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06.06.2019

17:02

Geldanlage

Wer in Kunstaktien investiert, braucht einen langen Atem

Von: Stefan Kobel

Wer das Geschäft mit der Kunst nicht durchschaut, aber von ihm profitieren möchte, wählt Aktien. Doch die Auswahl ist klein. Ein Vergleich.

Hase, Affe und Schwan aus Porzellan haben eine Auflage von je 999 Stück. Jeff Koons Studio

Jeff Koons „Balloon Animals“

Hase, Affe und Schwan aus Porzellan haben eine Auflage von je 999 Stück.

BerlinEs muss nicht unbedingt Gold sein. Wer auf der Suche nach einer alternativen Geldanlage ist, landet oft bei Gold. Gold gilt als sicherer Hafen und weitgehend wertstabil, aber unproduktiv. Als Alternative haben sich daher Aktien von Goldminen etabliert. Die unterliegen zwar etwas größeren Risiken, werfen jedoch in der Regel Dividenden ab. Die schlagzeilenträchtigere alternative Anlageklasse hingegen ist Kunst. Auch hier lässt sich entweder das eigentliche Produkt erwerben oder die Aktie.

Aber Kunstfonds sind bisher fast immer gefloppt. Nur sind die Verhältnisse umgekehrt. Ein direktes Investment in Kunst kommt ohne profunde Sachkenntnisse einem Lotteriespiel gleich. Expertise einzukaufen – etwa über Banken – lohnt sich erst ab mindestens siebenstelligen Volumina.

Wer dennoch mit kleineren Beträgen vom Kunstmarkt profitieren möchte, kann zu Aktien greifen. In der Theorie. Denn börsennotierte Unternehmen sind in der Branche dünn gesät. Von den großen Auktionshäusern ist lediglich Sotheby’s an der Börse notiert. Abgesehen von Zockern dürfte bisher kaum jemand glücklich geworden sein mit der Aktie. Im Zuge des Börsencrashs 2008 verlor das amerikanische Unternehmen über 80 Prozent an Wert. Der Kurs von vor der Krise wurde erst im letzten Jahr wieder erreicht. Seither allerdings ist er wieder fast halbiert.

In Frankreich ist die Kunstpreisdatenbank Artprice börsennotiert, deren Aktienkurs sich dort befindet, wo er vor zehn Jahren auch schon war, unterbrochen von unerklärlichen Kursexplosionen auf bis zum Fünffachen, denen ebensolche Abstürze folgten. Vier der sechs Boardmitglieder tragen den gleichen Nachnamen wie Gründer, CEO und Chairman Thierry Ehrmann. In der Szene wie bei Investoren scheint das Unternehmen bestenfalls eine untergeordnete Rolle zu spielen.

Es klingt fast unwahrscheinlich, ist aber wahr: Die Hälfte aller börsennotierten Kunstmarktunternehmen hat ihre Wurzeln in Deutschland. Als Pionier gilt die Artnet AG aus Berlin. Begonnen hat das Unternehmen schon in den 1980er-Jahren mit einer Datenbank für Auktionspreise, die noch per Modem verbreitet wurde.

1999 erfolgte dann der Börsengang, damals noch am Neuen Markt. Seitdem versteigert Artnet Kunst im Internet. Bei einem Jahresumsatz von damals fünf Millionen Euro war für 2001 eine Steigerung auf 37 Millionen Euro prognostiziert worden. Für Onlineauktionen war es damals aber noch zu früh, das Experiment wäre beinahe tödlich verlaufen. Doch die Firma erfand sich als Netzwerk für Galeriepräsenzen neu, startete ein Magazin und unternahm 2008 erneut Auktionen, die mittlerweile zumindest einen schmalen Gewinn abwerfen.

Vom seinerzeitigen Umsatzziel ist Artnet immer noch weit entfernt, doch immerhin scheinen alle vier Geschäftsbereiche solide aufgestellt und wachsen langsam aber stetig. Viel Fantasie lässt das nicht zu, was der Aktienkurs widerspiegelt.

Der Kunstunternehmer hat einen nüchternen Blick auf die Märkte. B. Wichmann, Courtesy Weng Fine Art

Rüdiger K. Weng

Der Kunstunternehmer hat einen nüchternen Blick auf die Märkte.

Immerhin hat Artnet in der Vergangenheit einige Wettbewerber kommen und gehen sehen. Teilweise waren diese mit enormen Summen an Venture Capital ausgestattet. Deren Onlineauftritte waren State of the Art, und einige ihrer Partys, meist in New York oder Miami, waren angesagte Events.

Nur, bis zum Börsengang hat es keines dieser Unternehmen geschafft. Die meisten existieren nicht einmal mehr. Einzig Artsy, eine Verkaufsplattform mit einigen schwergewichtigen Investoren unter anderem aus dem Silicon Valley, das allein über 100 Millionen US-Dollar Wagniskapital eingesammelt hat, existiert noch.

