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28.06.2000

13:26 Uhr

Wie die Gewinnermarke Mercedes zu den Verlierern des DFB-Teams passt

In guten wie in schlechten Zeiten: Verband hofft auf eiserne Treue der Sponsoren

VonMatthias Eberle , ERICH AHLERS

"Vielleicht ist es ja ganz gut, dass es mal richtig geschellt hat", sagt DFB-Ligadirektor Wilfried Straub. Und hofft darauf, dass sich die treuen Sponsoren verhalten wie in einer guten Ehe: Zusammen bleiben - in guten wie in schlechten Zeiten. Die Geldgeber aber sind frustriert.

HANDELSBLATT DÜSSELDORF. Wer versucht, den Deutschen Fußball-Bund in Frankfurt zu kontaktieren, muss reichlich Geduld haben. Die Telefonzentrale ist nicht gerade üppig besetzt, minutenlanges Klingeln ohne Ergebnis keine Seltenheit. "Das kommt häufiger vor", sagt ein DFB-Mitarbeiter ernüchtert. Wenn das die Telekom wüsste.

Das Bonner Unternehmen ist einer der Hauptsponsoren des weltgrößten Sportfachverbandes. Für Geldgeber aber ist die Zusammenarbeit mit dem DFB derzeit nicht nur ob der Unerreichbarkeit und der unkritischen Mängelverwaltung ein zweifelhaftes Vergnügen. Wer Marketingleiter auf die Nationalmannschaft anspricht, erntet nicht selten die Reaktion eines verlassenen Liebhabers. War ja ganz nett, aber müssen wir schon wieder darüber reden?

Wenn es bei einem vermeintlich professionell geführten Verband an vielen Ecken und Ecken hapert, dann kommen gemeinhin auch Sponsoren ins Grübeln. Eine Woche ist vergangen, seit die Nationalmannschaft Fans und Sponsoren gleichermaßen verärgert hat. Jürgen Kindervater, Kommunikationschef der Deutschen Telekom, hat die gute Laune offenbar noch nicht wieder gefunden. Für einen Moment rutscht er sogar in den Sprachjargon der Stehplatzränge ab: "Der Auftritt der Deutschen war unter aller Sau, skandalös", entrüstet er sich und erklärt die Nationalmannschaft zu einem "unmotivierten Haufen". Der Frust der Telekom kommt nicht von ungefähr: Die Bonner haben während der EM fleißig investiert, teure TV-Spots gekauft und im Umfeld von Verlierern ein Gewinnspiel präsentiert. Was zu einem großen Werbefeldzug hätte werden sollen, verkam schon in der zweiten EM-Woche zur reinen Selbstironie. Der oft gesendete TV-Spot aus der Mannschaftskabine der Nationalelf musste eiligst überarbeitet werden, denn die Spieler samt Handys waren längst in den Urlaub verschwunden - und die Kabine dementsprechend menschenleer. "Kontraproduktiv" findet Kindervater das Ganze und will eine Modifikation des bis 2002 laufenden Vertrags nicht ausschließen.

Bei Mercedes Benz, seit zehn Jahren Generalsponsor des DFB, fällt die offizielle Stellungnahme gemäßigter aus: Vorstandschef Jürgen Schrempp sei der Meinung, "dass man einem Partner, der vernichtend geschlagen am Boden liegt, keinen Fußtritt geben darf", ließ Mathias Kleinert ausrichten, der bei Daimler-Chrysler für den Bereich Sponsorship verantwortlich ist. Inoffiziell, so beteuern Insider, sei der Ärger über den Abgang des tief gestürzten Europameisters jedoch ähnlich groß wie im Hause Telekom. Eine Gewinnermarke wie Mercedes Benz passt zu den deutschen Verlierern in etwa genau so, wie Erich Ribbeck einst zu Ulli Stielike passte - gar nicht. Dass Mercedes-Chef Jürgen Hubbert schon mehr als einmal laut darüber nachgedacht haben soll, sich bei anhaltendem Misserfolg vom DFB zu trennen, diese These hat nun wieder Hochkonjunktur. "Es gibt ein bestehendes Engagement bis Ende 2002, dass wir mit Sicherheit nicht in Frage stellen", entgegnete Gerd Hoffmann gestern im Gespräch mit dem Handelsblatt. Der Projektleiter DFB-Sponsoring bei Daimler Chrysler betont weitere Attribute wie Langfristigkeit und Kontinuität, um das Engagement mit dem DFB zu rechtfertigen. Auch wenn er eingesteht: "Sportlich passt das im Moment nicht zusammen." Der DFB müsse künftig weiter den Anspruch haben, eine Premiummarke zu sein.

Auch wenn fleißig dementiert wird, dass Mercedes jährlich zehn Millionen Mark überweist (Hoffmann: "Die Summe liegt darunter") - kein anderer Geldgeber hat einen ähnlich starken Einfluss auf die DFB-Zentrale. Ohne in sportliche Dinge hineinzureden, wollen die Stuttgarter nun "ganz nachdrücklich aufzeigen" (Kleinert), wie der gemeinsame Weg aussehen soll. Im Klartext: Die Sponsoren wollen professionelle Arbeit sehen; nicht nur auf dem Rasen, sondern auch in den Frankfurter Büros. "Natürlich sind die Sponsoren nervös. Den Neuaufbau haben sich alle schon vorher gewünscht", berichtet ein Branchenkenner. Der DFB hofft indes fest auf die Treue der Geldgeber. "Dass man in schwierigen Zeiten zueinander steht, macht doch eine Partnerschaft aus", sagt DFB-Ligadirektor Wilfried Straub und verweist auf "strategisch langfristig angelegte Engagements". Trotzdem: "Dies entlässt den Verband nicht aus der Pflicht, Wege aufzuzeigen, auf denen man wieder zu alter Stärke zurückfindet. Vielleicht ist ja ganz gut, dass es mal richtig geschellt hat." Hinweise darauf, dass Unternehmen abspringen werden, gibt es nach Aussage des Ligadirektors nicht. Der auch für das Marketing der Nationalelf verantwortliche Straub gibt aber zu, dass momentan nicht der geeignete Zeitpunkt für das Akquirieren neuer Sponsoren sei. "Das wäre so ähnlich, als wenn man einen Börsengang vorbereitet und zugleich in die Zweite Liga absteigt."

Zunächst müssten einige wichtige Entscheidungen auf anderen Ebenen gefällt sein. In erster Linie gilt es, einen neuen Teamchef zu finden. "Einen, der mit der Presse umgehen kann. Einer, der Charisma und ein Standing hat. Kurz: Er muss unangreifbar sein", wünscht sich Straub. Sein Ziel: "Die Kräfte bündeln und das Portfolio wieder werthaltiger machen." Ein Fernziel sollte sein, die Telefonzentrale zu besetzen. Das wäre auch im Sinne eines Geldgebers - der Deutschen Telekom.

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