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08.06.2019

13:59

Auktionen bei Lempertz

Drei Millionen Euro für Kaufhof-Kunst

Von: Christiane Fricke

Das Kölner Auktionshaus versteigerte 40 Werke aus der Vorstandsetage des Warenhauses. Der Erlös von drei Millionen Euro ist ein symbolischer Beitrag zur Sanierung.

Kaufhof-Gründer Leonard Tietz war mit dem Maler befreundet. Das Feilschen von Händlern und Kunden, das der Maler 1909 ins Bild setzte, gab es in den neuen Warenhäusern nicht mehr. Tietz gehörte zu den Pionieren. LEMPERTZ

Max Liebermann „Judengasse in Amsterdam“

Kaufhof-Gründer Leonard Tietz war mit dem Maler befreundet. Das Feilschen von Händlern und Kunden, das der Maler 1909 ins Bild setzte, gab es in den neuen Warenhäusern nicht mehr. Tietz gehörte zu den Pionieren.

KölnWenn ein traditionsreiches Unternehmen seine Kunstbestände veräußert, erregt das öffentliches Interesse. Im Falle der Kölner Kaufhof-Zentrale jedoch war dieses nicht unbedingt erwünscht. Henrik Hanstein, Chef des Kölner Auktionshauses Lempertz, ließ deshalb die Provenienzen ausgewählter Lose als „Rheinische Unternehmenssammlung“ katalogisieren.

Nur eine Ausnahme machte er: beim Spitzenlos der am 31. Mai aufgerufenen Moderne-Abteilung. Den Eigentümer von Max Liebermanns ungewöhnlich monumentalem Gemälde „Judengasse in Amsterdam“ von 1909 hätte man nämlich auch Ausstellungskatalogen entnehmen können.

Was der kunstsinnige Vorstandschef des Kaufhofs in der Nachkriegszeit, Werner Schulz, 1954 bei dem Düsseldorfer Kunsthändler Grosshennig für die Vorstandsetage des Warenhauses erwarb, war fast so etwas wie eine Bild gewordene Erinnerung an Leonard Tietz, den Gründer des Kaufhofs. Das Feilschen um die Ware, das der mit Tietz befreundete Liebermann nach der Jahrhundertwende im jüdischen Viertel Amsterdams beobachtet hatte, gab es in den ersten Warenhäusern Deutschlands nämlich nicht mehr.

Tietz gehörte zu den Pionieren, die Ende des 19. Jahrhunderts das Kaufen und Verkaufen revolutioniert hatten. Er zeichnete seine Ware aus und gab ihr einen festen Preis. Indirekt verknüpfte Schulz mit seinem Ankauf aber auch die Erinnerung an das Schicksal der Familie Tietz, die Deutschland unter dem Druck des NS-Regimes verlassen musste.

Drei Millionen Euro klopfte Hanstein für die rund 40 vom Kaufhof eingelieferten und gut nachgefragten Werke zusammen. Abzüglich der zwei schon am 18. Mai versteigerten Altmeister kommt er damit auf ein knappes Viertel des Gesamtumsatzes für Moderne, zeitgenössische Kunst und Fotografie, den er auf zwölf Millionen Euro beziffert. Im Herbst soll noch einmal eine allerdings etwas kleinere Tranche aus der Kaufhof-Sammlung versteigert werden.

Die Erlöse aus dem Kunstverkauf kann das frisch fusionierte Unternehmen Galeria Karstadt Kaufhof dringend brauchen. Seit Jahren sinken die Umsätze, Kaufhof steckt tief in den roten Zahlen, Karstadt hat es nur einmal kurz im Geschäftsjahr 2016/17 durch Sonderfaktoren auf ein kleines Plus gebracht.

Als zusätzliche Belastung stehen jetzt Sozialpläne für den Personalabbau an. Allein tausend Vollzeitstellen sollen in den Filialen wegfallen, fast genauso viele auch in der Verwaltung gestrichen werden. Im November 2018 hatte der bisherige Kaufhof-Eigentümer Hudson’s Bay Company die Mehrheit an dem Unternehmen an die Signa-Gruppe verkauft, der bereits Karstadt gehört. Beide Eigentümer haben jeweils 100 Millionen Euro in das Gemeinschaftsunternehmen eingebracht. Weitere Finanzspritzen in dreistelliger Millionenhöhe sollen notwendig sein, um das Unternehmen zu sanieren. Deshalb werden stille Reserven gehoben.

Der Verkauf der Kunstsammlung ist da nur ein erster kleiner Schritt – aber einer mit Symbolkraft. Denn angesichts der hohen Opfer, die von den Mitarbeitern erwartet werden, lässt sich die Investition in Kunst kaum noch rechtfertigen. Zumal die traditionsreiche Zentrale in der Leonhard-Tietz-Straße in Köln, in deren Vorstandsetage die Bilder hingen, ohnehin im Zuge der Fusion aufgegeben wird.

Das quadratische Ölgemälde "Linie Nr. 34" von 1985 kam heftig umkämpft auf 285.000 Euro (Taxe: 150.000 bis 200.000 Euro) LEMPERTZ

Zdeněk Sýkora

Das quadratische Ölgemälde "Linie Nr. 34" von 1985 kam heftig umkämpft auf 285.000 Euro (Taxe: 150.000 bis 200.000 Euro)

Für die auf 600.000 bis 800.000 Euro geschätzte Marktszene weist die Ergebnisliste 856.000 Euro inklusive 20 Prozent Aufgeld aus. Mit der auf Aufgeld und Zuschlag erhobenen 19-prozentigen Regelsteuer, die bei Firmenbesitz zur Anwendung kommt, hatte der süddeutsche Käufer etwas mehr als eine Million Euro zu bezahlen.

