Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.05.2003

08:32 Uhr

Wiederaufbau: Privatisierung – Steuerreform – Errichtung einer Börse

Wirtschaft nach US-Vorbild

VonNeil King (Wall Street Journal)

Die irakische Wirtschaft soll so schnell wie möglich eine freie Marktwirtschaft nach US-Vorbild werden. Dies sieht der Entwurf eines Planes der US-Behörde für internationale Entwicklung (AID) vor.

WASHINGTON. Das 100-seitige vertrauliche Dokument mit dem Titel "Entwicklung der irakischen Wirtschaft von Erholung zu nachhaltigem Wachstum" strebt die Privatisierung staatlich kontrollierter Industriebranchen sowie den Aufbau einer Börse mit elektronischem Handel sowie eine Steuerreform an. US-Unternehmen sollen den Plan im Auftrag der Regierung umsetzen. Allein für die Beratung im ersten Jahr werden rund 70 Mill. Dollar veranschlagt. Ein Teil dieses Budgets geht an das Beratungsunternehmen BearingPoint (ehemals KPMG), das bereits für 40 Mill. Dollar beim Wiederaufbau der afghanischen Wirtschaft seine Beraterdienste verkauft hat.

Bearing Point gehört nicht zu den Parteispendern, die bisher von der US-Regierung bei Großaufträgen im Irak bedacht worden waren. Weitere Berateraufträge, etwa die Privatisierung kleiner Unternehmen, will AID einem begrenzten Kreis von Consultingunternehmen, darunter Booz Allen Hamilton, Deloitte Touche Tohamatsu und die IBM-Tochter Pricewaterhouse Coopers, anbieten.

Das interne Papier gibt den bisher detailliertesten Einblick in die US-Vorstellungen vom Wiederaufbau der irakischen Wirtschaft. Illiquide Unternehmen sollen geschlossen oder verkauft werden. Einige Staatsbetriebe sollen durch eine breit angelegte Privatisierung an die irakische Bevölkerung veräußert werden, um möglichst viele Iraker als Aktionäre in die Wirtschaft einzubinden. In strategischen Branchen - besonders der Ölindustrie - sollen die von der AID-Behörde beauftragten US-Unternehmen die Beteiligung privater irakischer Unternehmen fördern.

Die US-Vertreter sollen ein Jahr damit verbringen, einen Konsens für die Privatisierung der Industriebranchen zu finden. Anschließend soll über drei Jahre hinweg das Vermögen in private Hände gelangen. Gerade bei der Ölindustrie sehen sich die USA besonders unter Beobachtung der internationalen Staatengemeinschaft. Denn sollten die Öl-Vermögen bei internationalen Multis landen, würden sich die Kritiker bestätigt sehen, die den USA vorwerfen, den Irak überhaupt nur wegen seiner Ölreserven erobert zu haben.

Der irakische Aktienmarkt soll dem Plan zufolge zu einer "Börse von Weltklasse" umgebaut werden, an der die Aktien der privatisierten Unternehmen gehandelt werden. Die Pläne sehen ein zentrales Aktienregister und ein neues Handels- und Clearingsystem nach US-Vorbild vor. Auch eine Börsenaufsicht soll es geben.

Bis Jahresende erwartet AID von den beauftragten Unternehmen einen Entwurf für ein "umfassendes Einkommensteuersystem nach internationalem Standard". Außerdem sollen im ersten Jahr rund 8 Mill. Dollar Kredite an kleine und mittelständische Unternehmen vergeben werden. Ein AID-Vertragspartner soll das irakische Bankensystem sanieren, indem eine Lösung für faule Kredite gefunden wird. Dabei soll das traditionelle islamische System für Geldtransfers in das Banksystem integriert werden.

Auch auf die Frage, ob es eine neue Währung geben wird, geht der Plan ein, obwohl das US-Finanzministerium bisher öffentlich stets betont hatte, dies sei Sache der Iraker. Nach dem internen Plan soll der hierfür zuständige Vertragspartner "einen extrem schnellen und durchdachten Währungswechsel" ermöglichen und bis Juli alle alten Scheine vernichten. Die Beratungsfirma BearingPoint wird die Reformen im US-Auftrag mit der Zentralbank und den für Finanzen zuständigen irakischen Ministerien ausarbeiten. Auch die Bargeldausgabe an irakische Beamte, die zurzeit das Pentagon handhabt, soll BearingPoint übernehmen. Die USA haben bisher 20 Mill. Dollar Bargeld in den Irak gebracht.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×