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30.01.2003

07:46 Uhr

Wie die großen Skihersteller um die Gunst der schnellsten Fahrer im Weltcup buhlen

Feilschen beim Germknödel

VonErich Ahlers (Düsseldorf)

Die Skifirmen glauben an die Werbewirkung von Erfolgen im Weltcup oder bei der WM. Bares winkt aber nur Topfahrern, der Rest muss sich mit Material und Service begnügen.

Irgendwann Ende der 80er muss es gewesen sein, als beim Sparkassen-Cup im Skigau Oberland zwei Nachwuchsskiläuferinnen namens Hilde Gerg und Martina Ertl für Furore sorgten. Das Duo war bisweilen schneller als die gleichaltrigen Jungs und ließ die lokalen Experten frohlocken. Diese Talente, so glaubten sie, werden mal ganz groß rauskommen. Volltreffer, denn Gerg und Ertl fuhren später tatsächlich in die Weltspitze.

Damals nutzte die beiden Völkl-Ski, weil ihr Heimatverein SC Lenggries mit dieser Marke kooperierte. Während Hilde Gerg dem deutschen Hersteller bis heute treu geblieben ist, vertraut Ertl nach ihrem Wechsel von Atomic zu Rossignol französischen Brettern. Ein Wechsel, der seinerzeit für Aufsehen sorgte, nach Aussage Ertls aber keine finanziellen Motive hatte. Kann so sein, muss aber nicht.

Noch immer ist es jedenfalls so, dass die Skiproduzenten um die Protagonisten der Piste feilschen. Wobei nur Fahrern, die Top-Platzierungen erzielen, Bares winkt. Der große Rest der Szene muss sich beim monatelangen Tingeln durch Bergdörfer mit Material- und Serviceleistungen begnügen.

"Nur Podiumsplätze werden mit Prämien honoriert", sagt auch Helmut Bälz, Deutschland-Chef von Rossignol. Für die französische Skimarke, die in den Sportläden neben Atomic und Salomon zu den Top drei zählt, gilt: "Rennerfolge machen eine Marke erst richtig sexy." Wenn Bälz von den Stars auf den Latten und ihrer medialen Wirkung für das Firmenimage spricht, schwärmt er von der "Creme, die oben auf dem Kaffee schwimmt".

Dabei wissen alle Beteiligten, dass der Einfluss des leistungssportlichen Auftritts beim Endverbraucher nicht messbar ist. Abgesehen davon hadern die Firmen mit dem Verhalten insbesondere des Fernsehens, dass fast nie die Skimarke der Sieger und Besiegten nennt. "Eurosport ist da etwas offener als die öffentlich-rechtlichen Sender", findet Bälz und würde es nur zu gern sehen, wenn auch im Skisport wie in der Formel 1 verfahren werden würde. Ungefähr so: Bode Miller gewinnt auf Rossignol vor Stephan Eberharter auf Atomic und Andre Kjetil Aamodt auf Nordica.

Hermann Maier, der Frontmann und einzige Topstar der Szene, ist im Übrigen seit jeher mit Atomic verbandelt. Der Österreicher kommt aus Flachau, das Unternehmen hat seinen Sitz ein paar Kilometer weiter in Altenmarkt. Die guten nachbarschaftlichen Beziehungen halten, nie während seiner Weltcup-Laufbahn hat Maier die Marke nie gewechselt. Was eh nicht so einfach ist: Wenn zum Beispiel Rossignol den "Herminator" haben wollte, wäre es chancenlos: Die Firma wurde vom österreichischen Verband (zum Schutz eigener Hersteller) lange nicht in den Skipool aufgenommen, und nur aus dem können sich die Austria-Sportler bedienen. Inzwischen darf Rossignol immerhin den Nachwuchs der stolzen Skination beliefern. Bälz: "Wir müssen uns erst hochdienen."

Die Kollegen von Völkl, die rund fünf Millionen Euro pro Jahr in den Leistungssport stecken, haben das schon geschafft. Seit vier Jahren ist der deutsche Hersteller auch im österreichischen Skipool vertreten. "Bei denen geht man mit einer ganz anderen Professionalität als in Deutschland an die Sache heran", hat Klaus Gattermann erkannt. Der frühere Rennleiter, jetzt als Scout für die Firma unterwegs, meint gar: "Wenn der ÖSV eine Hochschule ist, ist der DSV ein Kindergarten."

Auch Rossignol-Mann Bälz hadert mit den vor allem im Männerbereich seit Jahren mäßigen deutschen Ergebnissen: "Seit Markus Wasmeier ist niemand mehr in gerader Linie aufs Podest zugefahren." Dabei seien die Bedingungen und das Material top: "Die Deutschen haben alles, vielleicht sogar zu viel. Es gibt jedenfalls viele hoffnungsvolle Leute. Die aber kommen nie in der ersten Kategorie an."

An zwei der spektakulärsten Skimarken-Wechsel der jüngeren Vergangenheit war Bälz? Arbeitgeber beteiligt. Nachdem der frühere Superstar Alberto Tomba seine Karriere beendet hatte und auch der Schweizer Michael von Grünigen zu Fischer übergelaufen war, fehlten der Marke namhafte Zugpferde. Der Konter kam, man verpflichtete im Gegenzug Fischer-Fahrer Bode Miller. Dabei soll der US-Amerikaner, so munkelt man zwischen Kaiserschmarrn und Germknödel, 750 000 Euro als Fixsumme für zwei Jahre erhalten haben, hinzu kommen im Erfolgsfalle nicht unerhebliche Prämien. Für Weltcup-Siege zahlen die meisten Skihersteller 10 000 Euro und mehr, für einen Triumph bei der am Samstag beginnenden Ski-Weltmeisterschaft in St. Moritz mehr als das Doppelte.

Dafür garantieren die Sportler, direkt nach Zieleinlauf ihre Bretter abzuschnallen, sie in die TV-Kameras zu halten und in Interviews immer mal wieder auf das gute Material hinzuweisen. Manchmal ist es sogar so toll, dass die Fahrer gar kein neues haben wollen. Der deutsche Alpinchef Walter Vogel erzählt: "Wenn jemand richtig gut klarkommt mit einem Paar, kann es sein, dass er fünf, sechs Jahre mit den selben Skiern in der Abfahrt startet."

Noch ein Unterschied also zur Formel 1: Denn dass Michael Schumacher über Jahre hinweg im selben Ferrari sitzt, ist unvorstellbar.

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