Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.01.2003

07:00 Uhr

Wie Europa in 20 Jahren aussieht

Blick zurück nach vorn: Als der Irak EU-Mitglied werden sollte

VonTIMOTHY GARTON ASH

Während die Welt über Krieg und Frieden diskutiert, blicken manche Zeitgenossen bereits nach vorn. Zum Beispiel unser Gastautor Timothy Garton Ash (Foto). Der bekannte Historiker entwirft ein Bild von Europa, wie es in 20 Jahren sein könnte - eine spannende Vision.

Timothy Garton Ash, Foto: dpa

Timothy Garton Ash, Foto: dpa

Es folgt ein Auszug aus der Ausgabe des Jahres 2040 der Oxford Concise History of Europe: Im Januar 2023 war die große Frage, die sich Europa stellte, der Irak: Sollte der Irak der EU beitreten? Die Türkei, selbst seit über zehn Jahren EU-Mitglied, drängte auf einen irakischen Beitritt. Schließlich war der Irak seit bald 20 Jahren durchaus eine Art Demokratie. Sein Öl war für den Wohlstand Europas lebenswichtig. Den Kurden im Irak und in der Türkei missfiel die Trennung durch die, wie sie es erbittert nannten, "Brüsseler Mauer" der EU. Für Muhammed Ademi, Generalsekretär des mächtigen Verbands der Muslime in Europa (AME - Association of Muslims in Europe), war die Aufnahme des Iraks eine "historische Notwendigkeit". Ademi vertrat die Ansicht, dass der Beitritt eines weiteren großteils islamischen Landes zur europäischen Gemeinschaft der Demokratien nur förderlich sein konnte für die noch im Gang befindliche Modernisierung des Mittleren Ostens. Und mit dem Irak schlüge man eine weitere Brücke zu den noch immer problematischen assoziierten Mitgliedern der EU, Israel und Palästina.

Von einigen altmodischen europäischen Christdemokraten kam der Einwand, dass der Irak kein europäisches Land sei. "Die Vorstellung ist einfach lächerlich!" kommentierte der 84-jährige Professor Romano Prodi, einst Präsident der Europäischen Kommission. Doch die Europäische Union hatte die traditionellen geographischen, historischen und kulturellen Grenzen Europas - das vom 14. bis zum 20. Jahrhundert als Treuhänder des Christentums galt - bereits mit der Aufnahme der Türkei überschritten.

Im frühen 21. Jahrhundert war aus Europa eines der mächtigsten Imperien der Welt geworden. Doch wie alle Imperien des 21. Jahrhunderts war es ein Reich neuer Ausprägung. Während das amerikanische Weltreich rings um den Globus verstreut lag - in Gestalt einer beeindruckenden Ansammlung informeller Protektorate, die durch See- und Luftwege, Militärstützpunkte sowie gewichtigen politischen und wirtschaftlichen Einfluss zusammenhingen -, war das europäische Reich ein einziges, vereintes Gebiet aneinander grenzender Länder, die formell durch einen konstitutionellen Vertrag verbunden waren. Es reichte vom Atlantik bis zum Asowschen Meer und vom Nordkap bis zu den Bergen Kurdistans. Nach dem jüngsten Beitritt der Ukraine und Moldawiens im Jahr 2021 zählte es 37 Mitgliedstaaten und über 600 Millionen Menschen.

Mit 19 Billionen Dollar war seine Wirtschaft die größte der Welt und übertraf damit klar die der Vereinigten Staaten. Jede neue Beitrittswelle - angefangen mit der Aufnahme der "Slawischen Tiger" Mittel- und Osteuropas im Jahr 2004 - hatte eine frische Brise wirtschaftlicher Dynamik mit sich gebracht und die stagnierenden, verkrusteten Volkswirtschaften Westeuropas aufgerüttelt. Die Euro-Krise des Jahres 2007, als die Euro-Zone wenige Monate nach dem Beitritt Großbritanniens fast zusammengebrochen wäre, zog eine größere Flexibilität des Währungssystems und einen europäischen Solidarfonds für am stärksten betroffene Gebiete nach sich. Die EU profitierte erheblich von ihrer zentralen Lage zwischen der Eurasiatischen Freihandelszone (EURAFTA), zu der selbstverständlich Russland gehörte, und der Transatlantischen Freihandelszone (TRAFTA) mit Nord- und Südamerika.

