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06.02.2019

07:06

Erbstreit

So will Prinz Ernst August sein Schloss zurückerobern

Von: Christian Rickens

Im Erbstreit mit seinem Sohn schickt Ernst August von Hannover jetzt seine Anwälte vor. Dem Handelsblatt verrät er, wen er als wahren Schuldigen des Familienzwists ausgemacht hat.

Ernst August von Hannover junior möchte dem Land Niedersachsen das Schloss für einen Euro verkaufen, weil eine Sanierung seine finanziellen Möglichkeiten überschreiten würde. dpa

Schloss Marienburg

Ernst August von Hannover junior möchte dem Land Niedersachsen das Schloss für einen Euro verkaufen, weil eine Sanierung seine finanziellen Möglichkeiten überschreiten würde.

HannoverDer Chef des Hauses Hannover ist gesundheitlich angeschlagen. Seine königliche Hoheit Ernst August Prinz von Hannover befindet sich in einer Klinik. Wegen einer Krebserkrankung, berichten Vertraute des 64-jährigen, aber mit guten Heilungsaussichten.

Zumindest in einer Hinsicht scheint die Erkrankung des Prinzen seine Energie nicht geschmälert zu haben: beim Kampf um den Stammsitz der Welfen, jenem Adelsgeschlecht, dem auch Ernst August entstammt.

Das Schloss Marienburg thront südlich von Hannover über dem Leinetal. Ernst August hatte den Familiensitz 2004 zusammen mit einigen anderen Herrenhäusern sowie Kunstschätzen und umfangreichem Grund seinem ältesten Sohn geschenkt. Dieser Erstgeborene heißt ebenfalls Ernst August, trägt den Titel „Erbprinz zu Hannover, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg“ und sollte ursprünglich nach dem Tod des Vaters dessen Rolle als Familienoberhaupt übernehmen.

Inzwischen haben sich Vater und Sohn tief entzweit. Ernst August Senior, der ein bewegtes Leben hinter sich hat und mehrfach mit Alkoholeskapaden und Gewalttätigkeiten Schlagzeilen machte, fühlt sich vom Sohn hintergangen und vernachlässigt und fordert seit dem Sommer 2017 die Rückabwicklungen der Schenkungen wegen „Groben Undanks“. Eine entsprechende Klage ließ er dieser Forderung bislang nicht folgen.

Doch weil der Sohn das Schloss Marienburg inzwischen für einen symbolischen Preis an das Land Niedersachsen verkaufen will, sollen den Worten des Vaters nun juristische Taten folgen. „Mein Sohn hat mir die jahrelangen Verkaufsgespräche hinsichtlich der Marienburg wohl weißlich verheimlicht“, sagte Ernst August senior im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Der Erhalt derartiger Kulturgüter war nie einfach, dennoch sehen ich und die anderen Familienmitglieder derzeit keinerlei nachvollziehbaren Grund, diese Kosten ohne Not den niedersächsischen Bürgern aufzubürden“, so der Prinz weiter.

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In einem 32-seitigen Schreiben an den niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD) legt die Berliner Kanzlei Bub, Enderle & Meyer nun dar, warum der Erbprinz gar nicht zum Verkauf des Schlosses berechtigt sein soll. Das Schreiben, verfasst im Auftrag von Ernst August senior, ist am Dienstag bei der Staatskanzlei in Hannover eingegangen und liegt dem Handelsblatt in Kopie vor.

Verhandlungen seit 2010

Den Anlass für die jüngste Eskalation im Familienstreit lieferte Ernst August junior, als er seinem Vater über die Pläne unterrichtete, die Marienburg für einen symbolischen Euro an eine Immobiliengesellschaft des Landes Niedersachsen zu verkaufen. In einem Schreiben an den Vater („Lieber Daddy“) vom 29. November 2018 erklärt der Sohn, er könne die notwendigen Sanierungskosten für die Marienburg in Höhe von schätzungsweise 27 Millionen Euro nicht aufbringen und sei deshalb zu dem Verkauf gezwungen.

