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01.12.2018

13:08

Ethnologische Sammlungen

Berater empfehlen Macron Rückgabe afrikanischer Kulturgüter – Händler sind empört

Von: Olga Grimm-Weissert

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat bereits angekündigt, 26 Werke an den Benin zurückzugeben. Doch der Vorschlag seiner Berater ist heftig umstritten.

Franzosen hatten sie einst gestohlen. picture alliance/ASSOCIATED PRESS

Statuen aus dem Königspalast von Benin

Franzosen hatten sie einst gestohlen.

ParisVergangenen Freitag übergaben die Universitätsprofessoren Bénédicte Savoy und Felwine Sarr dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron ihren mit Spannung erwarteten „Bericht über die Restitution des afrikanischen Kulturguts“ mit dem programmatischen Untertitel „Für eine neue Ethik der Beziehungen“.

Ein doppelter Paukenschlag zum feierlichen Anlass. Denn die beiden 46-jährigen Berichterstatter treten radikal für die definitive Rückgabe von während der Kolonialzeit von Afrika nach Europa transferierten Objekten ein. Das war zu erwarten, wenn man die Vorlesungen der französischen Kunsthistorikerin verfolgte beziehungsweise die Bücher des kompromisslosen senegalesischen Wirtschaftswissenschaftlers las.

Staatliches Eigentum nicht übertragbar

Flugs kündigte der 41-jährige französische Präsident die rasche Rückgabe von 26 Werken an den Staat Benin an, der diese seit August 2016 offiziell verlangt. Die im Königspalast von Abomey (Benin) 1892 von französischen Truppen geraubten Skulpturen und königlichen Machtattribute befinden sich noch im Pariser Musée du Quai Branly – Jacques Chirac. Dessen Generaldirektor Stéphane Martin kommentiert sarkastisch, der „Transportwagen stünde noch nicht vor der Tür“.

Eingeweihte dagegen meinen, dem Willen des Staatspräsidenten zufolge könnte die erste Restitution sehr schnell gehen. Doch bei staatlichem französischem Kulturgut ist das Eigentum – bislang – nicht übertragbar. Sarr und Savoy dagegen regen kühn an, das Gesetz der „Unveränderlichkeit“ von Museumsbesitz neu zu fassen.

Hinter der Idee, die Restitution von Kulturgut für neue Beziehungen zu den afrikanischen Staaten unterhalb der Sahara einzusetzen, steht ein bedeutender Mann: der 64-jährige Lionel Zinsou. Er flüsterte Macron die historische Zäsur ein, was ihm den Hass der Kunsthändlerszene einträgt.

Der gut zwei Meter große, extrem schlanke Zinsou kommentiert humorvoll, er übernehme die Rolle des „Blitzableiters, um die Opposition gegen das Prinzip der Restitution und die Politik von Emmanuel Macron herauszukristallisieren“.

„Ich bin der Blitzableiter, um die Opposition gegen das Prinzip der Restitution herauszukristallisieren.“ SouthBridge

Sammler Lionel Zinsou

„Ich bin der Blitzableiter, um die Opposition gegen das Prinzip der Restitution herauszukristallisieren.“

Lionel Zinsou hat die Doppelstaatsbürgerschaft – so ist er Staatsbürger von Frankreich, wo er aufwuchs und meist lebt – und Benin, dessen Premierminister er bis 2016 war, als er die Präsidentschaftswahlen verlor. Davor war er einer der Direktoren im Lebensmittelkonzern Danone.

Gleichzeitig mit Emmanuel Macron arbeitete er in der Bank Rothschild, später leitete er den Investmentfonds PAI Partner. Er unterrichtete an der Elitehochschule École Nationale d’Administration und gründete Anfang 2018 die Bank Southbridge, die finanzielle Brücken zwischen Afrika und Europa schlägt – während sein Ex-Kollege Macron offiziell nur symbolische Brücken baut.

Zinsou finanziert den Großteil seiner in Benin aktiven Familienstiftung Fondation Zinsou, die seine Tochter Marie-Cécile Zinsou leitet. Dorthin wurden 2006 die geraubten Königsattribute vom Musée du Quai Branly verliehen und mit einem riesengroßen Publikumserfolg gezeigt. Spätestens nach Fertigstellung des neuen Museums sollen sie definitiv zurückkehren.

