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22.01.2001

19:51 Uhr

Wirtschaftsstaatssekretärin Wolf bereitet verbindliche Kriterien für die Unabhängigkeit von Wertpapier-Analysten vor

Analysten-Kodex soll Neuen Markt retten

Bundeswirtschaftsminister Werner Müller und seine neue Staatssekretärin Margareta Wolf wollen dem Neuen Markt einen guten Dienst erweisen: Um Anleger vor unseriösen Empfehlungen zu schützen, sollen alle Analysten nur noch Papiere bewerten, die weder sie selbst noch ihr Arbeitgeber im Portfolio haben.

sm/uhl BERLIN. Bundeswirtschaftsminister Werner Müller (parteilos) und seine neue Parlamentarische Staatssekretärin Margareta Wolf (Grüne) bereiten einen Kodex für Wertpapier-Analysten vor. Ziel seien "verbindliche Kriterien für die Unabhängigkeit von Analysten", erklärte Wolf im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Um Interessenkonflikte zwischen einer objektiven Analyse und der Wertentwicklung der eigenen Anlagen von vornherein zu vermeiden, sei es sinnvoll, dass Analysten nur noch über Wertpapiere berichten dürften, die weder sie selbst noch ihr Arbeitgeber im Portfolio hätten, erläuterte Wolf. Über die Ausgestaltung, Kontrolle und Sanktionsmöglichkeiten eines solchen Analysten-Kodexes wolle sie in den nächsten Tagen mit Experten etwa vom Bundesverband der Freien Berufe reden. Gemeinsam solle ein "Ethik-Katalog" erarbeitet werden, den man nicht gesetzlich festlegen, sondern "an der Selbstverwaltung andocken" wolle, sagte Wolf. Anlass für die Initiative sei "der Eindruck, dass Analysten zum Teil interessengesteuert bestimmte Papiere hoch schreiben", so Wolf. Vor diesem Hintergrund gelte es, "zu überlegen, was man tun kann, um den Neuen Markt zu retten", betonte Wolf.

Das Ministerium ist nach Angaben aus Regierungskreisen besorgt, dass die negativen Kursentwicklungen der jüngsten Zeit vor allem auf dem Neuen Markt negative Auswirkungen auf das Verhalten von Kleinaktionären und auf die Finanzierung der Unternehmen haben könnten. Müllers Ziel sei ein "freiwilliges Qualitätssicherungssystem für Analysten, um dem Vertrauensschwund in Aktien-Analysen zu begegnen", erklärte ein Sprecher des Wirtschaftsministers gegenüber dem Handelsblatt. Müller werde zunächst die einschlägigen Verbände zu einem Gespräch einladen, um Kriterien für seriöse Analysen und Wege zur Durchsetzung solcher Regeln zu erörtern. Er strebe dabei nicht an, eine staatliche Berufsordnung für Analysten vorzugeben, wie es sie beispielsweise für Wirtschaftsprüfer gebe. Vielmehr solle von den Beteiligten ein freiwilliges Qualitätssicherungssystem verabredet werden.

Hintergrund der Überlegungen ist die Einschätzung, dass die bisherigen Standesregeln nicht ausreichen. Denn sie würden offenbar nicht hinreichend überprüft. Deshalb wird im Wirtschaftsministerium auch daran gedacht, für die Analysten nach dem Vorbild der Freien Berufe eine Art Selbstverwaltung möglicherweise mit berufsrechtlichen Sanktionen zu schaffen. Nicht nur die selbstständigen, sondern auch die angestellten Ärzte oder Rechtsanwälte unterliegen dem Reglement der Freien Berufe. Auf der Arbeitsebene haben bereits Gespräche zwischen dem Ministerium und dem Bundesverband der Freien Berufe stattgefunden. "Wir stehen Gewehr bei Fuß", sagte der Hauptgeschäftsführer des Verbandes, Arno Metzler, zum Handelsblatt. Der Verband sei derzeit dabei, nach dem Vorbild der Berufsordnungen für Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und Rechtsanwälte Vorschläge aufzulisten. Dabei gehe es beispielsweise um die Zugangsvoraussetzungen zur Ausübung des Analystenberufes, die zulässige Medienpräsenz der Analysten, ihre etwaige Verbindung zu Aktienemittenten und die Kontrolle der ordnungsgemäßen Berufsausübung. Letzteres könnte beispielsweise den Börsen übertragen werden. Da es sich um eine neue Initiative des Bundeswirtschaftsministeriums handele, stünden alle Überlegungen allerdings noch ganz am Anfang.

Das Bundesfinanzministerium ist bisher an dem Vorhaben nicht beteiligt. Für Berufsordnungen sei das Bundeswirtschaftsministerium zuständig, erläuterte eine Sprecherin des Ministeriums. "Wir haben weder aufsichtsrechtlich noch im Börsengesetz eine Regelungskompetenz." Der finanzpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Jörg- Otto Spiller, begrüßte grundsätzlich die Absichten des Bundeswirtschaftsministeriums. Bessere Regeln für Aktienanalysten seien wichtig. Allerdings warnte Spiller vor überzogenen Bestimmungen. "Wir brauchen keinen Diplom-Analysten mit amtlichem Siegel." Der finanzpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Hermann Otto Solms, wies die Pläne dagegen kategorisch zurück. "Wolf sollte sich lieber um Deregulierung kümmern. Regulierung haben wir genug", meinte der FDP-Politiker zum Handelsblatt.

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