Jacob Pabst (46), Sohn des Artnet-Gründers Hans Neuendorf, ist im Unternehmen groß geworden und seit 2012 Vorstandsvorsitzender, glaubt nicht an die Geldvermehrungs-Märchen der Internet-Economy: „Der Kunstmarkt reagiert langsam und schwerfällig. Das ist teilweise eine Generationsfrage, und alte Gewohnheiten lassen sich schwer durchbrechen.“ Er kennt das von den anderen Segmenten sehr genau.

Mithilfe der Datenbank habe Artnet Transparenz im Kunstmarkt eingeführt: „Nur mussten wir beinahe 15 Jahre gegen große Widerstände und alte Gewohnheiten ankämpfen, bis wir schließlich den Break-even erreicht haben. Die Auktionen waren letztes Jahr zum ersten Mal profitabel und entwickeln sich zwar langsamer, als wir erwartet haben, aber insgesamt gut.“´

Die andere Aktie, die sich kunstaffine Anleger ins Depot legen können, ist die der Weng Fine Art AG , die in München und Frankfurt notiert ist. Sie ist auf das B2B-Geschäft fokussiert und handelt meistens auf Auktionen. Das klingt wenig spannend und ist ein recht mühseliges Geschäft, das zudem von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen wird. Immerhin macht das Unternehmen kontinuierlich Gewinn und schüttet regelmäßig eine Dividende aus.

Interessant wird die Geschichte der WFA durch ihre schweizerische Tochter WFA Online AG, die Editionen angesagter Künstler vertreibt, zum Teil exklusiv. Die bunten Tierfiguren von Jeff Koons etwa oder eine Faust mit ausgestrecktem Mittelfinger aus Murano-Glas von Ai Weiwei.

Mit einem Nettogewinn von 25 Prozent ist das Unternehmen eine echte Rendite-Perle, die fast vollständig der Mutter gehört. Gerade wurden zehn Prozent der Anteile an Altaktionäre der Mutter verkauft, um so die Börsenfähigkeit zu erlangen. Das Problem ist die Größe: Beide Unternehmen zusammen setzten gerade einmal gut 8 Millionen Euro um.

Der Gründer und Kopf beider Firmen ist Rüdiger K. Weng (56). Der gelernte Kaufmann vom Niederrhein ist seit Jahrzehnten im Kunsthandel tätig und war schon einmal an einem erfolglosen Übernahmeversuch von Artnet beteiligt. Er hat einen sehr nüchternen Blick auf die Branche: „Der Kunstmarkt ist kein ‚Massenmarkt‘. Deshalb fehlt ihm auch die kritische Masse, mit deren Hilfe man aus dem Verkauf von Informationen Kapital schlagen könnte.“

Artnet sei klarer Marktführer im Kunst-Mediageschäft. „Doch Artnet hat es trotz einer sehr starken Marktdurchdringung und guter Produkte seit 20 Jahren nicht geschafft, ihren Aktionären auch nur einen Cent an Dividende auszuzahlen.“

Das Stinkefinger-Multiple gibt es in verschiedenen Farben. Es hat eine Auflage von je 100 Stück und trägt zum Gewinn der Weng Fine Art Online bei.   Ai Weiwei/ Studio Berengo

Ai Weiwei „Study of Perspective“ in Murano-Glas

Das Stinkefinger-Multiple gibt es in verschiedenen Farben. Es hat eine Auflage von je 100 Stück und trägt zum Gewinn der Weng Fine Art Online bei.

Mega-Pleiten, wie die der nicht börsennotierten Auctionata AG aus Berlin 2017, die rund 100 Millionen Euro Wagniskapital versenkt hat, seien nur folgerichtig, so Weng: „Meiner Einschätzung nach wurde das Volumen des Kunstmarktes von den Venture-Capital-Gebern deutlich überschätzt.“

Grund dafür sei unter anderem, dass die Marktanalysen, die zum Beispiel anlässlich der Tefaf oder der Art Basel veröffentlicht werden, die echten Umsätze durch Doppelzählungen deutlich überzeichnen. „Der Kunstmarkt wird am Ende von weniger als 0,1 Prozent der Bevölkerung getragen. Es ist also ein absoluter Nischenmarkt.“

Ähnlich sieht Pabst das Umfeld. Das Geschäftsmodell der neuen Wettbewerber „basiert insgesamt auf der falschen Annahme, dass man den Markt mithilfe von Technologie extrem vergrößern kann, und basierend auf dieser Annahme haben sie auch Venture Capital eingesammelt.“

Ob sich nun mit Information – wie bei Artnet – oder mit Kunsthandel – wie bei Weng – besser, mehr oder überhaupt Geld verdienen lässt, darüber sind sich die beiden offensichtlichen Wettbewerber uneins. Die Erkenntnis, dass das Geschäft Marktkenntnis, Kapital, viel Arbeit und einen längeren Atem erfordert, als ihn Wagniskapitalgeber normalerweise aufbringen, eint sie wiederum. Für Aktionäre mit längerem Anlagehorizont sollte dieser Realismus beruhigend sein.

Mehr: Kunst im Internet: Das schwierige Geschäft mit den Online-Auktionen. Lesen Sie hier über Hintergründe und alternative Konzepte.

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