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29.06.2000

19:00 Uhr

Zuversicht in Tokio - Einige Unternehmen zeigen großen Reformeifer.

Schafft die japanische Börse erneut die Wende?

VonKATHRIN TERPITZ, Tokio

Wer japanische Aktien im Depot hat, wird gegenwärtig auf eine harte Probe gestellt. Denn die Kapriolen des Nikkei - der Index der 225 führenden Aktientitel - sind mehr als ein Sturm im Wasserglas: Seit Anfang 1999 hatte sich Japans wichtigstes Aktienbarometer immer weiter nach oben geschraubt - bis auf über 20 000 Punkte Mitte April dieses Jahres. Dann folgte der dramatische Kursrückgang um 20 % in nur vier Wochen auf 16 000 Zähler. Dabei schlug der Einbruch der Technologiewerte stark ein, da diese Titel gerade erst im Nikkei-Index stärker gewichtet worden waren. Sie machen nun etwa 43 % der Werte aus. Derzeit dümpelt der Nikkei unentschlossen um die 17 000er-Marke.

Zwar haben sich jetzt die Wogen etwas geglättet, doch noch fehlt dem Markt ein klares Signal nach oben. Japans Unternehmen befinden sich im Umbau. Außerdem sorgen Zinsängste - in den USA ebenso wie in Japan - für Unsicherheit. Dennoch erwarten Analysten für das kommende Jahr einen stetigen Anstieg des Nikkei. Wer gezielt auf innovative Restrukturierungswerte setzt, dürfte belohnt werden. Wem die Auswahl einzelnder Aktien zu riskant erscheint, sollte zu breit streuenden Investmentfonds greifen.

"Die internationalen Aktienanleger mussten ihren Traum vom neuen Japan deutlich herunterschrauben", erklärt Jesper Koll von Merrill Lynch, Tokio. Ausländische Investoren, vor allem Amerikaner, zogen allein im Mai über eine Billion Yen (ca. 10 Mrd. Euro) aus Japan ab - der höchste Abfluss seit zehn Jahren. "Keine besondere Überraschung, bedenkt man die vorherige Kaufwut", meint der Chefvolkswirt. Zwischen Anfang 1999 und Mitte März 2000 hatten internationale Anleger japanische Aktien für etwa 10 Bill. Yen gehamstert. "Erstmals in der Geschichte sind Japanwerte in den Portfolios eher übergewichtet", so Koll.

Zum Missfallen der Anleger kommen jedoch derzeit aus Japan wenig Impulse. Was den Markt gegenwärtig lähmt, ist nach übereinstimmender Ansicht der Analysten der Reformstau in Wirtschaft und Politik. Nach der Unterhauswahl vom Sonntag, in der die Regierung knapp bestätigt wurde, sind kaum neue Initiativen zu erwarten.

Die meisten Unternehmen aber haben inzwischen selbst erkannt, dass sie ohne rigorose Umstrukturierung im globalen Wettbewerb untergehen. Ken Okamura von Dresdner Kleinwort Benson ist überzeugt: "Keine japanische Firma setzt mehr blind auf Expansion und Umsatzsteigerung."

Die Reformanstrengungen tragen schon erste Früchte. Die japanischen Unternehmen verbuchten im Geschäftsjahr 1999/2000 ein Rekordwachstum bei den Gewinnen. Sie stiegen laut Goldman Sachs im Schnitt um 26,6 % - und das, obwohl die Umsätze im selben Zeitraum um 0,6 % schrumpften. Diese Erfolge wurden an der Börse bislang jedoch kaum gewürdigt. "Japans Firmen müssen die Arbeitskosten weiter senken", mahnt Robert Feldman von Morgan Stanley Dean Witter. "Würde der Nikkei jetzt auf 23 000 Punkte steigen, wäre das eine Katastrophe! Dann würden sich die Unternehmen wieder untätig zurücklehnen." Wird der Reformeifer jedoch durchgehalten, dürften die Firmen im laufenden Geschäftsjahr erneut satte Gewinnsteigerungen von 20 bis 30 % einfahren. Davon sind selbst eher skeptische Analysten überzeugt. Jesper Koll erwartet, dass der Nikkei auf 21 000 Punkte steigt, wenn im Frühjahr die positiven Ergebnisse bekannt werden. "Ende 2003 könnte durchaus wieder die 30 000er-Marke erreicht werden."

Die meisten Analysten sind da zurückhaltender, wie Umfragen der Wirtschaftszeitung "Nihon Keizai Shimbun" zeigen. Alex Kinmont von Morgan Stanley sieht den Nikkei in einem Jahr bei 19 000. Noch skeptischer ist Chisato Haganuma von Nomura Securities. Er schätzt den Index zum Jahresende auf 17 000 und auf 18 000 im nächsten Sommer. "Vom US-Markt könnte erneut Verunsicherung über eine Konjunkturüberhitzung herüberschwappen", warnt nicht nur er.

Bei der Abhängigkeit zwischen Dow Jones und Nikkei hat sich für Merrill Lynch folgende Gesetzmäßigkeit herauskristallisiert: Je größer die Kursschwankungen am US-Markt, desto ähnlicher reagiert der Nikkei. Wenn die Schwankungsbreite in den USA gering ist, entwickelt sich der Nikkei eher entgegengesetzt zum Dow Jones. Ein weiterer Unsicherheitsfaktor für den Nikkei ist die mögliche Aufhebung der Nullzinspolitik in Japan. Jesper Koll schätzt die Wahrscheinlichkeit einer Zinsänderung bis Mitte Juli aber auf nur 40 %. Die Bank of Japan sei nicht daran interessiert, die mühsam errungene wirtschaftliche Erholung zu gefährden. Auch Kinmont und Haganuma glauben nicht, dass die Bank derzeit diesen Schritt wagt.

Diese Politik des "billigen Geldes" ist es aber, die die Umstrukturierung vieler Unternehmen verzögert. Dies räumt selbst Notenbankchef Hayami ein. Durch die extrem niedrigen Kreditzinsen werden ineffiziente Firmen künstlich am Leben gehalten, kritisiert Haganuma. "Anleger müssen in Japan genau differenzieren zwischen den Starken und den Schwachen, denn Letztere überleben nur durch die Nullzinspolitik", warnt Robert Feldman.

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