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23.04.2003

07:28 Uhr

Wieder Wachstum sicher

Argentinische Wirtschaft nimmt wieder Fahrt auf

Ein nächtlicher Spaziergang durch Buenos Aires genügt, um sich jenseits aller Zahlen und Statistiken ein Bild vom Zustand der argentinischen Wirtschaft zu machen. Noch immer hetzt Abend für Abend ein Heer verlumpter Menschen im Wettlauf mit der Müllabfuhr durch die Gassen und durchsucht Abfalltüten nach Verwertbarem und Essensresten.

HB/dpa BUENOS AIRES. "Das sind fast alles ehemalige Fabrikarbeiter oder Maurer", sagt Enrique Aquino von der Selbsthilfegruppe "Tren blanco". Mehr als 50 % der Argentinier leben nach dem tiefen Fall des vergangenen Jahres unterhalb der Armutsgrenze.

Wer genau hinschaut, findet aber in diesem trostlosen Bild auch die ersten Anzeichen einer einsetzenden Genesung des "Kranken Mannes am Rio de la Plata". Die Mülldurchsucher stoßen immer öfter auf Produktionsabfälle wie etwa Stoffreste aus der Textilbranche. Die Produktion in Hinterhöfen und alten Fabrikhallen kommt in Gang und ganz langsam treibt die drittgrößte Volkswirtschaft Lateinamerikas aus der Flaute.

Und jetzt lohnt sich doch ein Blick in die Bücher. Schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im vergangenen Jahr noch dramatisch um 11,0 %, so hat der Internationale Währungsfonds (IWF) dem südamerikanischen Land für dieses Jahr wieder 3,0 % Wirtschaftswachstum vorausgesagt. Dank des Endes der mehr als zehnjährigen Dollarbindung des Peso im Verhältnis 1:1 vor mehr als einem Jahr und einer Abwertung der Landeswährung um etwa 60 % brummen die Exporte.

Der Handelsbilanzüberschuss betrug im Januar 1,33 Mrd. Dollar (1,44 Mrd. ?) und der Trend setzt sich fort. Zugpferd sind die Ausfuhren von Agrarprodukten aus den fruchtbaren Weiten der Pampa. Zugleich holt auch die heimische Produktion angesichts der Verteuerung der Importe erstmals seit Jahren wieder tief Luft. Was immer sich im Inland irgendwie produzieren lässt, gelangt in die Regale und verdrängt dort Billig-Ware "Made in China" oder hochwertige, aber fast unbezahlbare Erzeugnisse "Made in Germany". "Im Zeitraum Januar und Februar betrug die Produktionszunahme im Vergleich zum Vorjahr saisonbereinigt 4,1 %", schrieb die Deutsch-Argentinische Handelskammer in ihrem Monatsbericht April.

"Die Überwindung der schwersten Wirtschaftskrise in der Geschichte des Landes durch Exporte und Importsubstitution hat Erfolg", sagt der Wirtschaftsexperte und Vize-Außenminister Martín Redrado. Am wichtigsten sei es jetzt, den Wechselkurs zum Dollar einigermaßen stabil zu halten. Seit Jahresbeginn fiel er von etwa 3,50 Pesos auf zeitweilig nur noch 2,80 Pesos je Dollar. Die Inflation soll bis Jahresende nicht mehr als 22 % betragen.

Ganz unerwartet ist es auch an einer anderen Front ruhig. Die Freigabe der Ende 2001 teilweise eingefrorenen Konten hat nicht zu dem befürchteten massiven Abfluss von Kapital aus den Banken geführt. "Die Menschen belassen ihre gerade erst freigegebenen Gelder überwiegend auf den Konten", titelte die Zeitung "Clarín" staunend.

Über allem hängt jedoch das Damoklesschwert des riesigen Schuldenberges von etwa 154 Mrd. Dollar. Dieses Summe, die Ende vergangenen Jahres 123 % des BIP entsprach, schuldet das Land privaten Sparern und öffentlichen Kreditgebern. Vor mehr als einem Jahr erklärte sich Argentinien für unfähig, die Schulden bei den etwa 350 000 privaten Gläubigern zu bedienen. Insgesamt müsste das Land allein dieses Jahr fast 30 Mrd. Dollar für die Auslandsschulden aufbringen. Auf den neuen Präsidenten, der am kommenden Sonntag gewählt werden soll, kommen deshalb schwierige Umschuldungsverhandlungen zu.

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