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04.04.2003

11:56 Uhr

Wie „Märchen aus 1001 Nacht“

Spekulationen um Saddam treiben seltsame Blüten

Wer die genaue Urlaubsanschrift von Saddam Hussein wissen möchte, kann bei einer israelischen Internet-Seite Rat holen. Danach soll der irakische Staatschef mit der engsten Familie im "Cote d'Azur De Cham Resort" an der syrischen Mittelmeer-Küste abgestiegen sein. Schon vier Tage nach Kriegsbeginn, wollen die Autoren als einzige in der Welt wissen, soll der Präsidententross in Latakia eingetroffen sein und jetzt von syrischem Militär bewacht werden.

HB/dpa KAIRO. Bei der "Jagd nach Saddam" treibt der nahöstliche Gerüchtebasar inzwischen die wildesten Blüten. Manches erinnert an moderne Versionen der "Märchen aus 1001 Nacht". Unvergessen sind die Geschichten über den Kalifen Harun el Raschid (766 bis 809), der incognito durch die Straßen des 762 gegründeten Bagdads streifte.

1200 Jahre später will wieder ein Herrscher in Bagdad unerkannt bleiben. Mit perfekter Tarnung, so besagen die "heißen Gerüchte", möchte Saddam seinen Häschern, US-amerikanischen und britischen Elitesoldaten, entkommen. Müllwagen sollen zu Wohncontainern und Krankenwagen zu Staatskarossen umgebaut worden sein. Nach anderer Version sitzt der 65-Jährige wie ein "einsamer Wolf" allein am Steuer eines zerbeulten Kleinlastwagens; die Kalaschnikow auf dem Beifahrersitz.

Andere wollen wissen, dass der Staatschef nach einem Vierteljahrhundert Schlaf in Palästen und Gästehäusern jetzt bei wildfremden Leuten an die Tür klopft und um ein Nachtlager bittet. Oder harrt er doch in seinem 1984 gebauten Bunker aus, in dem man angeblich sechs Monate trotz Bombenhagels überleben kann?

Nur zwei Dinge stehen fest: Seinen Palast mit Angelteichen am Tharthar-See nördlich von Bagdad fanden alliierte Soldaten verlassen vor. Und die letzten überprüfbaren Interviews hat Saddam vor Kriegsausbruch zwei westlichen TV-Stationen gegeben. Ansonsten allenthalben Zweifel: War die Rede an die Landsleute vom 24. März echt oder eine Filmkonserve? Sind die zuletzt vom irakischen Fernsehen ausgestrahlten Bilder mit einem scherzenden Saddam aktuell oder stammen sie aus dem Archiv. Und warum ließ Saddam seinen Aufruf zum Dschihad, dem Heiligen Krieg, nur verlesen? Ist Saddam vielleicht doch in der ersten Bombennacht getötet worden oder hat er sich doch ins Ausland abgesetzt? Das US-Verteidigungsministerium jedenfalls hält die Fernsehbilder von Saddam seit Kriegsbeginn allesamt für veraltet. Sie seien nach Überzeugung von Pentagon-Experten alle zuvor aufgenommen worden, berichtete der US-Nachrichtensender CNN am Donnerstag.

Alle Gerüchte über einen Ortswechsel ins Ausland hat die irakische Führung vehement dementiert. Das seien wiederholte Lügen, die zuerst vom US-Verteidigungsministerium in die Luft gesetzt worden seien. Manches Gerücht könnte wirklich eine gezielte Spekulation im Rahmen der psychologischen Kriegsführung sein. Die "The New York Times" schreibt unter Berufung auf US-Regierungskreise, dass die Unsicherheit über Saddams Verbleib auf das Schlachtfeld geworfen werde, um bei irakischen Kommandeuren die Frage reifen zu lassen, ob sich der Kampf für einen toten oder unfähig gewordenen Führer überhaupt noch lohne.

Auch die arabischen Medien beteiligen sich am munteren Rätselraten. Saddam habe schon immer die Öffentlichkeit gescheut und sich zuletzt vor zwei Jahren - geschützt durch das diplomatische Korps - bei einer Parade sehen lassen, sagen die einen. Nach anderer Meinung fürchtet er Verrat aus eigenen Reihen und ein ähnliches Schicksal wie der afghanische Führer Schah Ahmed Massud, der im September 2001 während eines Fernsehinterviews durch eine präparierte Kamera getötet worden war. Andere vermuten, dass der Iraker dem medialen Verwirrspiel von Terrorchef Osama bin Laden folgt.

Aus dem Londoner Exil meldet sich ein Mann zu Wort, der nach eigener Darstellung Doppelgänger von Saddams älteren Sohn Udai war. "Saddam wird bis zum letzten Soldaten kämpfen und bis zu seiner letzten Patrone", sagt Latif Jehjia der arabischen Tageszeitung "al Hayat".

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