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31.01.2001

07:39 Uhr

Börsianer haben bei Amazon zu früh gefeiert. Noch am 8. Januar hatte der weltgrößte Internet-Einzelhändler bekannt gegeben, dass der Umsatz im vierten Quartal trotz der konjunkturell schwierigen Lage die Marke von 960 Mill.$ übersteigen wird. Obwohl die Umsatzziele einiger Analysten bis zu 50 Mill.$ über diesem Niveau lagen, atmeten Investoren auf. Die Gerüchte einer bevorstehenden Warnung, die den Aktienkurs in der zweiten Dezemberhälfte über 30% kostete, hatten sich nicht bewahrheitet. Zu guter Letzt endete das Quartal mit einem Umsatz von 972 Mill.$ und einem Verlust vor außerordentlichen Kosten in Höhe von 25 Cents pro Aktie. Der Verlust lag ein Cent unter den Erwartungen des Marktes. Wenn auch das vierte Quartal unerwartet glatt lief, steht das Unternehmen in diesem Jahr vor großen Hürden.

Merrill Lynch witterte bereits im Vorfeld der Quartalszahlen die unerfreuliche Entwicklung und reduzierte die Prognosen. "Amazon hat seit Anfang Januar Produktauslieferungen zum Nulltarif angeboten", so Henry Blodget von Merrill Lynch. Ein Warnschuß, dass das erste Quartal schleppend verläuft. "Revidiert das Management die Umsatzprognosen für das erste Quartal auf 750 Mill. $ nach unten, wären wir kaum überrascht", zieht Blodget Bilanz.

Doch die Revidierungen fielen größer aus: Laut Management wird der Umsatz lediglich in einer Spanne von 650 bis 700 Mill.$ liegen. Auch für das Gesamtjahr ist keine wirkliche Erholung in Sicht. So soll der Umsatz lediglich 20 bis 30% über dem Vorjahr liegen und wird erneut die stark reduzierten Erwartungen verfehlen. Blodget peilte bisher ein Umsatzplus von 30% an. Die Credit Suisse, die erst am 8. Januar die Wachstumsprognosen von 49 auf 34% reduziert hatte, muß weitere Revidierungen in Kauf nehmen. Die Analystin Jamie Kiggen dürfte der Aktie wohlgemerkt treu bleiben: "Selbst mit Wachstumsraten um 25% sind Aktienkurse um 30 $ gerechtfertigt." Fraglich bleibt jedoch, ob Kiggen unter diesem Aspekt ihr Kursziel von 45 $ halten kann.

Marktteilnehmer scheinen noch nicht zu realisieren, wie ernst die Lage bei Amazon ist, warnt Faye Landes von Sanford Bernstein. "Das Umsatzwachstum wird weiter nachgeben und irgendwann gegen die Wand fahren", befürchtet die Analystin. Die zwei bedeutensten Wachstumsträger des Unternehmens schwächeln. "Sowohl der Umsatz pro Nutzer als auch der Zugang an neuen Kunden läßt nach", so Landes. Der Umsatz pro Kunde und Woche lag im vierten Quartal bei etwa 3,65 $. Obwohl zahlreiche neue Segmente aufgenommen wurden, liegt der Betrag unter den 3,89 $ des Vorjahreszeitraums. Dieser Trend ist vor allem deshalb bedenklich, weil parallel der Zugang an Neukunden langsamer wächst. Will Amazon jemals die Gewinnschwelle erreichen, muß der Konzern im Umfeld der geringeren Wachstumsraten Kosten einsparen. Insgesamt sollen 1.300 Arbeitsstellen oder rund 14% der Belegschaft entlassen werden, teilte Amazon nach Börsenschluß mit. Ein Lagerhaus soll ebenfalls geschlossen werden.

"Diese Maßnahmen sind notwendig um das Erreichen der Gewinnschwelle sicher zu stellen", so der Finanzvorstand Warren Jenson. Dank der niedrigeren Kosten dürfte im vierten Quartal die Gewinnschwelle erreicht werden, hofft das Management. Was die liquiden Mittel betrifft gibt es vorerst keinen Grund zur Sorge. Ende Dezember standen Amazon über 900 Mill.$ an Barmitteln zur Verfügung. Im Laufe des ersten Quartals ist mit einem Rückgang auf 650 Mill.$ zu rechnen, aber auch damit dürfte die Analystenwelt leben können. "Die liquiden Mittel dürften im ersten Quartal ein Tief erreichen und sich im weiteren Jahresverlauf erholen", hofft Blodget.

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