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02.05.2003

07:53 Uhr

Zentralbank lockert erneut Geldpolitik zur Stützung des Finanzsystems

Trendwende in Japan lässt auf sich warten

VonNicole Bastian

Der stetige Kursverfall in Japan sorgt die Notenbank und die Regierung des Landes. Doch ungeachtet neuerlicher Stützungsmaßnahmen dürften die Turbulenzen am japanischen Aktienmarkt anhalten. Ein erstes Aufatmen an der Börse Tokio erwarten Experten erst in einigen Monaten.

TOKIO. "Die Aktienkursentwicklungen, vor allem bei Bankaktien, bleibt schwach und volatil." Mit dieser Begründung drehte der geldpolitische Rat der Zentralbank in Japan am Mittwoch den Geldhahn für die Banken weiter auf. Statt 17 bis 22 Bill. Yen dürfen private Banken jetzt 22 bis 27 Bill. Yen (1 Bill. Yen entsprechen ca. 7,52 Mrd. Euro) bei der Zentralbank an Guthaben halten. Gleichzeitig versicherte der Rat: "Wir beobachten sorgsam, dass die Aktienkursentwicklungen die Finanzmärkte und die Wirtschaftsaktivitäten nicht negativ belasten."

Auch die japanische Regierung und die Koalitionsparteien basteln derzeit an Notpaketen für den Aktienmarkt. Spekulationen über Stützungsmaßnahmen ließen die Aktien in Tokio zuletzt steigen. Doch die Sorgen der Japaner sind berechtigt. Denn seit seiner Erholung in der ersten Hälfte 2002 fällt Japans Leitindex Nikkei-225 stetig und erschreckt die Anleger mit immer neuen 20-Jahrestiefs. Gestern schloss der Nikkei mit 7863,29 Punkten.

Analysten sehen auch noch keine Erholung. Denn gleich mehrere Faktoren drücken auf die Kurse. "Wegen des schlechten Nachfrage- und Angebotsverhältnisses bei japanischen Aktien kann es sich der Markt derzeit gar nicht erlauben, auf die wirtschaftlichen Fundamentaldaten zu schauen", meint Juichi Wako, Aktienstratege der Investmentbank Nomura. Viele ausländische Investoren haben ihre Positionen in Japan verringert. Zusätzlich belasten Umschichtungen japanischer Lebensversicherungen und Rentenfonds in Anleihen die Aktien. Allein staatliche Rentenfonds, Postbank und Postversicherung dürften laut Goldman Sachs bis 2006 jährlich 1,8 Bill. Yen weniger in japanische Aktien investieren - und sogar 3,5 Bill. Yen weniger in ausländische Aktien.

Doch der größte Druck auf die Kurse geht von der Verlagerung einiger Rentenfonds von Unternehmen zurück an das Wohlfahrtsministerium aus. Weil dessen Fonds einen anderen Zuschnitt hat, müssen die Firmen Blue Chips verkaufen. Dies drückt Aktien wie Toyota völlig unabhängig von Firmendaten. Etwas besser entwickeln sich kleinere Aktien. Die Rentenfonds werden im Oktober übertragen. "Bis dahin ist es sehr schwer, sich eine größere Erholung vorzustellen", meint Wako. Vor allem bis Ende Mai, wenn die Bilanzvorlagen von Banken und Versicherungen anstehen, dürfte die Unsicherheit anhalten. Bis Ende 2003 erwartet er dann eine Erholung auf 9 000 Punkte. Trotz der Probleme auf der Makroebene sollten laut Wako die globale Wirtschaftserholung und die Profitabilitätssteigerung japanischer Unternehmen die Kurse stützen. Andere Analysten trauen dem Nikkei bis Jahresende auch 10 000 Yen oder mehr zu.

Uneins sind die Analysten über die Entwicklung danach. Naoki Kamiyama, Stratege der US-Investmentbank Morgan Stanley, etwa hält 10 000 Yen für eine faire Bewertung des Nikkei. Blue Chips, vor allem Exportwerte wie Auto- und Elektronikhersteller, würden gut laufen, wenn der Druck der Pensionsfonds nachlasse. Bleibe es bei einer zyklischen Erholung, sieht er über die 10 000er-Marke hinaus aber kaum Spielraum. Doch bestehe die Chance, dass in den nächsten Monaten mit der neuen Industrie-Wiederaufbau-Agentur IRC ein Hauptproblem in Japan angegangen wird: das reale Überangebot in vielen Branchen. Die IRC soll entscheiden, wo eine Rettung der verschuldeten Firmen noch lohnt, die anderen abschreiben. "Das ist eine höchst sensitive Sache, wenn die ersten Fälle gut ausgesucht werden, könnte das die Stimmung ändern", meint Kamiyama. "Und in zwei bis drei Jahren könnten wir den Wendepunkt haben." Dann könne der Nikkei bis auf 15 000 Punkte steigen.

Ganz anders sieht das Chefstratege Atsushi Mizuno von Deutsche Securities. Die Umstrukturierung der Firmen auf breiter Front könne noch mehr als zehn Jahre dauern. "Wenn die Marktteilnehmer erst einmal erkennen, wie schwerwiegend die Bilanzprobleme der japanischen Firmen sind, wird ein Fall des Nikkei auf ein Niveau von 6 000 Yen wahrscheinlich." Nomura - Experte Wako rechnet nur mit ein bis zwei Jahren, bis sich eine wirtschaftliche Gesundung zeigt. Er ist aber überzeugt: "Die Zukunft sieht aber auf jeden Fall besser aus als die Gegenwart." Auf Fünf-Jahres-Basis empfehlen nicht wenige Analysten japanische Aktien als lohnende Finanzanlage.

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