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09.01.2019

10:45

Koffeinhaltige Getränke

Warum Energydrinks das Herz ruinieren können

Von: Andrea S. Klahre

Exzessiver Konsum der Getränke ist ungesund, kann im Extremfall sogar tödlich enden. Die junge Zielgruppe schert sich kaum um die Nebenwirkungen.

Auch das Partyvolk ist Kernzielgruppe der Anbieter von Energydrinks. dpa

Tanzen bis zum Abwinken

Auch das Partyvolk ist Kernzielgruppe der Anbieter von Energydrinks.

HamburgWie viele Flügel verleihen Energydrinks gleich noch mal? Manchen so viele, dass sie nicht wieder runterkommen. Das Herz, you know. Auf der Jahrestagung der American Heart Association (AHA) in Chicago wurde im November eine Arbeit vorgestellt, die zeigt: Energy Drinks legen den Grundstein dafür, dass bei jungen gesunden Erwachsenen das Risiko für einen Herzinfarkt oder plötzlichen Herztod steigt. Einerseits.

Und sie stellt dar, wie das geschieht: Die fürs Leben notwendige Fähigkeit der Blutgefäße nimmt ab, sich zusammenzuziehen und auszudehnen und so den Blutfluss zu steuern – in einer bestimmten Geschwindigkeit und mit einem bestimmten Druck.

In der Studie haben 44 Medizinstudenten, alle um die 20 und Nichtraucher, zweimal 24 Unzen, das sind rund 700 Milliliter, „Mega Monster Energy Drink“ im Abstand von 90 Minuten getrunken. „Die Veränderungsfähigkeit der Arterien war um etwa 50 Prozent verringert“, wird John P. Higgins, Professor für Kardiologie an der McGovern Medical School in Houston/Texas, in der AHA-Pressemitteilung zitiert. „Wir konnten zeigen, dass Energydrinks direkt das Endothel beeinflussen.“ Also die innerste Gefäßwandschicht.

Damit liefert die Studie eine weitere Erklärung für das, was auch hierzulande unabhängige Einrichtungen wie das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) seit vielen Jahren regelmäßig zum Thema sagen: Es sei nicht auszuschließen, dass der exzessive Konsum „koffeinhaltiger Erfrischungsgetränke“, zum Beispiel mehr als ein Liter pro Tag, das Herz-Kreislauf-System auf Dauer ruinieren könnte.

Doof nur, dass die Kernzielgruppen gelangweilt abwinken: Kinder, Jugendliche, cooles Partyvolk, Clubgänger, Teilnehmer an Musikfestivals oder Sportveranstaltungen. Für sie gilt das Zeug wahlweise als harmlos oder in seinen negativen Wirkungen auf die Gesundheit als völlig überbewertet. Ein Stimmungsbarometer beim Onlineangebot der „Welt“ hat neulich vor allem in Richtung Panikmache ausgeschlagen.

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Als zischende Wachmacher und Booster für welche Lebenslagen auch immer ist die „geballte Power in Dosen“ beliebter denn je. „In Einzelfällen werden bis zu fünf Liter innerhalb von 24 Stunden getrunken“, weiß BfR-Präsident Professor Andreas Hensel. Die Hauptsubstanz in Energydrinks ist Koffein. Vor dem Hintergrund, dass bei einigen Erwachsenen schon ein Kaffee zu Schlafstörungen führt, kann das Wissen helfen, dass mit etwa 80 Milligramm pro Dose (250 ml) die Energydrinks, zusammen mit Filterkaffee, zu den Getränken gehören, die am meisten Koffein enthalten.

Davon steckt in einer Büchse etwa so viel wie in einem Becher (200 ml) Kaffee, etwa doppelt so viel wie in einem Becher schwarzen Tee und mehr als das Doppelte wie in einer Dose Cola oder einem Grüntee. Und dann gibt´s noch Energy Shots: Die werden in kleineren Einheiten (60 ml) angeboten, haben jedoch die gleiche Menge Koffein wie eine Dose und somit pro Liter deutlich mehr.

Koffein, Zucker, Taurin

Die weiteren Hauptbestandteile sind Zucker und ein Mix aus Stimulanzien wie Aminosäuren (Taurin), Glucosevorläufern und Kräutern, das Ganze häufig hoch dosiert. Koffein sorgt für eine aufputschende Wirkung, Zucker liefert die Energie. Taurin soll leistungssteigernd wirken, geworben wird mit einer verbesserten Nervenreizleitung. Bewiesen sind die Zusammenhänge bisher nicht.

