Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

28.11.2019

21:14

Deutscher Kulturförderung 2019: Kategorie Kleine Unternehmen

Kreative Gegenreaktion – Ein weltoffenes Bündnis

Von: Regine Müller

Die Initiative „Chemnitz ist weder grau noch braun“ formierte sich spontan nach den rechtsextremen Ausschreitungen in der Stadt im Sommer 2018.

Das Festival Begehungen unter dem Motto „Rausch“. Industrieverein Sachsen 1828

Verlassene Räume beleben

Das Festival Begehungen unter dem Motto „Rausch“.

Chemnitz Als am 26. und 27. August 2018 in Chemnitz rechte und rechtsextreme Gruppen zu Tausenden auf die Straße gingen, waren die ersten Reaktionen Schock und Entsetzen über das Ausmaß der Gewalt und Aggression.

Auslöser der Ausschreitungen war der Mord an einem Deutschen am Rande des Stadtfestes gewesen, die Gewalt richtete sich gezielt gegen Migranten. Die danach einsetzenden heftigen politischen Diskussionen in Politik und Medien kreisten vor allem um die Frage, ob es bei den Demonstrationen tatsächlich gezielte Hetzjagden auf Migranten gab.

Vor Ort in Chemnitz kam es bereits zwei Tage später zu einer spontan angesetzten Runde von Akteuren aus Wirtschaft, Industrie und Kreativwirtschaft, die sich rasch zu einer Gegenreaktion formierten. Der Stuhlkreis bestand aus etwa 30 Teilnehmern, und für einige von ihnen endete er erst in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages.

Das erste Resultat des Brainstormings war die Gründung der Initiative „Chemnitz ist weder grau noch braun“, die dieses Jahr mit dem Deutschen Kulturförderpreis für kleine Unternehmen ausgezeichnet wird. Das Bündnis schaltete nach den Vorfällen in der sächsischen Stadt bundesweite Anzeigen mit Gegenreaktionen und sammelte Spenden für demokratiefördernde Projekte.

Schnell kamen mehr als 250.000 Euro zusammen, ein Teil wurde der Familie des Getöteten überlassen, ein zweiter Teil floss in öffentlichkeitswirksame Aktionen wie Anzeigen und Großbanner und ein dritter Teil in zwölf ausgewählte Projekte, aus denen wiederum drei Projekte mit 15.000 Euro unterstützt wurden.

Sie ist Geschäftsführerin des Industrieverein Sachsen 1828. Zauberberg Medien

Katrin Hoffmann

Sie ist Geschäftsführerin des Industrieverein Sachsen 1828.

Eine der beiden Säulen des Projekts ist der Industrieverein Sachsen 1828, dessen Geschäftsführerin Katrin Hoffmann eine Frau der ersten Stunde der Initiative ist: „Wir waren damals sehr schockiert. Zumal wir in den letzten Jahren sehr engagiert damit beschäftigt waren, dem vermeintlich grauen Image der Stadt Chemnitz etwas entgegenzusetzen. Und dann waren wir fassungslos, wie schnell die Arbeit der letzten Jahre zunichtegemacht wurde. Die Unternehmen, die wir vertreten, sind in der ganzen Welt tätig, und ihnen war es sehr wichtig, dass wir uns klar positionieren und ein Statement setzen.“

Die zweite Säule der Initiative ist der Branchenverband für Kultur- und Kreativwirtschaft „Kreatives Chemnitz“, dessen Vorstand Frank Müller sich daran erinnert, wie emotional es im ersten Stuhlkreis zuging: „Jeder hat erzählt, was ihn daran stört, es ging um Gefühle, Unbehagen und Angst. Und dann ging es uns darum, der ganzen Welt zu zeigen: In Chemnitz gibt es noch normale Leute, die diese Gewalt ablehnen.“

Die Schnelligkeit der Gegenreaktion aus Chemnitz durch die bundesweite Anzeigenkampagne verblüffte damals, die Wirkungsmacht der Initiative zeigt sich aber eher in ihrer langfristigen Nachhaltigkeit.

Katrin Hoffmann erklärt die Effizienz von „Chemnitz ist weder grau noch braun“ durch die Vorgeschichte: „Die Verbindungen unter uns gab es bereits durch gemeinsame Veranstaltungen, das Netzwerk war schon da, und die entsprechenden Kompetenzen waren an Bord. So konnten wir das Projekt ganz schnell entwickeln mit ehrenamtlicher Arbeit und auch durch Sachspenden.“

Die durch die Initiative besonders geförderten Projekte entsprechen laut Hoffmann dem Dreiklang „Arbeit, Kultur und Sport“, der die Stadt präge. Das Projekt „Get in Touch“ der Universitätssportgemeinschaft Chemnitz bringt ungewöhnliche Sportarten wie Cricket an Chemnitzer Schulen, vermittelt durch Sportler aus Ländern, in denen diese Sportarten populär sind.

Er ist Vorstand des Branchenverbands der Kultur- und Kreativwirtschaft Kreatives Chemnitz. Zauberberg Medien

Frank Müller

Er ist Vorstand des Branchenverbands der Kultur- und Kreativwirtschaft Kreatives Chemnitz.

Das Projekt „Berufliche Integration von Ausländern“ schafft und zeigt Beispiele für soziale und berufliche Integration in regionalen Unternehmen und bietet den Teilnehmern Praktika, Bewerbertrainings und eine individuelle Vermittlung.

Attraktives Kulturprogramm

Das Festival „Begehungen“ schließlich bespielt jedes Jahr verlassene Orte in Chemnitz mit Kunst der unterschiedlichsten Art, von Lesungen über Filmvorführungen bis hin zu Konzerten. Das Festival fand im August bereits zum 16. Mal statt und stand in diesem Jahr unter dem Motto „Rausch“.

Frank Müller von „Kreatives Chemnitz“ bekräftigt, dass Chemnitz eigentlich ein starker Kulturstandort ist: „Tatsächlich haben wir ein sehr attraktives Kulturprogramm gemessen an der Größe von Chemnitz. Auch deshalb waren wir so schockiert, dass nach diesem Ereignis das Bild entstanden ist, dass wir hier fremdenfeindlich sind, dabei kommen doch Künstler aus der ganzen Welt hierher.“

Ein schlechtes Image wäre auch für die Bewerbung von Chemnitz als Kulturhauptstadt 2025 mehr als fatal. Auch daran arbeitet Hoffmann: „Wir stehen ja vor vielen Herausforderungen wie etwa Überalterung und Fachkräftemangel. Wir wollen Chemnitz als weltoffene und kreative Stadt präsentieren, um uns weiter erfolgreich zu entwickeln. Heute wird der Titel ‚Kulturhauptstadt‘ vergeben an Städte, die sich Herausforderungen stellen. Das passt zu Chemnitz, das sich immer wieder neu erfinden musste.“

Und Frank Müller freut sich über die Synergieeffekte: „Wir haben alle davon profitiert, sind weiter zusammengewachsen und kennen uns besser. Aber hinter allem steht die ganze Stadtgemeinschaft. Da ist ein gemeinsamer Wert entstanden.“

Mehr: Die Chancen für ostdeutsche Länder sind besser als ihr Ruf. Niedrige Mieten, geringe Lebenshaltungskosten und exzellente Hochschulen ziehen Talente in die Region.

Handelsblatt Premium

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×