Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

05.09.2019

15:30

Ausstellung in Düsseldorf

Neue Blicke auf die Künstler der DDR

Von: Susanne Schreiber

Der Düsseldorfer Kunstpalast räumt in einer neuen Ausstellung mit Vorurteilen auf: Kunst aus der DDR war nicht nur staatstragend.

30 Jahre nach dem Fall der Mauer widmet sich der Kunstpalast Düsseldorf der DDR-Kunst. dpa

„Utopie und Untergang“

30 Jahre nach dem Fall der Mauer widmet sich der Kunstpalast Düsseldorf der DDR-Kunst.

Düsseldorf Willi Kemp will in seiner Aktentasche Kunst aus der DDR ausführen. Eine Grenzpolizistin weist den Steuerberater aus Düsseldorf an der Zonengrenze barsch an, die Tasche zu öffnen. Was sie sieht, ist in ihren Augen Krickelkrakel. Doch es ist Avantgardekunst.

Die drei Zeichnungen stammen von Carlfriedrich Claus. Den wie ein Eremit lebenden Künstler und Denker aus Annaberg im Erzgebirge kennt die Staatsdienerin nicht. Mit seinen rhizomartigen Tuschzeichnungen, die Denkprozesse visualisieren, weiß die Uniformierte nichts anzufangen.

Was das sei, blafft die Polizistin den Sammler an. „Kinderzeichnungen, von den Kindern unserer Freunde“, erwidert der Kunstkenner schlagfertig. Die Polizistin winkt ihn durch.

Die Szene trug sich 1965 in Ostberlin beim Transit zu. Und muss sich oft wiederholt haben. Ingrid und Willi Kemp schenkten dem Kunstpalast Düsseldorf seit 2011 über 3.000 Kunstwerke, darunter allein zehn Arbeiten von Carlfriedrich Claus. Neben den Kemps haben auch Irene und Peter Ludwig sowie Astrid und Wilfried Rugo seit den 1970er-Jahren Kunst von bleibendem Wert in der DDR gekauft. Das ist ein Nukleus einer neuen Ausstellung des Museums am Ehrenhof mit dem Titel „Utopie und Untergang“. Besucher erhalten dort einen malereigeschichtlichen Überblick aus der DDR in 13 Kapiteln.

Eine Ausstellung zur rechten Zeit. 30 Jahre nach dem Mauerfall gibt es immer noch Vorurteile. Und das, obwohl es in der DDR nicht nur staatstragende Künstler gab, sondern auch einen produktiven Untergrund. Unangepasste, ihre Freiheiten unablässig auslotende Kunstschaffende bereiteten der friedlichen Revolution von 1989 mit den Weg.

„o. T.“ lautet der Nicht-Titel der Tuschzeichnung auf Japanpapier. Kunstpalast, Düsseldorf

Cornelia Schleime

„o. T.“ lautet der Nicht-Titel der Tuschzeichnung auf Japanpapier.

Die großen Museen in München, Hamburg oder Stuttgart haben bislang versäumt, ihrem Publikum den Kunstkosmos DDR in seiner Vielschichtigkeit zu erschließen. Die pauschale Ablehnung des Sozialistischen Realismus verhinderte differenzierte Fragen und Tiefenbohrungen. Die meisten Ausstellungen fanden, wenn überhaupt, in Ostdeutschland statt – weniger die Aufklärung im Blick als das Identitätsstiftende der Kunst.

Rühmliche Ausnahme ist der Kunstpalast Düsseldorf. „Es gilt, einen neuen, gerechten Blick auf die Kunst der DDR zu werfen, es gilt auch, einen selbstkritischen Blick auf die westdeutsche Aufnahme dieser Kunst zu werfen“, fordert Frank-Walter Steinmeier (SPD) im Katalog. Der Bundespräsident ist Schirmherr der Ausstellung.

