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07.02.2019

08:24

Virtuelle Wanderungen

Im Büro zu Fuß von Flensburg nach Duisburg

Von: Stéphanie Souron

Für eine 600-Kilometer-Wanderung muss man sich Urlaub nehmen. Aber nicht, wenn man sie virtuell unternimmt – im Büro und auf dem Weg dorthin.

Schon mit 10.000 Schritten am Tag lässt sich das Risiko für Diabetes und Übergewicht nachweislich verringern. imago/photothek

Treppe statt Aufzug

Schon mit 10.000 Schritten am Tag lässt sich das Risiko für Diabetes und Übergewicht nachweislich verringern.

DüsseldorfSie ist zu Fuß von Flensburg bis nach Duisburg gelaufen. Mehr als 600 Kilometer in zwei Monaten. Auf ihrem Weg ist sie an Hamburg vorbeigekommen, hat Bremen, Osnabrück und Münster passiert. Auch ein paar Kollegen hat sie unterwegs getroffen. Als Heidi Warnecke am Ende auf dem Marktplatz von Duisburg einlief, war sie mächtig stolz.

Auf sich, auf ihr Durchhaltevermögen, auf ihr Unternehmen. Sie hätte an dem Tag eine Flasche Schampus öffnen können, aber das brauchte sie gar nicht: „Es war einfach schön, es geschafft zu haben.“ Am nächsten Morgen saß sie wieder an ihrem Schreibtisch bei Arcelor-Mittal, einem großen Stahlkonzern im Hamburger Hafen.

In Wirklichkeit hat Heidi Warnecke, 56, Hamburg nie verlassen – die Wanderung nach Duisburg fand auf dem Computerbildschirm statt. Der Gehwettbewerb war ein Ansporn ihrer Firma: 10.000 Schritte jeden Tag. Warnecke hat die virtuelle Wanderung in Hochstimmung versetzt. „Auch wenn ich nie wirklich in Duisburg war, bin ich die 622 Kilometer ja trotzdem gelaufen.“

Zwei Monate lang hat Warnecke dafür ein kleines schwarzes Kästchen am Gürtel getragen, das jeden ihrer Schritte aufgezeichnet hat. Allein dadurch ist sie mehr zu Fuß gegangen als vorher: So ist sie zum Beispiel nach dem Abendessen noch einmal zwei Runden um den Block gelaufen.

Oder sie hat im Büro die Treppe genommen, anstatt in den Aufzug zu steigen. Oft ist sie mit dem Rad zur Arbeit gefahren, anstatt das Auto zu nehmen – denn bei dem Wettbewerb zählte auch jeder Pedaltritt als „Schritt“. Nach festgelegten Formeln rechnete der Computer jede sportliche Aktivität in Schritte um: 30 Minuten Fahrradfahren entsprachen 3900 Schritten, 30 Minuten Schwimmen 4500 Schritten.

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Trotzdem hatte sie an manchen Tagen Mühe, das Pensum zu erfüllen. „Da ist mir erst bewusst geworden, wie wenig ich normalerweise im Alltag zu Fuß gehe“, sagt sie. Die Ergebnisse ihres Schrittzählers hat Heidi Warnecke jeden Tag auf einer Webseite eingetragen, die ihr Arbeitgeber für die Dauer des Projekts eingerichtet hatte. Der Computer hat die Schritte dann in Kilometer umgerechnet und auf eine Deutschlandkarte übertragen.

So konnte sie auch immer sehen, wo die Kollegen gerade unterwegs sind. Duisburg war das Ziel, weil dort ein weiterer Standort der Firma liegt. Den besten Teams hat der Arbeitgeber dann eine Kanutour oder einem Ausflug in den Kletterpark spendiert.

Gehwettbewerbe wie der bei Arcelor-Mittal fördern nicht nur das Betriebsklima, sondern auch die Gesundheit der Mitarbeiter. Denn Studien haben gezeigt, wie positiv sich regelmäßiges Gehen auf die Fitness und die Gesundheit auswirkt. So lässt sich schon mit 10.000 Schritten am Tag – das sind je nach Beinlänge zwischen sechs und acht Kilometer – das Risiko von Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes nachweislich verringern.

Maßgeschneiderte Läufe

Umgekehrt hat sich der direkte Zusammenhang zwischen mangelnder Bewegung und dem Anstieg des Risikos für Diabetes und Herz-Kreislauf-Krankheiten immer wieder bestätigt. Die Gehwettbewerbe sind aber auch deshalb so beliebt, weil Gehen von allen sportlichen Aktivitäten die mit der niedrigsten Einstiegshürde ist: Man kann es überall machen. Man braucht weder spezielle Kleidung dafür, noch teures Equipment.

Man muss keine neue Technik lernen – seit dem ersten Lebensjahr weiß jeder Mensch, wie Gehen funktioniert. Zudem ist das Verletzungsrisiko extrem gering. Schon mehr als 1800 Unternehmen in Deutschland haben sich von dem schwedischen Online-Dienstleister „Tappa“ einen maßgeschneiderten Lauf organisieren lassen.

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Mehr als 550.000 Angestellte wurden mit einem Kästchen am Gürtel oder einer App auf dem Handy auf die Strecke geschickt. Frauen seien durch die Aktion leichter zu motivieren als Männer, haben die Tappa-Leute festgestellt: Sie denken an ihre Gesundheit. Die Männer brauchen den Anreiz des Wettbewerbs.

Geschummelt wird auch, etwa fünf Prozent der Teilnehmer tragen sich mehr Schritte ein, als sie wirklich gegangen sind. Wenn ihnen ein Tageswert zu hoch vorkommt, machen die Organisatoren schon mal einen Kontrollanruf. Aber meistens achten schon die Kollegen am Arbeitsplatz darauf, dass keiner seine Fortschritte im Wettbewerb schönt.

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