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23.04.2003

06:00 Uhr

Zeitiges Engagement eröffnet neue Märkte

Weltweiter Emissionshandel

VonSilvia von der Weiden

Pluspunkte für die Energiebilanz lassen sich auch durch Investitionen in Klimaschutzprojekte der Entwicklungsländer sammeln. Pionier beim internationalen Handel mit Verschmutzungsrechten ist die Energiewirtschaft.

DÜSSELDORF. Die Kyoto-Vereinbarung sieht drei flexible Instrumente zur Reduktion von Treibhausgasen vor. Neben dem Emissionshandel, bei dem staatlich erteilte Lizenzen auf CO2-Minderungen im eigenen Land abzielen, können sich Unternehmen auch durch projektbezogene Reduktionsmaßnahmen im Ausland Emissionsgutschriften anrechnen lassen. Damit ist sichergestellt, dass CO2-Reduktionen dort umgesetzt werden, wo sie besonders wirksam und wirtschaftlich sind. Bei der so genannten Joint Implementation machen zwei Partner aus Industrieländern gemeinsame Klimageschäfte. Im Falle von Clean Development Mechanisms verbessert ein Unternehmen aus einem Industrieland seine Treibhausgas-Bilanz, indem es einen Partner aus einem Entwicklungsland bei der Emissionsreduktion unterstützt. Bislang sind solche Projekte hier zu Lande Neuland, auf das sich aber nun immer mehr Unternehmen vorwagen.

"Es ist für die betroffenen Unternehmen vorteilhaft, die Emissionsminderung in kleinen Schritten, über einen längeren Zeitraum und unter klaren, fairen Rahmenbedingungen vorzunehmen", so die Erfahrung von Helmuth Groscurth, Leiter der Abteilung Energiekonzept Zukunft der Hamburgischen Electricitäts AG-Werke (HEW). Vor drei Jahren hat der Manager ein Pilotprojekt zum CO2-Handel mit einem kanadischen Partnerunternehmen eingefädelt. Einen Teil der Investitionen, die die HEW in den Betrieb von Windkraftanlagen in Hamburg steckten, bekamen sie vom kanadischen Energieversorger Transalta zurück. Der erhält im Gegenzug seit dem Jahr 2000 bis 2007 jährliche Emissionsrechte in Höhe von insgesamt 24 000 t gutgeschrieben. Bei dem Abschluss handelt es sich um das erste transatlantische Geschäft dieser Art. Jährlich prüft nun ein vom Verkäufer bestimmter neutraler Gutachter - die HEW wählte den TÜV -, ob die Emissionen tatsächlich wie angegeben reduziert werden. Die Prüfung entspricht einem Gütesiegel, das den Verkauf der Emissionsrechte an weitere Interessenten erleichtern soll.

Auch die Essener Ruhrgas AG investiert seit Jahren in die automatische Pipelinesteuerung beim russischen Partnerunternehmen Gazprom und bessert so die eigene Klima-Bilanz auf: Ein spezielles Computerprogramm optimiert und überwacht Betriebsführung und Verdichterstationen. In dem 800 km langen Teilstück des russischen Leistungsnetzes werden pro Jahr 250 Milliarden Kubikmeter Erdgas transportiert. Von der dafür verbrauchten Antriebsenergie erspart das Computerprogramm jährlich rund 1,5 Milliarden kWh und vermeidet CO2-Emissionen von 447 000 t.

Die Ruhrgas setzt auf den weiteren Ausbau ihrer Joint-Implementation-Kooperationen und hat bereits eine Ausweitung der Treibhausgas-Einsparungen mit dem russischen Partnerunternehmen verabredet. Eine gemeinsame Arbeitsgruppe erarbeitet derzeit Lösungen für die Modernisierung der maroden russischen Energieversorgung. Am Beispiel einer russischen Kleinstadt soll das städtische Wärmenetz auf den neusten technischen Stand gebracht werden. Das zentrale Heizwerk wird mit einem modernen Blockheizkraftwerk ausgerüstet, das künftig auch Strom liefern wird. Alle Hausanschlüsse werden erstmalig mit Gasströmungswächtern ausgerüstet, die im Falle von Leitungsbrüchen gefährliche Gasaustritte verhindern. Nach den Berechnungen der Expertengruppe kann allein die Umstellung von Kohle und Heizöl auf Erdgasbetrieb der Stadt pro Jahr rund 30 000  t CO2 ersparen. Eine Energieberatungsstelle vor Ort soll zudem die Bevölkerung bei der Ausstattung mit umweltschonenden Geräten beraten. Klimaschutz ist so für den Essener Energiekonzern zu einem lukrativen Geschäft geworden.

"CO2-Emissionhandel in Mittel- und Osteuropa - eine Chance für Unternehmen des Energiesektors", titelt denn auch eine gemeinsame Untersuchung der internationalen Unternehmensberatung A.T. Kearney und des Budapester Finanzdienstleister Vertis Environmental Finance. Da der Ausstoß der osteuropäischen Länder weit unter den im Kyoto-Protokoll vereinbarten zulässigen Mengen liegt, sehen die Wirtschaftsbeobachter die Region als einen der "weltweit wichtigsten Märkte für CO2-Reduktionsprojekte mit niedrigen Grenzkosten der Emissionsvermeidung". Allerdings seien Emissionshandel und Investitionen in projektbasierte Emissionsreduktionen nicht ohne jedes Risiko. In vielen Fällen fehle noch ein institutioneller Rahmen auf nationaler Ebene. Bei Projekten müsse zudem mit einem erheblichen Aufwand durch Bürokratie gerechnet werden; ein Markt für unverdrossene Pioniere also. "Insbesondere Firmen des Energiesektors können jetzt mit ersten Handelsaktivitäten und Pilotprojekten Erfahrungen sammeln", so die Analyse.

Investitionswillige Unternehmen möchte auch die Weltbank für Klimaschutz-Projekte vor allem in infrastrukturschwachen Schwellen- und Entwicklungsländern interessieren. Aufbauend auf dem von der Weltbank vor drei Jahren mit 180 Millionen US-$ ausgestatteten so genannten Prototyp Carbon Fund, soll die Stiftung nun als finanziell erweiterter BioCarbon-Fund weitergeführt werden. Auf dem Programm steht die Förderung von Ökoprojekten für eine nachhaltige Landwirtschaft oder die Aufforstung der Regenwälder. Wer sich an den Projekten mit einem Mindestbeitrag von 2,5 Millionen US-$ beteiligt, kann Emissionsgutschriften einstreichen. ,,Untersuchungen der Weltbank haben ergeben, dass sich 2002 der weltweite Emissionshandel der Unternehmen mit 67 Millionen Tonnen CO2 zwar verdreifacht hat. Die Studien zeigen aber zugleich, dass nur 13% der Transaktionen den Entwicklungsländern zugute kommen", sagt Ian Noble, Vorsitzender im Beratergremium der Stiftung. Er hofft, dass sich bis zum offiziellen Start der Stiftung im Herbst dieses Jahres, genügend Investoren finden, die bereit sind, Klimaschutz auch als Verantwortung gegenüber der Dritten Welt zu begreifen.

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