Generaldirektor Felix Krämer zielt auf die jüngere Generation im Publikum, die nichts mehr weiß über die vor 1989 im Westen häufig ausgestellten Staatskünstler. Eine Generation, die Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer, Werner Tübke und Willi Sitte nicht mehr kennt. Der „Quadriga“ war 1977 sogar die Ehre eines Documenta-Auftritts zuteilgeworden. Im Ausstellungstitel steht ihr Schaffen für die „Utopie“.

Steffen Krautzig ist der Kurator. Seine Leitfragen sind: Welche ästhetischen Besonderheiten verursacht das System der DDR? Wie reagieren Künstler auf Druck und Repression? „Manche passen sich an und profitieren vom System, andere ziehen sich still zurück, wieder andere rebellieren offen oder verstecken Botschaften“, sagt der 42-Jährige, der in Dresden und Berlin Kunstgeschichte studierte.

Zwischen die einst staatstragenden Künstler stellt Kurator Krautzig Künstler, die das System offizieller Kunstvorgaben unterlaufen haben. Die unangepassten Künstler stehen im Ausstellungstitel für den „Untergang“ der DDR. A. R. Penck und Cornelia Schleime haben rebelliert, bekamen Ausstellungsverbot und wurden ausgebürgert.

Feine Mischtechniken

Carlfriedrich Claus und Gerhard Altenbourg haben fern von tonangebenden Kreisen in der Provinz gearbeitet. Zu ihren Unterstützern zählte neben lokalen Kennern, dem Kupferstichkabinett Dresden und dem Sammlerpaar Kemp auch der Sammler Wilfried Rugo aus Düsseldorf

Dessen Sammlung von Altenbourg-Zeichnungen erwarb das Lindenau-Museum in Altenburg 2009. Von dort kommen nun 13 Exponate, allein neun aus der Rugo-Sammlung. Rugo war im Stahlhandel tätig und besaß deshalb ein Dauervisum zur Einreise in die DDR. So konnte er so manches grafische Blatt unter dem Teppich im Kofferraum in die BRD transportieren.

Altenbourgs feine Mischtechniken fesseln den Betrachter, der nah herantritt. Nur so lassen sich seine minutiösen Landschaften und Gedankenbilder unter verschiedenen Lagen von Farbe ermitteln. Unter den philosophisch grundierten Sprach- und Denkbildern von Carlfriedrich Claus finden sich übrigens auch jene drei Blätter, die die Grenzerin, ohne mit der Wimper zu zucken, als Kindergekritzel akzeptierte.

In der Rückschau fast prophetisch. Kunstpalast, Düsseldorf, VG Bild-Kunst, akg-images

A.R. Penck, Der Übergang, 1963

In der Rückschau fast prophetisch.

Wer Hermann Glöckner nicht kennt, mag staunend vor den sogenannten „Faltungen“ stehen. Dass es solch eine minimalistische Abstraktion in der DDR geben konnte! Der Kenner hingegen wird aus dem Hauptwerk der Faltungen die Metallskulpturen und Kartons vermissen. Der Nestor der Ungegenständlichkeit in der DDR war lange Zeit ein Geheimtipp. Erst nach seinem 80. Geburtstag bekam er etwas Anerkennung. Das war 1969.

Auch die Kabinette zu Wolfgang Mattheuer oder Michael Morgner machen klar, dass der Museumsflaneur scheitert, der an die Dominanz des Sozialistischen Realismus glaubt.

Fast prophetisch möchte man in der Rückschau das von A. R. Penck erfundene Zeichensystem nennen. „Der Übergang“ heißt ein Bild von 1963. Da läuft eines der für Penck so typischen Strichmännchen über ein Seil zwischen zwei Blöcken. Und verbrennt sich die Füße. Der Betrachter kann an den zwei Jahre zuvor hochgezogenen „antifaschistischen Schutzwall“ denken. Oder auch an die Wechselfälle, die es in jedem Leben gibt.

