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03.07.2000

17:28 Uhr

Wie Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc sein prominentes Fahrerfeld zusammenstellt

Hinter den Kulissen: Tausche Dopingakten gegen TV-Präsenz

VonKLAUS BLUME

Das Team Telekom tritt wieder kräftig in die Pedale. Allen voran Jan Ullrich, der in den Favoritenkreis der Tour de France zurückgekehrt ist. So weit der Sport. Hinter den Kulissen wird es unsportlich: Doping-Akten und TV-Präsenz spielen bei der Startberechtigung eine Rolle.

Handelsblatt FUTUROSCOPE. Die Tour de France gilt in Deutschland, und nicht nur dort, als das spektakulärste Radrennen des Jahres. Am Samstag wurde sie zum 87. Male gestartet, diesmal in Futuroscope. Das Ziel sehen die Fahrer am 23. Juli in Paris - so sie die "Tour der Leiden" durchstehen. Die veranstaltende Societe du Tour de France überschlägt sich bei der Werbung: "Ein Monument des internationalen Sports. Das anspruchsvollste, das schwierigste Radrennen der Welt", heißt es in dicken Lettern. Zu Recht?

"Weil es die Societe in den letzten zwanzig Jahren erstklassig verstanden hat, die Tour richtig zu vermarkten, ist sie ein besonders kommerziell aufgebauschtes Event geworden. Sie wurde - nach den Olympischen Spielen und der Fußball-WM - zum am drittbesten vermarkteten Sportereignis der Welt." So sieht es einer der Hauptdarsteller der Tour, der deutsche Profi Udo Bölts.

Der Telekom-Fahrer startet zum achten Mal in die Frankreich-Rund fahrt und gehört damit zu den erfahrensten Rennfahrern überhaupt. So weiß er auch: "Die Veranstalter des Giro d Italia, aber auch die Organisatoren der Vuelta in Spanien, haben eine ähnliche Werbetätigkeit anfangs verschlafen, jetzt holen sie etwas auf. Dabei gab es Jahre, da war der Giro eindeutig schwieriger als die Tour de France. Außerhalb des Radsports aber hat es fast niemand gewusst." Vor allem nicht in Deutschland. Deshalb wurde im letzten Jahr der Vuelta-Triumph von Jan Ullrich nicht annähernd so euphorisch aufgenommen wie dessen Tour-Sieg 1997. Obwohl die letzte Vuelta anspruchsvoller war.

Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc begegnet derartiger Kritik überaus geschickt: "Nicht die Veranstalter, die Fahrer machen ein Rennen schwer." Im Klartext: Weil bei der Tour nur die Weltbesten radeln, ist sie das schwerste Rennen der Welt.

Dabei starten gar nicht die Besten, zumindest nicht alle. In Futuroscope stehen zwei französische Mannschaften aus der internationalen zweiten Liga am Start, während zwei absoluten Weltklasse-Teams - aus Italien und Frankreich - die Teilnahme verweigert wurde. Deshalb ging jetzt das Management des ausgeschlossenen französischen Teams "Delatour" vor Gericht. In Nanterre verfügte das "Tribunal de Grande Instance", die Tour-Organisation müsste darlegen, warum sie Mannschaften zulasse und auslade. Daraus müsse hervorgehen, dass man ausschließlich nach sportlichen Gesichtspunkten entschieden habe.

Leblanc, den es in die französische Politik zieht, war nach der ersten Anhörung empört: "Das ist das erste Mal, dass ich mir sagen lassen musste, ich sei inkompetent, unehrlich und käuflich." Wobei die Vorwürfe der Richter ins Schwarze trafen. Da wäre der Fall des italienischen Teams "Lampre-Daikin": Dessen Spitzenfahrer, der Schweizer Ex-Weltmeister Oscar Camenzind, hat gerade die anspruchsvolle Tour de Suisse gewonnen. Die Mannschaft steht in der Weltrangliste auf Platz fünf. Doch ihre Bewerbung wurde abschlägig beschieden - ohne Begründung.

Da sickerte durch, LeBlanc wolle die Italiener nicht, weil es allzu viele Doping-Akten über sie bei italienischen Gerichten gäbe. Was die Lampre-Manager empört, sie kennen kein einziges Aktenzeichen. Statt Lampre berief Leblanc die dänische Mannschaft "Memory Card", inklusive des bei Verband und Gericht als Dopingverdächtiger gemeldeten Kapitäns Nicolai Bo Larsen. Ein Team, das - sportlich gesehen - bei der Tour nichts zu suchen hat. So wie 1995, als Telekom ausgeschlossen und nur mit vier Fahrern in einer gemischten Equipe fahren durfte. Warum solche Entscheidungen? LeBlanc braucht die Dänen, wegen des täglich berichtenden dänischen Fernsehens und dessen Ausstrahlungen in Skandinavien.

Italienische Teams hat er genug unter Vertrag und somit auch den italienischen Fernsehmarkt im Griff. Was kümmert ihn da "Lampre-Daikin"? Fabienne Fajgenbaum, die Justiziarin der Societe: "Die Tour- Organisation ist ein Unternehmen des privaten Rechts - und niemanden Rechenschaft schuldig."

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