Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

04.06.2000

19:00 Uhr

Zwei Tore machen aus Pannen-Olli schnell wieder den Golden Boy

Bierhoffs Bankgeheimnis heißt: Ruhe bewahren

VonMatthias Eberle

Er zählt gewiss nicht zu den begnadeten Technikern in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Oliver Bierhoff aber schießt Tore - viele Tore. Nach zwischenzeitlicher Ladehemmung traf er jetzt gegen Tschechien wieder. Kurz vor der EM dürfte der 32-jährige Stürmer seinen Stammplatz zurückerobert haben.

NÜRNBERG. Der Elfmeterschuss hatte Wutfaktor zehn: Rumms, was hat das zarte Leder gelitten. Und der letzte Kopfball segelte mit der Präzision einer Schweizer Uhr ins Netz, ganz wie man es von Oliver Bierhoff gewohnt ist. Spät, aber gerade noch zur rechten Zeit - wie einst 1996 im Wembleystadion: Diesmal war?s Minute 90, im Nürnberger Frankenstadion: Aus dem staksig stürmenden Pannen-Olli wird wieder der Golden Boy. Sein Kopfballtor zum 3:2 beschert der deutschen Fußball-Nationalmannschaft einen Achtungserfolg über Tschechien.

Ein Sieg in einem Freundschaftsspiel zwar nur, aber so kurz vor der Europameisterschaft eben auch ein Empfehlungsschreiben an die kickende Konkurrenz. Vielleicht mit folgendem Wortlaut: "Liebe Kollegen, wir sind wieder da. Mit freundlichen Grüßen, Deutscher Fußball-Bund." Denn die Tschechen sind ja im europäischen Fußball nicht irgendwer: Der EM-Finalist von 1996 hat als einziges Team sämtliche Begegnungen in der Qualifikation zur Euro 2000 gewonnen. Und in der Weltrangliste, gleich was man von ihr halten mag, wird die Truppe der Bundesliga-Legionäre Kuka, Nemec und Latal auf Position zwei geführt. Hinter Brasilien, aber vor Deutschland. Vier Plätze immerhin. "Ich hoffe, wir treffen sie im Finale wieder", meinte Bierhoff, der zu den Tschechen eine ganz besondere Beziehung pflegt.

Nicht nur, dass er dem Ex-Nationalkeeper Petr Kouba die eine oder andere Million auf seinem Konto verdankt: Als Bierhoff in der Verlängerung des EM-Finales 1996 ein Schüsschen auf das tschechische Tor abgab, das Kouba hinter die Linie kullern ließ, wurde aus dem Mitläufer über Nacht ein Star. Es folgten Schulterklopfer, Werbeverträge und bald ein hoch dotierter Kontrakt beim Weltklub AC Mailand.

Vier Jahre später wiederholt sich Bierhoffs Geschichte in Nürnberg: Der Stürmer ist zwar inzwischen Mannschaftskapitän, aber gegen Tschechien wieder nur Einwechselspieler. 56 Minuten hat er auf der Reservebank geschmort, "zähneknirschend", wie er später eingesteht. Ausgerechnet im wichtigsten Test vor der Euro 2000 hat Erich Ribbeck auf den 32-Jährigen verzichtet. Und statt dessen Carsten Jancker gebracht, der prompt nach 38 Minuten das 1:0 für Deutschland erzielt. "Bierhoff hat offensichtlich seinen Stammplatz verloren", lässt der Sportinformationsdienst Punkt 19.48 Uhr über die Ticker laufen. Eine Zwischenbilanz, die wenig später ein Fall für den Papierkorb ist: Bierhoff kommt ins Spiel, hämmert einen Elfmeter zum 2:1 unter die Latte (62.) und köpft kurz vor Schluss das Tor zum 3:2. Pavel Kuka (54.) und Patrik Berger (79.) hatten für die kombinationssicheren Tschechen zweimal ausgeglichen.

"Ich habe Erfahrung mit solchen schwierigen Situationen", sagt Bierhoff und verweist auf seinen Job in Italien: "Wer wie ich in Mailand ständig unter Druck steht, lernt mit so etwas umzugehen." Seine pfundigen Argumente in eigener Sache waren bei den deutschen Fans schon aus dem Gedächtnis geraten. Er, der Torschützenkönig und Meister in Italien war, in zwei Jahren 31 Treffer beim AC Mailand sowie entscheidende Tore (29) für die Nationalelf erzielte, wurde bei der Einwechslung mit Pfiffen bedacht. Das schmerzt. "So selbstverständlich ist das nicht, wie ich das zuletzt hingenommen habe", meinte Bierhoff.

Wo andere mit dem Mundwerk stürmen, gibt Bierhoff entscheidende Antworten auf dem Platz. Fast immer. Der Frust musste in Nürnberg aber doch raus: Die Kritik an ihm sei überzogen gewesen, "als Stürmer hast du zuletzt nicht gut aussehen können". Und dass er als Kapitän auf die Bank gesetzt wird, hat er Ribbeck allenfalls öffentlich verziehen: "Es gibt Kapitäne wie Shearer oder Maldini, die sind immer gesetzt", sagt Bierhoff trotzig. "Denen vertraut man, weil sie immer ein gewisses Niveau garantieren."

Der Italien-Legionär will sich in diese Kategorie eingereiht wissen. Ein Bierhoff sieht seinen Platz nicht auf der Bank. Nicht bei einem Turnier, das er für Deutschland schon mal gewonnen hat. Und schon gar nicht gegen diese Tschechen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×