Trotzig und expressiv im Kolorit sind die Frauenfiguren von Angela Hampel. Cornelia Schleime, die ausgebürgert wurde, holt sich 1993 ihre Stasiakten und übermalt den Stumpfsinn ihrer Peiniger mit sarkastischem Hohn.

Im Parcours der 13 Kabinette wird eines klar: Bildende Künstler waren so wenig wie Literaten oder Theatermacher gleichgeschaltet. Etliche von ihnen nahmen sich die Freiheit, die Parteidoktrin zu unterlaufen und die Grenzen des Möglichen auszuloten.
Mit 130 Werken von zehn verstorbenen und drei lebenden Künstlern, zehn Malern und drei Malerinnen will „Utopie und Untergang“ kontroverse, historisch wichtige Einzelfiguren genau ausleuchten. Generaldirektor Krämer will Vielfalt bieten und begrenzt alle Expositionen nur mehr auf einen Saal.

Kurator Krautzig eröffnet die Ausstellung überraschenderweise mit Künstlern der Neuen Sachlichkeit, die schon vor der Gründung der DDR eine Rolle gespielt hatten. Wilhelm Lachnit wurde im Nationalsozialismus angefeindet. Die kaum bekannte Elisabeth Voigt war eher linientreu. Aber beide gerieten früh in den Formalismusstreit der DDR. Ihre Werke wurden öffentlich kritisiert. Lachnit drängte man zum Rücktritt von seiner Professur in Dresden, Voigt trat aus dem Verband der Bildenden Künstler aus.

Stolze Preise

Klammert der Besucher aus, dass markante Maler und vor allem Malerinnen außen vor bleiben mussten, ist der didaktisch angelegte Überblick in Düsseldorf gelungen. Da hätte sich eine zweite Station angeboten. Die kam jedoch nicht zustande, weil der Realisierungszeitraum von nur anderthalb Jahren dafür zu kurz war.

Der Rückblick auf die überwiegend figurative, aber auch auf die abstrakte Kunst in der DDR ist ein erster Einstieg ins Thema, keine Tiefenbohrung wie in der Leipziger Parallelveranstaltung „Point of No Return“. Aber er kommt zur rechten Zeit.

Der aus Halle stammende Maler und Grafiker ist für expressive Körperdarstellungen bekannt. dpa

„Selbstbildnis“ des Künstlers Willi Sitte

Der aus Halle stammende Maler und Grafiker ist für expressive Körperdarstellungen bekannt.

Die bislang im Westen verwendeten, allein gültigen Messlatten für Kunst – Freiheit und Experiment – entwertet die Globalisierung. Durch Letztere hat der Museumsbesucher jüngst in Großprojekten in Berlin, Frankfurt und Düsseldorf gelernt, sich vom Kanon des transatlantischen Kunstbegriffs zu lösen. Dieser verurteilte Kunst aus der DDR pauschal als unzeitgemäß. Wer aber ganz Deutschland – und die globale Welt der Kunst – in den Blick nimmt, wird ein entspannteres Verhältnis zu den späten Modernen und der Figuration entwickeln.

Auf dem Kunstmarkt spielt die bereits vor dem Mauerfall bekannte DDR-Kunst durchaus eine Rolle. Die Galerie Schwind (Leipzig / Frankfurt am Main / Berlin) vertritt Maler wie Werner Tübke oder Wolfgang Mattheuer und will sich nicht zu Preisen äußern.

Aber auf dem Sekundärmarkt wurden 2012 für ein Werk von Gerhard Altenbourg im Auktionshaus Lempertz 22.000 Euro erzielt. Und bei Van Ham überstieg ein großformatiges Ölbild von Werner Tübke im Mai dieses Jahres die Taxe von 10.000 Euro auf den stolzen Preis von 43.860 Euro.

Bis 5.1.2020; Katalog im Sandstein Verlag 29,80 Euro, 38 Euro im Handel. www.kunstpalast.de.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×