„Wir glauben, dass die Kombination dieser Inhaltsstoffe sehr schädlich sein kann“, betonte John P. Higgins und verwies auf andere Untersuchungen, die ebenfalls auf dem AHA-Kongress vorgestellt wurden. Demnach wirkt Koffein über das Herz-Kreislaufsystem hinaus auf das Nervensystem. Zu viel davon und die Pumpe rast, wird in ihrem Rhythmus gestört, Blutdruck und Puls sind erhöht. Das Hirn arbeitet auf Hochtouren, mit Folgen wie Nervosität, Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Übelkeit, Krampfanfällen.

In den USA starb 2017 ein 16-Jähriger, nachdem er in Nullkommanix raue Mengen koffeinhaltiger Getränke konsumiert hatte. Die Obduktion ergab, dass das Koffein bei dem sonst gesunden Jungen zu Herz-Rhythmus-Störungen geführt hatte. Insgesamt gibt es international zahlreiche Berichte, die Energydrinks mit schwerwiegenden Ereignissen in Verbindung bringen, einschließlich Herzstillstand. Vor allem wenn man kein Maß kennt, sie mit Alkohol mischt, wenig schläft oder sich körperlich anstrengt.

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Das bedeutet auch: wenn man Sport treibt. Nicht nur Jugendliche versprechen sich bessere Leistungen, auch viele Sportler tun das. Selbst wenn sie sich tatsächlich kurzfristig wie im Höhenrausch fühlen, so bleibt die Ernüchterung nicht aus.

Knapp ein Drittel der amerikanischen Heranwachsenden konsumieren Energydrinks regelmäßig. In Europa sieht es nicht viel anders aus. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt längst, den Verkauf an Kinder und Jugendliche zu verbieten, in der EU ist das allerdings kein Thema. In Deutschland setzt die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, Julia Klöckner, auf Faltblätter, Internet- und Hörfunkbeiträge, wie sie im „Tagesspiegel“ sagte. Sie sollen Eltern und deren Nachwuchs vor übermäßigem Genuss warnen.

Für Kinderärzte ist das schwierig zu ertragen. Ebenso für Janina Willers, Ernährungsexpertin bei der Verbraucherzentrale Niedersachsen in Hannover. „Gerade Minderjährige müssen vor den gesundheitlichen Gefahren geschützt werden“, so Willers. Zudem müsse die Kennzeichnung verbessert werden. Der Warnhinweis „Erhöhter Koffeingehalt. Für Kinder und schwangere oder stillende Frauen nicht empfohlen“, der seit 2011 Pflicht ist, sei völlig unzureichend und müsse ergänzt werden um Nebenwirkungen inKombination mit Alkohol und körperlicher Anstrengung.

Forderung nach einem Verkaufsverbot

„Diese Hinweise gehören deutlich sichtbar auf die Vorderseite der Produkte“, fordert Willers, und im Namen der Verbraucherzentrale ein flächendeckendes Verkaufsverbot für Heranwachsende von allen „Erfrischungsgetränken mit einem Koffeingehalt über 150 Milligramm pro Liter“; ab diesem Grenzwert ist ein Energydrink ein Energydrink.

Und weil jeder anders auf Koffein reagiert, raten Spezialisten auch noch diesen Gruppen von den Trendgetränken ab: koffeinempfindlichen Personen; solchen mit Herz-Kreislauf-Krankheiten; allen, die das AD(H)S-Medikament Ritalin, Schlaf- oder Beruhigungsmittel einnehmen. Higgins: „Der Mix aus Stimulanzien und Beruhigungsmitteln ist gefährlich. Die Leute denken, sie seien putzmunter und könnten jetzt mal einen extremen körperlichen Akt riskieren, etwa aus großer Höhe springen. Aber gleichzeitig wird die Fähigkeit des Körpers beeinflusst, angemessen zu reagieren.“

Wer ganz allgemein wissen will, ob sein Koffeinkonsum noch im grünen oder schon im roten Bereich liegt, kann dies hier tun: Check Deine Dosis! beim Bundeszentrum für Ernährung.

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