientierte politische Kraft kenntlich zu machen und dabei den Grünen den Rang als Partei der Jugend abzulaufen. Das 1997 verabschiedete neue Grundsatzprogramm der Partei prägte er als Vorsitzender der Programmkommission mit.

Doch mit Programmen alleine fängt man keine Wähler. Das musste Westerwelle spätestens bei den Bundestagswahlen im Herbst 1998 lernen, als die FDP mit 6,2 % nur auf Platz vier hinter den Grünen über die Ziellinie lief. In der Folge entdeckte der Westerwelle den "Zeitgeist", an dessen Seite er inzwischen sogar zweistellige Wahlergebnisse anstrebt. Und weil dieser Zeitgeist in der Mediendemokratie im Volksmedium Fernsehen residiert, ließ er aus dem harten Kokon des Parteigenerals den Menschen Westerwelle schlüpfen.

Als Beweis für ein Gelingen dieses Imagewechsels könnte man die bevorstehende Verleihung des "Ordens wider den tierischen Ernst" werten. Damit bekommt der vormals als unnahbar verschriene Westerwelle die für einen geborenen Rheinländer etwas verspäteten karnevalistischen Ehren verliehen. Dem Rheinland ist der am 27. Dezember 1961 in Bad Honnef geborene Sohn eines Anwalts immer treu geblieben. 1980 machte er in Bonn das Abitur und studierte anschließend Jura an der dortigen Universität. Nach dem Zweiten Staatsexamen eröffnete er seine Praxis als selbstständiger Rechtsanwalt in der früheren Bundeshauptstadt. 1980 trat Westerwelle der FDP bei, für die er seit Februar 1996 als Vertreter des Wahlkreises Bonn im Bundestag sitzt.

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