Was den Vater besonders erbost: Aus dem Schreiben geht auch hervor, dass Ernst August junior bereits seit 2010 mit diversen niedersächsischen Landesregierungen über einen Verkauf des Schlosses Marienburg verhandelt. Wenige Tage später schickte der Vater eine Kopie des Schreibens an Weil. In dem Begleitbrief regte Ernst August senior an, „den Vollzug der angekündigten Maßnahme bis zur Klärung der Rechtslage auszusetzen“.

Ob es nun Weils Sorge war, das Land Niedersachsen ohne Not in den Familienstreit der Welfen hineinzumanövrieren, oder doch die politische Pikanterie, dass ausgerechnet ein sozialdemokratischer Ministerpräsident einem mutmaßlich noch immer schwerreichen Adelsgeschlecht den Unterhalt seines morschen Schlosses abnehmen will: jedenfalls verkündete Weil Mitte Dezember, bis zur Klärung der Rechtslage den bereits für den Jahreswechsel terminierten Kauf der Marienburg auszusetzen.

Der Prinz sieht keine Grundlage für die Rückübertragungsansprüche seines Vaters. imago/localpic

Ernst August Erbprinz von Hannover

Der Prinz sieht keine Grundlage für die Rückübertragungsansprüche seines Vaters.

Der jetzt bei Weil eingegangene Schriftsatz untermauert die Position des Vaters. Das Schreiben argumentiert mit zwei Bestimmungen des 2004 geschlossenen Schenkungsvertrages für Schloss Marienburg. Darin heißt es in Paragraf fünf, dass Ernst August senior sich ein Rückübertragungsrecht der Grundstücke an einen anderen Erben vorbehält, falls sein Sohn versterben sollte, ohne einen „Sohn nach dem Recht des Hauses Hannover aus ebenbürtiger oder vom Chef des Hauses hausgesetzlich genehmigter Ehe zu hinterlassen.“

Da Ernst August senior seinem Sohn die Zustimmung zu dessen 2017 geschlossener Ehe mit der russischen Modeschöpferin Ekaterina Malysheva verweigert, sind die Kinder aus dieser Ehe laut dem Vertrag von 2004 nicht erbberechtigt.

Das zweite Argument der Anwälte des Vaters: In einem zeitgleich mit dem Schenkungsvertrag von 2004 geschlossenen Erbvertrag verpflichtet sich Ernst August junior, über die geschenkten Grundstücke „nur in dem Umfang zu verfügen, wie ich es dürfte, wenn ich sie als Vorerbe geerbt hätte.“ Einem so genannten Vorerben, der das Erbe nur vorübergehend für nachfolgende Generationen verwaltet, ist es im Normalfall untersagt, Grundstücke aus der Erbmasse zu verkaufen oder gar zu verschenken.

Eine Befreiung von dieser Beschränkung habe es nicht gegeben. Und selbst als so genannter befreiter Vorerbe, so die Anwälte des Vaters, dürfte der Erbprinz das Schloss Marienburg auf keinen Fall verschenken – was bei einem Kaufpreis von einem Euro faktisch der Fall wäre.

Erbprinz bestreitet Ansprüche des Vaters

Und was sagt der Erbprinz selbst zu den Vorwürfen seines Vaters? Er teilt dem Handelsblatt mit: „Vertraglich war von Anfang an immer klar geregelt, dass ich wie ein befreiter Vorerbe über Grundstücke verfügen darf. Gegenteilige Aussagen sind falsch und entsprechen nicht den vertraglich festgehaltenen Tatsachen.“

Ebenso entschieden bestreitet er alle Rückübertragungsansprüche seines Vaters: „Ich bin Eigentümer von Schloss Marienburg und als solcher auch uneingeschränkt im Grundbuch eingetragen. Alle gesetzlichen Fristen für eine eventuelle Rückforderung der Schenkungen meines Vaters sind seit langem abgelaufen.“ Es bestehe kein Zweifel daran, „dass ich in jeder Hinsicht zum Abschluss der beabsichtigten Verträge berechtigt bin.“

