MenüZurück
Wird geladen.

06.12.2018

20:04

Berliner Auktionshaus

Toplose der Villa Grisebach fallen bei Kunstkäufern durch

Von: Christian Herchenröder

Beim Auktionshaus Villa Grisebach fielen etliche hochdotierte Lose der Moderne durch. Zeitgenössische Kunst fand hingegen kaufwillige Kunstfreunde.

BerlinDie Ansprüche der Sammler sind immer radikaler geworden. Sie wollen Kunst, die schon auf den ersten Blick bezwingt und dazu noch mit niedrigen Schätzpreisen lockt. Dass diese Vorstellung nicht immer realisierbar ist, zeigte sich in der Auktion ausgewählter Werke der Villa Grisebach am 29. November 2018.

Mit einer Ausnahme fielen hier höchstdotierte Lose durch: ein erdfarbiges Otto-Mueller-Gemälde, ein frühes Blumenstück von Erich Heckel, zwei Aquarelle von Max Beckmann und eine pommersche Landschaft von Alexej von Jawlensky.

Nur das Kirchner-Gemälde „Akte im Wald“ (1912), das 2009 nach der Restitution an die Erben Alfred Hess beim Kölner Auktionshaus Van Ham für 1,1 Millionen Euro unter den Hammer kam, konnte jetzt für knapp 1,5 Millionen Euro einem spanischen Sammler zugeschlagen werden. Es bietet trotz seines kleinen Formats von 51 mal 50,5 Zentimetern eines der begehrten Fehmarn-Motive mit „spielenden Akten“. Der Hammer fiel ohne sichtbare Konkurrenz bei netto 1,2 Millionen, dem unteren Schätzpreis.

Weltweite Kaufzurückhaltung

Zurückhaltung ist nach dem Eindruck des Düsseldorfer Kunstberaters Jörg-Michael Bertz, der alle drei Auktionen des Hauses besuchte, eine globale Erscheinung: „Es gibt nicht mehr drei oder mehr Bieter für ein Toplos, sondern allenfalls ein oder zwei. Das hält die Preise meist am unteren Schätzrand.“ Tatsächlich wurden hochpreisige Objekte in diesem Auktionsreigen eher vorsichtig beboten.

Im Mittelfeld dagegen gab es weniger Zurückhaltung, und beim abgespeckten Angebot zeitgenössischer Kunst wagte sich der Appetit der zahlreichen Telefonbieter schon bei den ersten Losen weit über die Schätzungen hinaus. In drei Tagen wurden inklusive Aufgeld 14,3 Millionen Euro erlöst.

Trotz der Ausfälle hatte die Abendauktion einige Fixpunkte zu bieten. Während bei Max Liebermann eine seit zwei Jahren wirkende Selektion zu spüren ist, bleiben Lesser Urys Berlin-Motive Dauerseller. Nachdem ein Kleinformat mit Droschken im Regen mit 175.000 Euro schon über sein Soll hinausgeschossen war, erwärmte sich jetzt ein süddeutscher Sammler bei brutto 450.000 Euro für den „Hochbahnhof Bülowstraße bei Nacht“.

Das Hochbahnhof-Motiv war schon zwei Mal in der Villa Grisebach versteigert worden. Im November 1988 wurde er für 225.000 D-Mark, im November 2010 für 329.000 Euro an einen Schweizer Bieter verkauft. Die goldenen Lichtstreifen der Droschken auf nassem Asphalt sind das malerische Faszinosum dieses 1922 entstandenen Ölbildes.

Für 437.500 Euro ging Lovis Corinths grautoniger Fliederkelch in den Schweizer Handel. Er hatte 2009 in der Villa Grisebach noch 360.000 Euro eingespielt. Karl Hofers mit reicher Ausstellungspräsenz aufwartender „Jüngling mit Kopftuch“ (1924) erreichte mit 387.500 den verdienten Preis.