Privat sammelt Lionel Zinsou seit 20 Jahren „Tribal Art“. Wie er dem Handelsblatt exklusiv erzählte, ersteigerte er unter anderem den Thron von Béhanzin, dem letzten König von Abomey, den die Franzosen 1892 absetzten und des Landes verwiesen. In diesem Kontext regt er den Ankauf von afrikanischem Kulturgut „in afrikanische Hände“ an. Wobei ihm ausnahmsweise Sammler und Händler Beifall spendeten.

Ein neues Zeitalter wird eingeläutet

Überdies zählt Zinsou wie der ehemalige sozialistische Premierminister Laurent Fabius zur Aktionärsgruppe des Pariser Auktionshauses Piasa, das regelmäßig Versteigerungen zeitgenössischer afrikanischer Kunst organisiert. Die 2014 mit dem japanischen Kunstpreis „Praemium Imperiale“ geehrte Fondation Zinsou sammelt zeitgenössische Kunst, organisiert Ausstellungen und setzt sich stark für die Bildung von Kindern ein.

Nur kurz zur Erinnerung: Bénédicte Savoy lehrt an der Technischen Universität Berlin und am illustren Collège de France in Paris. Felwine Sarr ist Professor an der Universität Gaston Berger in Saint-Louis in Senegal. In ihrem „Bericht“ begrüßen Sarr und Savoy das im November 2017 in Ougadougou (Burkina Faso) von Emmanuel Macron „geöffnete Fenster“, das die Beziehungen zwischen den Ländern der Europäischen Union und den afrikanischen Staaten erneuert.

In ihrem im Internet auf Französisch und Englisch zugänglichen sowie darüber hinaus als Buch erschienenen Restitutionsbericht läuten sie zweckoptimistisch ein neues Zeitalter ein. Denn mit dem Entschluss zur Rückgabe der während der Eroberungskriege geraubten Güter könnte auch die Auseinandersetzung mit den Gräueln der Kolonialzeit beginnen: Die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die systematische Entmenschlichung, die Plünderungen, Vergewaltigungen, Gefangennahmen und Massenmorde führten zum „kolonialen Trauma“, das endlich verarbeitet werden müsste.

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Stellenweise überrascht die Übereinstimmung der Ratschläge Sarrs und Savoys mit den Aussagen von Zinsou, wie dessen grundlegendem Axiom: „Das afrikanische Kulturgut hat die besondere Eigenschaft, dass es zum Großteil zwangsverschleppt wurde. Dementsprechend muss es ganz speziell behandelt werden.“

Sarr und Savoy schlagen gründlich in diese Kerbe: „90 bis 95 Prozent des materiellen afrikanischen Kulturguts befinden sich außerhalb des afrikanischen Kontinents.“ Allein in den staatlichen französischen Museen lagern 88.000 Werke, davon rund 70.000 im Musée du Quai Branly. Die afrikanische Jugend hat „keinen Zugang zu ihrer eigenen Kultur, Kreativität und Spiritualität“. Für Zinsou ist dies eine „Frage der Würde und Identität“.

Heftige Gegenstimmen

Als Beitrag zur Identitätsstiftung erstellen Sarr und Savoy die Chronologie des Rückgabeprogramms. Dieses ist ausschließlich auf Verhandlungen von Staat zu Staat beschränkt. Das „historisch geöffnete Fenster“ soll 2022 überdauern, unabhängig von der Amtszeit Macrons.

Die Reaktionen waren prompt und heftig, denn der Bericht kursierte bereits vor seiner Übergabe im Netz. Ein Pariser Sammler und pensionierter Händler, der anonym bleiben möchte, kommentiert ironisch: „Monsieur Macron verfügt über unser staatliches Kulturerbe. Hat er das Recht dazu? Und was werden wir nach Mali, Kamerun, Burkina Faso zurückreichen? Ist das erst der Anfang?“ Empört bezeichnete der ehemalige Kulturminister Jean-Jacques Aillagon den Bericht als „überraschend wegen seiner Frechheit“.

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