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28.04.2003

15:15 Uhr

Wirtschaftsforscher: Kulturgut retten

Köche finden Geiz ganz "ungeil"

Die deutsche Spitzengastronomie kämpft gegen die Auswirkungen der Wirtschaftskrise. Auf der Suche nach Auswegen aus dem "Jammertal Deutschland" gab es am Wochenende bei der 19. Mitteltaler Tafelrunde in Baiersbronn im Nordschwarzwald prominente Unterstützung. Ausgerechnet der Leiter des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft in Bonn, Prof. Meinhard Miegel, ein scharfer Kritiker der deutschen Reformunfähigkeit, rief zum Geldausgeben für gastronomischen Luxus auf.

HB/dpa BAIERSBRONN. "Ich appelliere an alle, die es sich leisten können, die Spitzengastronomie ebenso zu subventionieren wie Opernhäuser, damit die Kultur unseres Landes nicht kaputt geht", sagte Miegel bei dem jährlichen Treffen von Gastronomie und Fachpresse im Restaurant "Bareiss".

Die Lage ist auch für viele gute Köche ernst. Erstmals seit elf Jahren sind im Drei-Sterne-Restaurant "Dieter Müller" in Bergisch- Gladbach die Reservierungen rückläufig. "Wir sind in Sorge", sagte Müller in Baiersbronn und protestierte gegen die allgemeine Stimmungslage: "Der Slogan "Geiz ist geil" ist ganz falsch. Essen muss wieder wichtig werden." Miegel verwies aber auf die traditionell geringen Ausgaben der Deutschen für Nahrungsmittel. Und es gebe nach wie vor ein allgemeines "gesellschaftliches Unwerturteil" gegen Kochkunst in Deutschland.

Immerhin goss der elsässische Drei-Sterne-Koch Jean-Georges Klein aus Baerenthal etwas Balsam auf die Seelen der zweifelnden Köche. Die Hand voll deutscher Drei-Sterne-Lokale seien ("das darf ich gar nicht laut sagen") besser als die meisten der über 20 Dreisterner des "Michelin"-Restaurantführers in Frankreich. "Aber bei uns in Frankreich ist Essen nach wie vor wichtiger, auch wenn es wirtschaftlich schlecht geht", sagte er. "Wir gehen erst einmal gut essen und sehen dann morgen weiter."

Die Experten befürchten, dass den etwa 250 vom "Michelin" oder vom "Gault Millau"-Führer mit Punkten oder Sternen ausgezeichneten deutschen Spitzenrestaurants jetzt ein Teil der Kundschaft wegbricht. Es bleibe nur der "Hard-core-Kern der echten Gourmets" übrig, meinte der Kritiker Jürgen Dollase, und es gebe zu wenig kreative neue Konzepte für weniger kostspielige Restaurants.

Dabei hat die Zahl der ausländischen Gäste in vielen deutschen "Gourmet-Tempeln" wie bei Müller oder im Restaurant "Bareiss" deutlich zugenommen. Einerseits, weil die deutschen Meisterköche so perfekt arbeiteten und andererseits, weil ihre Preise zwar hoch, aber doch deutlich niedriger liegen als in den Nachbarländern Frankreich, Belgien, Holland oder Schweiz.

Das habe sich nur in Deutschland noch nicht verbreitet, wurde in Baiersbronn geklagt. Im Fernsehen wird zwar viel vorgekocht, für eine Talk-Show als "Kulinarisches Quartett" gebe es aber keinen Sendeplatz, bedauerten die Fernsehköche Martina Meuth und Bernd Neuner-Duttenhofer. Anders ist es in Frankreich, wo berühmte Köche seit langem auch staatliche Auszeichnungen bekommen. Miegel schloss: "Unsere Gesellschaft geht mit ihren Spitzenleistungen fahrlässig um." Wer für gutes Essen angemessen viel bezahlt, sichere auch Arbeitsplätze.

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