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05.01.2010

16:31 Uhr

Zahlensalat

Ökologische Pseudometrik

VonWolfgang Brachinger (Uni Fribourg)

Beim Klimaschutz geht es um durchschnittliche Temperaturänderungen. Aber die sind nur schwer zu messen und zu bewerten.

Der Klimagipfel von Kopenhagen ist bekanntlich gescheitert. Nichts wurde es mit einem verbindlichen Regelwerk für den Klimaschutz. Herausgekommen ist nur, dass der globale Temperaturanstieg unter zwei Grad Celsius bleiben sollte. Diese Absichtserklärung wird nun schöngeredet. Von einer neuen "Metrik" in Sachen Klimaschutz ist da die Rede. So einfach ist die Sache aber nicht.

Schon die Ermittlung der globalen Temperatur ist ein Problem. Es gibt kein Thermometer, mit dem man die Erdtemperatur messen könnte. Sie muss geschätzt werden. Dazu werden jeden Monat Tausende von Einzelmessungen auf dem Festland mit Tausenden von Messungen über den Ozeanen verknüpft. Die Kombination dieser Messungen ist nicht einfach. Die Messinstrumente sind nicht gleichmäßig über die Erde verteilt. Die Qualität der Messinstrumente und die Orte, an denen gemessen wird, ändern sich fortlaufend. Vor der Mitteilung müssen die Messwerte um Temperaturänderungen bereinigt werden, die von nicht klimabedingten Faktoren stammen.

Das Hauptproblem des globalen Zwei-Grad-Ziels besteht aber gerade in dieser Mittelung. Tatsächlich sind verschiedene Regionen der Erde von der Erwärmung ganz unterschiedlich betroffen. Im Inneren des asiatischen Kontinents ist die Temperatur seit 1900 besonders stark gestiegen. Andererseits gibt es Regionen wie den Nordatlantik im Süden Grönlands, in denen es seit 1900 sogar kühler geworden ist. Vor allem aber sind die Konsequenzen einer Erwärmung auch unterhalb des Zwei-Grad-Ziels für verschiedene Regionen unterschiedlich gravierend. Für die Nordeuropäer ist eine Erwärmung von unter zwei Grad sicher noch tolerierbar, für manche Inselstaaten im Pazifik ist sie tödlich.

Die starre Metrik erweckt schließlich den Eindruck, als stünde die Erde vor genau zwei Szenarien: einem Szenario, in dem man weiter davon träumen kann, dass alles nicht so schlimm sein wird, und einem Horrorszenario, in dem alles zu spät ist. Dafür gibt es keine wissenschaftliche Evidenz. Tatsächlich sind unendlich viele Szenarien vorstellbar. In Anbetracht dieser Unsicherheit ist es vernünftig, ein einfaches, plakatives Ziel zu haben. Aber eine Metrik in Sachen Klimaschutz hat man so mitnichten.

Kommentare (2)

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Prof. dr. U.Kockelkorn

06.01.2010, 13:26 Uhr

Wie bei Herrn brachinger nicht anders zu erwarten ein vernünftiger und notwendiger Ordnungsruf

Juerg Kuoni

06.01.2010, 16:33 Uhr

offenbar ist es sogar aus ökonomischen Gründen möglich, jenseits von Klima-Fundamentalismus und Marktbesoffenheit einen pragmatischen Standpunkt zu definieren!

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