Für den Nachweis des groben Undanks wiederum, der zu einer Rückabwicklung der gesamten Schenkung führen könnte, ist ein anderer Rechtsstreit bedeutsam, der sich rund 600 Kilometer südlich der Marienburg entfaltet. Bei der Staatsanwaltschaft in der liechtensteinischen Hauptstadt Vaduz wird der Salzburger Anwalt Malte Berlin nach eigenem Bekunden zeitnah eine Strafanzeige gegen Prinz Michael von und zu Liechtenstein sowie einen von dessen Mitarbeitern einreichen. Der Auftraggeber auch hier: Prinz Ernst August von Hannover. Der Vorwurf: Untreue.

Auf mindestens 27 Millionen Euro werden die Sanierungskosten des morschen Welfen-Schlosses geschätzt. imago/Henning Scheffen

Schloss Marienburg

Auf mindestens 27 Millionen Euro werden die Sanierungskosten des morschen Welfen-Schlosses geschätzt.

Prinz Michael verwaltet mit seiner Firma Industrie- und Finanzkontor treuhänderisch weite Teile des Vermögens des Hauses Hannover, die in der 1960 eingerichteten Herzog-von-Cumberland-Stiftung gebündelt sind. Im Entwurf der Strafanzeige, die dem Handelsblatt vorliegt, argumentiert Anwalt Berlin unter anderem, dass die beiden Beschuldigten Ernst August senior 2012 widerrechtlich als Vorstand der Stiftung abgesetzt hätten und gegen seinen Sohn ausgetauscht hätten – weil sich der Senior angeblich zu wenig um die Stiftung gekümmert hätte.

Tatsächlich sei es Prinz Michael und seinem Mitarbeiter aber darum gegangen, hinter dem Rücken des Prinzen von Hannover selbst ungehindert Zugriff auf das Stiftungsvermögen zu erlangen. In der Folge ist es laut Berlin zu zahlreichen Unregelmäßigkeiten zum Nachteil der Stiftung und andere Gesellschaften gekommen: „Wir haben es hier mit einem beispiellosen Fall von treuwidrigem Verhalten zu tun, das schwere Schatten auf die Glaubwürdigkeit des Finanzplatzes Liechtenstein wirft.“

Niedersachsen will nicht Schiedsrichter spielen

Ernst August senior gibt seinem adeligen Vermögensverwalter gar die Hauptschuld am Zerwürfnis mit dem Erbprinzen: „Das Zerwürfnis mit meinem Sohn hat Prinz Michael Liechtenstein zu verantworten, der sich als treuloser Freund und unredlicher Verwalter unseres Familienvermögens entpuppt hat. Leider unterstützt er den Erbprinzen beim Verschenken der Marienburg und unterläuft damit meinem Wunsch nach einer friedlichen Lösung.“

Eine Sprecherin des Industrie- und Finanzkontors in Vaduz weist die Vorwürfe gegen ihren Chef entschieden zurück: „Der Stiftungsvorstand handelt immer im Einklang mit Gesetz, Stiftungssatzung, dem wohlverstandenen Stifterwillen und den langfristigen Interessen des Hauses Hannover.“

Auch Erbprinz Ernst August weist alle Vorwürfe seines Vaters gegen Prinz Michael zurück, im Übrigen: „Prinz Michael von und zu Liechtenstein hat bei der nun beabsichtigten Gesamtlösung zur nachhaltigen Sicherung von Schloss Marienburg für die Öffentlichkeit nicht mitgewirkt.“

Ob es zu diesem Verkauf ans Land Niedersachsen allerdings noch kommen wird, ist angesichts des Schreibens, das nun auf Weils Schreibtisch liegt, ziemlich fraglich. Die Landesregierung in Hannover hatte bereits im Dezember klargestellt, dass sie im Familienzwist des Hauses Hannover keinesfalls als Schiedsrichter auftreten wolle.

Bis der Streit juristisch ausgefochten ist, könnte es Jahre dauern – und nach einer gütlichen Einigung zwischen Vater und Sohn sieht es derzeit weniger denn je aus.

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