Doch es war ein Reich ohne Herrscher. Es besaß keine zentrale Befehlsgewalt und keine alleinige Hegemonie. Daher fehlten ihm viele der traditionellen Attribute imperialer Macht. In dieser Hinsicht erinnerte es eher an das erste Reich, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation des Mittelalters, als an das zweite (das Bismarcksche), ganz zu schweigen vom "Dritten Reich" Hitlers. Mancher gebrauchte die Bezeichnung Staatenbund, die ihm vielleicht am ehesten entsprach. Bei Handelsgesprächen oder Verhandlungen über Hilfsmaßnahmen und Umweltthemen war die EU ein überragender Akteur. Gordana Dragovic, eine energische, rothaarige Serbin und Harvard-Absolventin, war als Handelskommissarin der EU weltweit geachtet, gar gefürchtet. Aber noch immer existierte in der EU keine effektive, einheitliche Außen- und Sicherheitspolitik.

Gab es Krisen außerhalb der EU, insbesondere solche, die womöglich militärisches Handeln erforderlich machten, so wurden die entscheidenden Absprachen nach wie vor zwischen Washington, London, Paris, Berlin und anderen nationalen Hauptstädten, neben Brüssel, ausgehandelt. In der EU gab es noch immer drei verschiedene Präsidenten: den des Europäischen Rats, der Europäischen Kommission und des Europäischen Parlaments. Zwar war Englisch die Arbeitssprache der EU, doch die demokratische Politik der Union wurde in über 20 verschiedenen Sprachen betrieben.

Der Durchbruch dürfte wohl in den Jahren 2004 bis 2009 stattgefunden haben, unter der namhaften Präsidentschaft von Tony Blair (Rat), José María Aznar (Kommission) und Bronislaw Geremek (Parlament). Nach der Annahme eines eher minimalen konstitutionellen Vertrags im Jahr 2004 erkannten diese drei Staatsmänner, dass das Gütesiegel einer noch größeren Union der europäischen Völker weiterhin die Vielfalt sein würde. Man verfolgte nicht mehr das Ziel, eine Art Vereinigter Staaten von Europa zu schaffen, die den Vereinigten Staaten von Amerika als eine zweite "Weltnation" Konkurrenz machen sollten (wie der ehemalige französische Außenminister Hubert Védrine wenig überzeugend vorgeschlagen hatte). Man strebte vielmehr an, Geschlossenheit und gemeinsame Zielvorstellungen in einer so diversifizierten Gemeinschaft zu wahren und herauszuarbeiten, was die europäischen Nationen gemeinsam schaffen sollten, um das Übrige als Einzelstaaten besser zu machen. Schließlich erwies sich die Vielfalt wie schon zuvor als Europas größte Stärke und seine ärgste Schwäche. Der Wettbewerb zwischen nationalen Modellen des Bildungswesens, des Sozialwesens, der Gesundheitsfürsorge, der Verkehrspolitik und anderer Bereiche brachte das hervor, was der Management-Guru Torsten Wannamaker als eine "nach oben gerichtete Benchmarking-Spirale" bezeichnete.

Die Hauptprobleme waren weiterhin politischer und kultureller Natur. Immer noch erschwerten nationale Rivalitäten die Arbeit der Union. Dem Wahlvolk wurde die Politik zusehends entfremdet. Sie wurde nur noch als ein abgehobener Machtkampf zwischen Personen empfunden, die für keine tiefer greifenden ideologischen Alternativen standen. Die politischen Parteien glichen immer mehr verschiedenen Führungsmannschaften eines Unternehmens, und die meisten Aktionäre scherten sich nicht um Wahlen. Außerparlamentarische Kräfte jeder Couleur gewannen an Einfluss.

Gleichzeitig gelang es Europa immer noch viel schlechter als den Vereinigten Staaten, seine Immigranten zu integrieren, die weiterhin in großer Zahl über das Mittelmeer kamen und von der alternden einheimischen Bevölkerung zur Sicherung der Renten benötigt wurden. Zu den unschönsten Erscheinungen der Politik im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts zählten populistische Kampagnen gegen die in Europa lebenden Muslime, insbesondere nachdem die Aufnahme der Türkei deren Zahl auf fast 100 Millionen hatte anwachsen lassen. "Wählt Allah oder Europa!" lautete die Parole eines Norbert Pützel, Chef der rechtsextremen Deutschen Kulturpartei (DKP). Glücklicherweise verliefen derartige Tendenzen letztendlich im Sande, dank eines wachsenden Wohlstands und der neuen Generationen junger Europäer, was den rassistischen Vorurteilen wenig Raum ließ.

Europa im Jahr 2023: das war kein strahlendes Modell einer föderalistischen Union, wie manche seiner Gründungsväter 70 Jahre zuvor noch gehofft hatten. Aber es hatte sich immerhin recht erfolgreich durchgeschlagen.

Timothy Garton Ash ist Direktor des European Studies Centre, Oxford, und Senior Fellow der Hoover Institution, Stanford.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×