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04.02.2001

15:43 Uhr

Zwei Tage vor der Wahl

Barak wirbt verzweifelt um Araber

Zwei Tage vor der Wahl des neuen israelischen Ministerpräsidenten hat eine der wichtigsten ultra-orthodoxen Parteien des Landes am Sonntag zur Wahl des rechtsgerichteten Ariel Scharon aufgefordert. Die Führer des Vereinigten Torah-Judentums, einer Partei der aus Europa stammenden Orthodoxen, erklärten, Gläubige sollten den Kandidaten wählen, dessen Partei "den jüdischen Werten am nächsten steht". Sie kündigten an, dass sie nach der allgemein erwarteten Wahl Scharons eine Koalition mit der rechten Likud-Partei eingehen wollen.

dpa JERUSALEM. Scharon versicherte darauf am Sonntag, er habe den Ultra- Orthodoxen keine Zugeständnisse für eine Regierungsbeteiligung gemacht. Im Januar hatte sich schon die ultra-orthodoxe Schas-Partei für Scharon ausgesprochen, der nach jüngsten Umfragen mit bis zu 21 % vor dem amtierenden Premier Ehud Barak liegt. Scharon muss fürchten, dass er säkulare Wähler, vor allem rund eine Million russische Einwanderer, vergrault, wenn er zu viel Rücksicht auf die orthodoxen Parteien nimmt.

Barak versuchte unterdessen verzweifelt, Israels arabische Wähler von ihrem angekündigten Wahlboykott abzubringen. Auf der wöchentlichen Kabinettssitzung erklärte Barak, er bedauere "zutiefst" den Tod der 13 Araber, die Anfang Oktober bei Demonstrationen im Norden Israels von israelischen Polizisten erschossen wurden. Der Regierungschef übernahm erstmals offiziell die "letzte Verantwortung" für das umstrittene Verhalten der Polizei, die mit scharfer Munition auf die Demonstranten schoss.

"Ich drücke, auch im Namen meiner Regierung, mein tiefes Bedauern über den Tod der arabischen Mitbürger aus. Kein Israeli sollte bei einer Demonstration getötet werden, nicht einmal, wenn sie verboten wurde," sagte Barak. Israelische Araber stellen insgesamt zwölf Prozent der Wahlberechtigten. Bei der Wahl 1999 hatten sie zu 95 % für Barak gestimmt.

Stimmabgabe hat begonnen

Ungeachtet des Werbens von Barak forderte ein prominenter israelischer Araberführer am Sonntag die Palästinenser im Westjordanland und Gazastreifen auf, den Kampf gegen Israel auch nach einer Wahl Scharons fortzusetzen. Asmi Bischara, der bei der Wahl 1999 erst im letzten Moment seine Kandidatur zu Gunsten Baraks zurückgezogen hatte, sagte in Ramallah, die palästinensische Öffentlichkeit solle "nicht in Panik geraten", wenn Scharon gewählt werde. Eine Beendigung der Gewalt werde von der israelischen Rechten als Bestätigung ausgelegt, "dass nur eine Politik der Stärke gegen die Palästinenser" etwas nütze.

48 Stunden vor der Wahl erklärte die Fatah-Organisation von Palästinenserpräsident Jassir Arafat den kommenden Dienstag zu einem "Tag des Zorns", an dem mit Ausschreitungen und anderen Aktionen gegen die israelische Besatzung protestiert werden soll. Israelische Soldaten hatten am Samstagabend am Rande des Gazastreifens einen Palästinenser erschossen, der nach Armeeangaben versucht hatte, die Grenze nach Israel zu überschreiten. Barak sagte am Sonntag, die Zahl der gewalttätigen Zwischenfälle in den Palästinensergebieten sei zwar gesunken, aber insgesamt gefährlicher geworden.

Der Mufti von Jerusalem, das religiöse Oberhaupt der Moslems in der Stadt, verbot Moslems am Sonntag, an der Ministerpräsidentenwahl teilzunehmen. Wer einem Juden seine Stimme gebe, verstoße gegen islamisches Gesetz, sagte Mufti Ikram Sabri nach Angaben des israelischen Rundfunks.

In Israel haben am Sonntag etwa 200 000 Soldaten mit der Stimmabgabe begonnen. Wahlurnen wurden am Morgen in entlegene Stützpunkte und in die besetzten Palästinensergebiete gebracht, um Armeeangehörigen die Wahl zu ermöglichen. Bereits am Freitag hatten mehrere hundert israelische Soldaten im indischen Erdbebengebiet gewählt, wo sie als Katastrophenhelfer eingesetzt werden.

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