Ein rheinischer Privatsammler übernahm zur unteren Taxe bei 312.500 Euro Max Pechsteins Winterlandschaft mit „Schloss am Gebirgssee“ (1925). Zum selben Endpreis wurde Ernst Wilhelm Nays von schwarzem Pinselschwung durchzogenes Ölbild „Exzentrik“ von 1953 zugeschlagen, auch das ein Erlös im unteren Taxbereich.

Eines der bewegendsten Lose der Auktion war die zeichnerisch überarbeitete Käthe-Kollwitz-Radierung „Tod, Frau und Kind“, die zwei Telefonbieter von 30.000 auf 143.750 Euro trieben. Sieger, wohl gegen das Kölner Kollwitz-Museum, war ein baden-württembergischer Sammler.

Zeitraubende Tausenderschritte

In der Morgenauktion am 30. November wurde ein Dutzend Lose über der Marke von 50.000 Euro zugeschlagen. Gute Preise erzielten Gabriele Münters grüne Landschaft „Lauensteiner Land“ mit 125.000 Euro und Emil Noldes Aquarellporträt seiner zweiten Frau Jolanthe mit 112.500 Euro. Von den 35 Druckgrafiken Max Beckmanns aus einer deutschen Sammlung wurden die meisten Blätter abgesetzt.

Nur die Selbstporträts waren nicht begehrt, mit einer ikonischen Ausnahme: Das „Selbstbildnis mit steifem Hut“ fiel für 75.000 Euro an einen süddeutschen Sammler. Ein Berliner Sammler ist der Adressat einer der bewegten frühen Raumplastiken von Norbert Kricke, in die er 75.000 Euro nahe der oberen Schätzung investierte.

Konsequenter als die Moderne wurden die rund 140 Lose der zeitgenössischen Kunst beboten. Obwohl hier oft viele Gebote zeitraubend in kleinen Tausenderschritten eintrudelten, ergab sich das Gesamtbild einer stimmigen, auch in den unteren Preisebenen rundgelaufenen Sitzung. Schon zu Beginn wurde die Stimmung gehoben: durch die 106.500 Euro, die ein amerikanischer Händler für die zehn Farbserigrafien „Homage to the Square“ von Josef Albers bot, die auf maximal 40.000 Euro angesetzt waren, und die 143.750 Euro, die Günter Fruhtrunks Streifenbild „Ineinanderwirken von vier Räumen“ von 1971 erreichte.

Viele Lose wurden hier an den oberen Schätzrand oder darüber hinaus gezogen. Die „Berglampe“ von Joseph Beuys, die für 100.000 Euro an einen Berliner Sammler fiel, war ein Selbstläufer, gehört diese Kleinbronze doch zu den seltenen Frühwerken, die in kleinster Auflage entstanden. Auch die 131.250 Euro, die wiederum ein Berliner Sammler für Sigmar Polkes sparsam handkolorierten Offsetdruck „Freundinnen II“(1976) ausgab, sind Ausdruck einer graduell erreichten Hochpreisebene für den Kölner Maler.

Den Höchstpreis der Zeitgenossen erzielte das gefällige, in bunter Ölfarbe übermalte Aluminiumrelief „Still Life with Made in Japan Pitcher“ von Tom Wesselmann, das für 337.500 Euro von einem hessischen Sammler weit über der Schätzung begehrt wurde. Als früh vollendeter Protagonist deutscher Pop-Art wird der 1970 verstorbene Maler Uwe Lausen gefeiert. Klar, dass sein Ölbild „Kill the Colour“ mit schießenden Lederkerlen von einem Agenten für 81.250 Euro ersteigert wurde.

Mit brutto 22,5 Millionen Euro wurden anderthalb Millionen weniger als im Herbst 2017 eingenommen. Darin ist die vorab versteigerte Zeichnungensammlung des Grisebach-Gründers Bernd Schultz enthalten. Das „Orangerie“-Programm fehlte diesmal, aber es soll ebenso wie das 19. Jahrhundert, das der zum Verlagsleiter mutierte Florian Illies mit Erfolg betreute, auch in Zukunft gepflegt werden. Eine neue Gesellschafterin ist mit der 30-jährigen Diandra Donecker seit dieser Woche benannt. Donecker betreute bislang die Fotografie-Auktionen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×