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25.01.2006

08:35 Uhr

World Economic Forum

Bilanz 2005: Die Grundwerte der „reichen Snobs“

Am Montag nach dem Treffen 2005 begannen die Aufräumarbeiten im schweizerischen Davos. Zeit für eine Bilanz. War das Treffen das "große Zappen durch die Weltprobleme"? Eine Zusammenkunft "von einem Haufen reicher Snobs"? Oder der Beginn der Rückkehr der Grundwerte?

Auch U2-Sänger Bono hatte auf dem World Economic Forum 2005 seinen Auftritt. Ihm lauschen (von links): der ehemalige US-Präsident Bill Clinton, Microsoft-Kopf Bill Gates und der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki. Foto: AP

Auch U2-Sänger Bono hatte auf dem World Economic Forum 2005 seinen Auftritt. Ihm lauschen (von links): der ehemalige US-Präsident Bill Clinton, Microsoft-Kopf Bill Gates und der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki. Foto: AP

HB DAVOS. Am alljährlichen Stelldichein der Welt-Elite in den Schweizer Alpen scheiden sich die Geister. Die einen halten das Weltwirtschaftsforum in Davos für pure Zeitverschwendung, weil bei diesem "Welttheater" zu viel "heiße Luft" durch das Kongress-Zentrum wehe. Die anderen schwärmen von den Kontaktmöglichkeiten zwischen Wirtschaftsbossen und Politikern, Künstlern und Kirchenleuten in entspannter Atmosphäre, die so nirgends auf der Welt zu finden sei. Und dann sind da noch die Globalisierungskritiker, die mit dem Weltsozialforum in Brasilien gleich einen ganzen "Gegen-Gipfel" organisierten.

Bei der Zusammenkunft "von einem Haufen reicher Snobs", wie WEF-Fan Bill Clinton selbstironisch anmerkte, standen dieses Mal 2 250 Prominente aus 96 Ländern auf der Gästeliste. Die Weltmacht USA war wegen des Starts der zweiten Bush-Regierung schwach vertreten, die Europäer dafür umso stärker. China unterstrich seine wachsende Bedeutung mit einer riesigen Delegation. Für die deutsche Wirtschaft war Davos wieder ein Pflichttermin. Und auch die Politik war dieses Mal hochkarätig mit Bundeskanzler Gerhard Schröder an der Spitze vertreten.

Wegen des schier unbegrenzten Themenspektrums eine klare Bilanz des Großereignisses ziehen zu wollen, wäre vermessen. Es reichte von Irans Atomprogramm über Terrorismus bis zur Entwicklungshilfe, von Europas Wachstumsschwäche bis zum Besorgnis erregenden US- Haushaltsdefizit, vom neuen Wirtschaftsriesen China bis zu den Krisenherden Nahost, Irak, Afghanistan oder Nordkorea. "Das große Zappen durch die Weltprobleme" nannte es die "Neue Zürcher Zeitung".

"Neuanfänge" hatte WEF-Gründer Klaus Schwab versprochen. Die gab es in vielerlei Hinsicht. Vier Wochen nach der Flutkatastrophe in Südasien schien ein neues Solidaritätsgefühl die Mächtigen zu beseelen, wie sich beim Thema Armutsbekämpfung zeigte. Die reichsten Länder (G-8) wollen dieses Problem besonders in Afrika konkret angehen, streiten aber noch über die Finanzierung. Angesichts der vielen Debatten über Hilfe für die Benachteiligten sahen manche Teilnehmer schon ein großes Comeback der menschlichen Grundwerte voraus.

Diesem Trend wollten sich auch die Top-Manager nicht verschließen. Sie diskutierten über soziale Verantwortung bei Workshops wie "Kann ein Unternehmen edle Ziele haben?" 62 Großfirmen unterschrieben sogar eine Erklärung zur Ethik in der Wirtschaft.

Auch Newcomer in der Politik hatte der 66-jährige Wirtschaftsprofessor aus Ravensburg eingeladen. Unter ihnen war der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko. Seinen ersten WEF-Auftritt ließen die Veranstalter von Video-Clips des "orangenen Revolution" in Kiew begleiten. Doch die rührselige Inszenierung eines harten und gefährlichen politischen Kampfes schien wenig zu dem persönlichen Drama des von einem Giftanschlag schwer gezeichneten Mannes zu passen.

Politik mit Unterhaltungs-Elementen zu mischen, ist zu einem der Markenzeichen des WEF geworden. Die Pressekonferenz der US-Schauspielerin Angelina Jolie, der Sonderbotschafterin des UN - Flüchtlingshilfswerks UNHCR, hatte den gleichen Zulauf wie die Juschtschenkos. Politische Anliegen von Hollywood-Prominenz wie Richard Gere und Sharon Stone oder Stars wie Gerard Depardieu und Bono unters Volk bringen zu lassen, hatte in Davos Konjunktur.

Die Zukunft wird zeigen, was von diesem "Jahrmarkt der Ideen", wie es ein Teilnehmer nannte, bleiben wird. Oder ob die vielen flammenden Appelle, die Welt zu verbessern, ungehört verhallen.

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