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05.04.2006

14:03 Uhr

Wiebes Weitwinkel

Marx reloaded

VonFrank Wiebe

Herr Marx aus Trier warnt vor dem „primitiven Kapitalismus“ in Deutschland. „Wenn wir da weiter gehen, wird das System an die Wand fahren“, sagt er, ereifert sich gegen überhöhte Kapitalrenditen und betont den Wert der menschlichen Arbeit.

Nein, das war nicht Karl Marx. Sondern der Trierer Bischof Reinhard Marx. Doch die Übereinstimmung von Name und Ort macht eine Entwicklung anschaulich, die leicht übersehen wird, aber den Kern unserer Gesellschaft betrifft: Die Kirchen sind der größte Hort der Kapitalismuskritik geworden, nachdem sich die Linke im politischen Raum verflüchtigt oder in Randbereiche zurückgezogen hat. Skepsis gegenüber der Globalisierung und Misstrauen gegenüber den Finanzmärkten sind in beiden großen Kirchen verbreitet, auch bei durchaus konservativen Leuten. Der Vatikan hat zwar ausgesprochen linke Theologen eingeschüchtert, sich zugleich aber selbst immer wieder kritisch über den Kapitalismus geäußert.

Dieses Misstrauen gegenüber dem Kapitalismus, das Banken und Finanzinvestoren in der Öffentlichkeit besonders deutlich entgegenschlägt, kehrt in den Kirchen wieder an seine ideellen Wurzeln zurück: Das Christentum war Reichtum, Geld und Zinsen gegenüber von Anfang an feindlich gesonnen, jedenfalls in der Theorie.

Der Gegensatz zwischen der alten, christlichen Ethik, für die noch niemand einen Ersatz gefunden hat, und dem immer moderneren Kapitalismus, zu dem niemand eine funktionierende Alternative gefunden hat, prägt bis heute die politische Diskussion. Es gibt viele Versuche, den Gegensatz wegzudiskutieren. Da sind die Zyniker, die Ethik im Grunde für überflüssig halten, und die Apologeten, die zwanghaft beweisen wollen, dass der Kapitalismus für alle Menschen gut ist. Dann gibt es die Sozialdemokraten, die rhetorisch gegen Finanzmärkte sind (Stichwort „Heuschrecken“) und sie praktisch mit Steuererleichterungen beglücken.

Was es nicht gibt, ist eine Patentlösung. Deswegen werden wir mit beidem auf Dauer leben: den Finanzmärkten, die ihre Dynamik noch weiter steigern, und der Kritik daran. Aber warum auch nicht? Eine Diskussion hat noch nie geschadet, wenn sie fair geführt wird. Banken und Finanzinvestoren sollten sich ihr stellen, statt schamhaft oder verwundert wegzutauchen – viele von ihnen haben das schon begriffen.

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