Etwa zehn Prozent mehr müssten Kaufinteressenten laut dem Auktionator einkalkulieren, die auf regelbesteuerte Lose bieten möchten. Meist setzt er die Taxen für die hochpreisigen Lose deshalb etwas niedriger an. Dieses Mal musste er sie jedoch „normal“ schätzen. Und dennoch: „Alle Sachen sind weg“, stellte er nach der Auktion befriedigt, allerdings auch großzügig sich selbst gegenüber fest.

Tatsächlich ist das Geschäft schwieriger geworden, was sich auch an der Relation von Zuschlägen und Schätzpreisen ablesen lässt. Keines der drei Werke, die aus Kaufhof-Besitz in der Moderne-Auktion versteigert wurden, gelangte über die obere Taxe. So bekamen auch Museen eine Chance, wie das Otto Modersohn Museum in Fischerhude bei Bremen. Der Hammer für das repräsentative Querformat „Abend im Hochmoor“ fiel noch innerhalb der geschätzten 100.000 bis 120.000 Euro, mit Aufgeld 136.400 Euro.

Von den rund 35 Werken zeitgenössischer Künstler, die Kaufhof einlieferte, verzeichneten die in den 1990er-Jahren getätigten Ankäufe den meisten Zuspruch. Da wurde mit gutem Blick Ungegenständliches auf der Höhe des Zeitgeschmacks erworben.

Vor diesem repräsentativen, über vier Meter breiten Bild ließ es sich gut posieren. "Ohne Titel" erzielte 310.000 Euro (Taxe: 250.000 bis 350.000 Euro). Lempertz; VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Günther Förg

Vor diesem repräsentativen, über vier Meter breiten Bild ließ es sich gut posieren. "Ohne Titel" erzielte 310.000 Euro (Taxe: 250.000 bis 350.000 Euro).

Der ab 1987 im Kaufhof tätige, seit 1994 die Geschäfte führende Lovro Mandac hatte offenbar ein besonderes Faible für Imi Knoebel. Er ließ sich nicht nur gern vor dessen Arbeiten stehend fotografieren, etwa vor der 4,20 Meter breiten, wild mit Pinsel und Messer traktierten vierteiligen Hartfaserplatte „Ohne Titel“, die auf 124.000 Euro mit Aufgeld gehoben wurde.

Auch in seinem Büro umgab sich Mandac mit Knoebel-Werken. Darunter befand sich auch mindestens eines der kleinen, auf Aluminiumlatten gemalten Objekte wie „Face“, von denen drei bei Lempertz hart umkämpft über ihre Taxen kamen. Hinter seinem Schreibtisch gab die zurückhaltende Komposition „Pure Freude“ in zwei Pastellfarben den Ton an.

Der Kaufhof besaß zwei Versionen, die beide jeweils rund 44.000 Euro erzielten. Für einen Fernsehsender posierte der Manager vor der 2,60 Meter breiten, in Rottönen gehaltenen Leinwand von Günther Förg, die nun für 310.000 Euro bei einer Schätzung von 250.000 bis 350.000 Euro versteigert wurde.

Glücklich schätzen kann sich der österreichische Sammler, der die 1976 entstandene achteckige Abstraktion von Kenneth Noland für eher günstige 260.000 Euro in seinen Besitz bringen konnte.

In der übrigen Zeitgenossenauktion musste das Toplos, eine auf mindestens 300.000 Euro geschätzte Bronze von Tony Cragg, zurückgezogen werden. Eine gute Figur hingegen machten drei der sechs aus einer Privatsammlung eingelieferten „Raumplastiken“ von Norbert Kricke. Preisakzente setzten auch zwei der dekorativen „Linienbilder“ des tschechischen Malers und Bildhauers Zdeněk Sýkora. Beide gelangten mit 285.200 und 198.400 Euro locker über ihre Taxen, auch befeuert von online abgegebenen Geboten. Ein Onlineinteressent bot sogar bis 220.000 Euro mit, was ein Novum ist.

30 Prozent des Angebots aus dem Auswahlkatalog für zeitgenössische Kunst wurden zurückgereicht, darunter der mit 200.000 bis 300.000 Euro zu hoch geschätzte „Silberfächer“ von Heinz Mack. Vielleicht ist der Markt für Zero-Kunst, die vor 13 Jahren zu einem beispiellosen Höhenflug ansetzte, fürs Erste gesättigt. Darauf deuten auch die Rückgänge der Uecker-Werke bei Van Ham und der Piene-Arbeiten bei Grisebach hin.

In der Moderne-Sektion floppte dagegen das auf bis zu 350.000 geschätzte Bildnis von Alexej von Jawlensky. Es gab aber auch Lichtblicke wie die beiden seltenen Werke von Kurt Schwitters. Für die Assemblage „Das Gustav Finzlerbild“ wurden taxgerechte knapp 500.000 Euro bewilligt, für die Collage „Counterfoil“ fast 400.000 Euro. Von ähnlich Hochkarätigem hätten die Bieter gern mehr gesehen.

Umsätze und Quoten:

Moderne: 6,1 Millionen Euro
Wertbezogene Quote: 93 Prozent

Zeitgenössische Kunst: 5,5 Millionen Euro
Wertbezogene Quote: 89 Prozent

Photographie: 0,4 Millionen Euro (ohne die in der Zeitgenossen-Auktion versteigerten Werke).
Wertbezogene Quote: 79 Prozent

Mitarbeit: Florian Kolf

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