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11.01.2001

16:16 Uhr

dpa FRANKFURT/MAIN. Die Gilde der hoch bezahlten Konjunkturforscher hat sich erneut blamiert. Ihre Prognosen zur wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland für das Jahr 2000 sind an der Realität zerschellt. Die auch mit beträchtlichen Steuermitteln finanzierten Voraussagen über den Konjunkturverlauf hatten schon 1999 eine schwache Trefferqualität aufgewiesen.

Sowohl der Rat der Fünf Weisen wie die Arbeitsgemeinschaft deutscher wirtschaftswissenschaftlicher Forschungsinstitute hatten für das abgelaufene Jahr ein reales Wachstum von 2,7 Prozent vorausgesagt. Damit lagen der Sachverständigenrat und das Gemeinschaftsgutachten am oberen Ende der Prognoseskala. Die Arbeitgeber mit ihrem Kölner IW legten nur 2,5 Prozent und das gewerkschaftsnahe DIW gar nur 2,4 Prozent in die Waagschale.

Doch die Wirklichkeit lief den "Experten für die Zukunft" völlig aus dem Ruder: Trotz Hochzinspolitik der Europäischen Zentralbank und explodierender Öl- und Benzinpreise legte die deutsche Volkswirtschaft 2000 ein Plus von 3,1 Prozent hin. Dies war doppelt so viel wie im Durchschnitt der gesamten neunziger Jahre. Dabei fehlten auf Grund der arbeitnehmerfreundlichen Lage der Feiertage sogar drei Arbeitstage gegenüber 1999. Ohne diesen Kalendereffekt wäre das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sogar auf 3,3 Prozent gekommen, berichtete das Statistische Bundesamt am Donnerstag.

Schon 1999 klafften Prognosen und Wirklichkeit stark auseinander - allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Die Konjunkturgurus legten sich mehrheitlich auf zwei und mehr Prozent fest. Das Rheinisch- Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung in Essen hatte sogar kühne 2,8 Prozent in Aussicht gestellt. Ende 1999 blieben aber nur magere 1,6 Prozent als Endresultat übrig. Lediglich das Münchner Ifo Institut - (1,7) und das DIW (1,4) behielten in etwa Recht.

Diese Fehlgriffe waren wohl mit ein Motiv dafür, das Jahr 2000 vorsichtiger anzugehen - jedoch ebenfalls falsch. Nicht nur die zentrale Wachstumszahl für das BIP, auch bei den Bausteinen des gesamtwirtschaftlichen Szenarios gingen die Schätzungen daneben. Kein Institut hat für 2000 den Exportboom mit fast 13 Prozent Zuwachs vorausgesehen. Hier lagen die Prognosen durchweg zwischen sechs und neun Prozent.

Auch die hohe Investitionsbereitschaft der Unternehmen wurde trotz ständiger Stimmungstests bei Managern nicht eingefangen. Auf plus fünf bis sieben Prozent legten sich die meisten Forscher fest - fast zehn Prozent höhere Ausrüstungsinvestitionen kamen heraus. Ebenfalls unterschätzt wurden die Preissteigerungen mit 1,2 bis 1,5 Prozent. Die hohen Öl- und Benzinpreise sowie die im Fahrwasser der Euroschwäche gestiegenen Importpreise ließen die Inflationsrate 2000 schließlich auf 1,9 (1999: 0,6) Prozent in die Höhe schießen.

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