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26.06.2000

14:14 Uhr

Wissenschaft und Privatunternehmen arbeiten jetzt zusammen

Menschlicher "Bauplan" wird im Herbst veröffentlicht

Wissenschaftler des Humangenomprojekts (HGB) haben 97 % des menschlichen Bauplans entschlüsselt. Schon bald sollen genetisch bedingte Krankheiten wie Krebs erfolgreich behandelt werden können, sagt der deutsche HGP-Forscher Andre Rosenthal, der von einem Meilenstein, vergleichbar mit Mondlandung und Erfindung des Rades, spricht. Eine vollständige Karte des Genoms soll allerdings erst bis spätestens 2003 fertig gestellt sein. Im Herbst will die HGP mit ihrem bisherigen kommerziellen Konkurrenten Celera Genomics immerhin schon einen ersten Bauplan vorstellen.

rtr/afp BERLIN/WASHINGTON. Die Identifizierung des menschlichen Erbgutes könne von seiner Bedeutung nicht hoch genug eingeschätzt werden, sagte Rosenthal in Berlin. In acht bis zehn Jahren bereits, statt wie üblich in zehn bis 15 Jahren, würden die ersten Medikamente auf dem Markt sein, die Krankheiten wie Krebs sowie Herz-Kreislauf- Erkrankungen und vieles mehr erfolgreich bekämpfen könnten. "Wir haben nun die Möglichkeit, dass bislang unheilbare Krankheiten einmal behandelt werden können", sagte er. Dieser Erfolg der HGP-Forscher markiere einen Meilenstein, wie seinerzeit die Erfindung des Rades oder die Mondlandung.

Dies sei nicht nur die herausragende Errungenschaft der Gegenwart, sondern auch der Menschheitsgeschichte, sagte in London der Leiter einer am HGP beteiligten britischen Stiftung für medizinische Forschung, Wellcome Trust, Michael Dexter. 85 Prozent des entzifferten Materials lägen detailliert vor. Mit der Ankündung wurden seit Monaten kursierende Gerüchte über den Stand der Bemühungen bestätigt, die DNS, die Erbsubstanz, des Menschen zu entziffern.

Im HGP sind hunderte Wissenschaftler aus 16 Institutionen aus den USA, Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Japan und China zusammengeschlossen. Seit zehn Jahren arbeiten sie an einer öffentlich zugängliche Karte der menschlichen Erbsubstanz. Die dabei gewonnenen Daten werden als öffentliches Eigentum ins Internet gestellt. Die Erkenntnisse werden bereits bei der Erforschung von Krankheiten wie Diabetes, Krebs und Geburtsfehlern verwendet.

Wettrennen mit Celera beendet

An der Entzifferung arbeitet auch die im September gegründete US-Firma Celera. Sie hat bislang erklärt, die Informationen aus ihrer Datenbank verkaufen zu wollen. Celera und HGP hatten sich ein teilweise verbissen geführtes Wettrennen um die Entzifferung geliefert. Clinton sagte bei einer Zeremonie in Washington, die öffentlichen und privaten Forschungsgruppen hätten sich nun verpflichtet, im Laufe des Jahres ihre Daten gemeinsam zu veröffentlichen.

Das Unternehmen Celera selbst meldete, sie wolle ihren Bauplan des menschlichen Erbgutes im Herbst kostenlos zur wissenschaftlichen Nutzung freigeben. Die Karte werde im Internet frei zugänglich gemacht, sobald ein geplanter Artikel über die Erkenntnisse in einer Fachzeitschrift veröffentlicht sei, sagte Celera-Chef Craig Venter am Montag vor Journalisten in Washington. Bis dahin sei die Blaupause für zahlende Kunden reserviert. Auch nach der freien Veröffentlichung werde die Firma weiter an ihrer Forschungsleistung verdienen, indem sie Kunden helfe, die Humangenom-Karte zu interpretieren. Zudem seien Vergleichsdaten notwendig, zum Beispiel das Erbgut einer Maus, um den Bauplan des menschlichen Genom richtig zu lesen und nutzen zu können.

"Gemeinsames Erbe der Menschheit"

Frankreichs Forschungsminister Roger-Gerard Schwartzenberg sagte in Paris, die genetischen Daten müssten öffentliches Eigentum bleiben. "Das menschliche Genom gehört zum gemeinsamen Erbe der Menschheit," sagte er in Paris. Das Wissen dürfe nicht Einzelnen zufallen. Im März hatten Clinton und der britische Premierminister Tony Blair bereits einen freien Zugang der Wissenschaft zu menschlichen Gen-Karten gefordert. Der Schutz der Ergebnisse der Gen-Forschung als geistiges Eigentum werde künftig eine große Rolle spiellen, um die Entwicklung neuer medizinischer Produkte anzustoßen, erklärten sie.

Deutschland liegt bei Forschungsausgaben auf Rang zwei

Forschungsstaatssekretär Wolf-Michael Catenhusen (SPD) sagte in Berlin, durch das Ergebnis könnten jetzt sehr viel direkter die Ziele für die Medikamentenentwicklung ermittelt werden. Das spare möglicherweise viel Zeit. Die Bundesregierung habe bereits im Haushalt 2001 die Mittel für das HGP von 45 Millionen auf 66 Millionen Mark aufgestockt. Zugleich seien auch die Mittel für die Genprojekte allgemein auf 95 Millionen Mark und damit auch um rund 50 Prozent erhöht worden. Insgesamt gebe Deutschland für die Genforschung 400 Millionen Mark aus und liege damit weltweit hinter den USA auf Nummer zwei. Rosenthal und anderen deutsche Wissenschaftler hatten kritisiert, dass Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern nur geringe Mittel für die Entzifferung des Genoms ausgebe.

Weiter Weg zu neuen Medikamenten

Eine vollständige Karte des Genoms soll bis spätestens 2003 fertig gestellt sein. Ihre Erstellung ist der erste Schritt zu der späteren Entschlüsselung des Erbgutes. Damit würde auch die genau Funktion der einzelnen Gene bekannt werden. Forscher und Ärzte erhoffen sich davon unter anderem Erkenntnisse über den Ursprung von Krankheiten, Ansätze für neue Heilverfahren und eine Grundlage für die Entwicklung neuer Medikamente.

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