Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

11.03.2003

09:54 Uhr

Wirtschaftsforscher widersprechen Analyse des Max-Planck-Instituts

„Nationalität ohne Einfluss auf Schulerfolg“

VonOlaf Storbeck

Die Staatsangehörigkeit eines Kindes hat keinen Einfluss auf dessen schulische Leistungen - dies ist das Ergebnis einer Analyse der Pisa-Studie durch das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen, die dem Handelsblatt vorliegt.

ESSEN. Die RWI-Forscher fanden heraus: Nicht die Nationalität eines Kindes ist dafür entscheidend - sondern vor allem, wie gut die Eltern ausgebildet sind. "Die Ausländer sind nicht schuld am schlechten Abschneiden Deutschlands im Pisa-Test", sagt RWI-Präsident Christoph Schmidt.

Das RWI widerspricht damit einer Pisa-Analyse des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung (MPI), die am Donnerstag in der Kultusminister-Konferenz diskutiert wurde. Das MPI kam zu dem Ergebnis, dass bereits bei einem Ausländer-Anteil von 20 % das Lernniveau deutlich sinke. Auch der OECD-Bildungsforscher Andreas Schleicher wendet sich gegen diese Interpretation: "Dass man sich auf den Anteil der Migranten in der Klasse konzentriert, ist im Grunde ziemlich absurd", betont er. "Entscheidend ist der berufliche und soziale Hintergrund der Migranten, nicht die Migration als solche."

Das RWI widmet sich seit dem Amts- antritt des Ökonometrie-Spezialisten Christoph Schmidt im Herbst vergangenen Jahres verstärkt der empirischen Bildungsforschung. Erstes Projekt: Mit einem eigenen, aufwendigen Analyseverfahren nahmen die Essener die Pisa-Daten für Gesamtdeutschland unter die Lupe. Ergebnis: "Vieles, was in der Öffentlichkeit und in der Bildungspolitik diskutiert wird, ist bei Licht betrachtet nicht haltbar", sagt Schmidt.

In der Pisa-Studie verglich die OECD im Jahr 2000 erstmals das Niveau 15-jähriger Schüler in 32 Ländern. Den deutschen Schulen stellte die Studie ein vernichtendes Zeugnis aus: Schüler aus der Bundesrepublik waren weit abgeschlagen - so schafften sie es bei der Beherrschung der Muttersprache und in den Naturwissenschaften nur auf Platz 20. Ein Jahr nach dem so genannten "Pisa-Schock" aber gab Klaus Landfried, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Entwarnung: "Die nötigen Maßnahmen sind auf dem Weg, so weit sie Politik was machen kann", sagte er im Dezember 2002. Die Essener Forscher sind da ganz anderer Meinung: Die bislang nur "oberflächliche Analyse" der Pisa-Daten habe zur Folge, "dass die meisten Therapien, die auf Grund einer vermuteten Diagnose dem Schulsystem verordnet werden, Schnellschüsse sind", betont der RWI-Forschungskoordinator Michael Fertig. "Jeder bastelt sich für das schlechte Abschneiden Deutschlands eine eigene Erklärung zusammen, in die er seine eigenen Vorurteile hereinlegt." So lasse sich die These, das Schulniveau steige, wenn Lehrer nach Leistung bezahlt werden, nicht untermauern. "Der internationale Vergleich zeigt, dass es keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Lernerfolg und der Form der Lehrerbesoldung gibt", sagt Fertig.

Besonders deutlich zeige sich die Fehlinterpretation beim Thema Ausländer-Anteil. Die zusammengefassten Pisa-Daten zeigen auf den ersten Blick, dass Kinder aus ausländischen Familien deutlich schlechter abschnitten als Deutsche. Tatsächlich sei die Nationalität für den Erfolg in der Schule aber irrelevant - entscheidend sind Faktoren wie der Ausbildungsstand der Eltern, vor allem der Mutter. Ist sie nur gering qualifiziert, dann erzielte ein durchschnittlicher Schüler, der sonst im Pisa-Test auf rund 500 Punkte kam, 30 Punkte weniger. Wichtig für den Lernerfolg sei zudem, ob im Elternhaus regelmäßig eine andere Sprache als Deutsch gesprochen wird. Die Pisa-Ergebnisse spiegelten daher die Einwanderungspolitik der 60er- und 70er- Jahre wider: "Deutschland hat damals vor allem niedrig qualifizierte als Gastarbeiter angeworben", sagt Schmidt.

Auch andere populäre Thesen, mit denen das schlechte Abschneiden Deutschlands erklärt wird, lassen sich laut RWI nicht halten. So habe eine mangelhafte Ausstattung von Schulen mit Computern keinen Einfluss auf die Leistungen. Entscheidend sei aber ob die Schüler zu Hause ein PC hätten - fehle dieser, habe dies "einen deutlich negativen Einfluss auf den Testerfolg".

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×