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31.01.2002

11:06 Uhr

"Wir brauchen eine Pause"

Danke, New York

VonAnne Reifenberg (The Wall Street Journal)

Klingt so Trauer? "Vergangenes Jahr habe ich hier oben gesessen und auf Studenten gewartet", erzählt Snowboardlehrer Eddy van der Kraats auf einer Skipiste hoch Davos. "Aber es ist niemand gekommen. Vorstandschefs fahren normalerweise nicht Snowboard."

HB. Margaret Stuhler, die mit ihrem Mann den Schönheitssalon "Zum Neuen Zopf" an der Davoser Hauptstraße "Promenade" betreibt, wird am Wochenende keine reichen Gattinnen von Vorstandschefs shampoonieren - und freut sich trotzdem auf ruhige Tage ohne Polizei-Hundertschaften mit Helmen und Schutzschilden. "Wir brauchen eine Pause", sagt sie.

Die Pause ist da. Die Mächtigen dieser Welt treffen sich heute nicht im beschaulichen Schweizer Wintersportort Davos zum Weltwirtschaftsgipfel, sondern im hektischen Manhattan. Diesmal muss sich die New Yorker Polizei mit den Globalisierungsgegnern herum schlagen.

Davos ist gespalten ob des zunächst auf ein Jahr begrenzten Umzugs. Die Stadt verliert rund zehn Millionen Dollar und Werbung durch Fernseh- und Zeitungsberichte Hunderter Journalisten. So richtig traurig aber sind nur die Hoteliers, die erstmals nach 31 Jahren Weltwirtschaftsforum eine wichtige Einnahmequelle verlieren. Die Mehrheit der Davoser sendet eine andere Botschaft nach New York: Danke.

In einem Punkt aber sind sich alle einig: Das Forum ist ohnehin nicht mehr das, was es einmal war. Als die Globalisierungsgegner auftauchten, "hat Davos seine Unschuld verloren", sagt Christine Jakober vom Juweliergeschäft Bucherer. Die Nostalgiker sehnen sich nach einer Zeit, als nur ein paar hundert wirkliche Größen auftauchten - statt Tausender von Möchtegerngrößen. Als das Wedeln auf der Piste noch fast genau so wichtig war wie die Vorträge im Kongresszentrum. Und als die Teilnehmer noch in Begleitung anreisten und mit ihren Kreditkarten durch die Geschäfte zogen. Im vergangenen Jahr klagten die Läden und Restaurants an der Promenade gar über Umsatzeinbußen. Ihre Laufkundschaft blieb aus, weil die Promenade aus Sicherheitsgründen gesperrt war.

"Das Forum bringt mehr als nur Geld"

Richtig verdient haben an den illustren Gästen nur noch die Hoteliers. Engstirnigkeit werfen sie den klagenden Kollegen vor. Immerhin "bringt das Forum mehr als nur Geld", betont Rainer Egloff, Rezeptionschef des Steigenberger Belvedere. "Für fünf Tage ist Davos der Nabel der Welt." Als Forumchef Klaus Schwab beschloss, das Spektakel nach New York umzusiedeln, hatten die Manager alle Hände voll zu tun, leere Zimmer in der Hochsaison zu vermeiden. Beim Steigenberger Belvedere betont man aber, das Haus sei auch am Wochenende des Weltwirtschaftsforums ausgebucht.

In die Betten, in denen noch im vergangenen Jahr Topleute wie Bill Gates und Gerhard Schröder lagen, werden Gäste wie der Geschäftsmann Hartmut Kippler steigen. Der Münchener hat seinen seit langem geplanten Skiurlaub in Davos um eine Woche verlängert, als er von der Absage hörte: "Anfang Februar sind die Bedingungen hier am Besten. Aber ich hatte keine Lust auf all die Sicherheitsleute und Anzugträger während des Forums."

Die reisen in diesem Jahr nach New York. Die meisten zumindest. Einige der Gäste haben den Umzug nicht mitgemacht. Eine Gruppe niederländischer Manager und Politiker etwa stornierte ihre Zimmerreservierungen erst gar nicht. Sie wird Ski fahren an diesem Wochenende - während die Kollegen im Waldorf Astoria gefangen sind.

Mitarbeit: Deborah Steinborn, Bob Davis, Sigrid Aufterbeck

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