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25.11.2019

17:23

Grünes Gewölbe in Dresden

Größter Kunstdiebstahl der modernen Geschichte – „Wir sind schockiert von der Brutalität“

Von: Thomas Jahn, Stefan Kobel

Der geschätzte Wert der aus dem Grünen Gewölbe in Dresden gestohlenen Steine liegt bei bis zu einer Milliarde Euro. Dennoch sind die Stücke zugleich so gut wie wertlos.

Grünes Gewölbe in Dresden: Der größte Kunstraub der Geschichte

Weltbekannt für seine Schätze

Das Juwelenzimmer des Grünen Gewölbes im Dresdener Residenzschloss.

Düsseldorf, Berlin Hollywood kennt den Plot: Kurz vor dem Karriereende wird der Held noch einmal mit einem besonders kniffligen oder gefährlichen Fall konfrontiert. Professor Dirk Syndram ist 64 Jahre alt. In einer normalen Berufslaufbahn stände nächstes Jahr die Pensionierung an.

Als Museumsleiter ist in der verbleibenden Zeit normalerweise wenig Spektakuläres zu erwarten. Doch Syndram ist Direktor des Grünen Gewölbes und der Rüstkammer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden sowie Schlossdirektor im Dresdener Residenzschloss.

Am frühen Montagmorgen wurde in das Grüne Gewölbe eingebrochen. Drei Juwelengarnituren wurden gestohlen – es ist der wohl größte Kunstraub der modernen Geschichte. Aus der ruhigen Restarbeitszeit wird definitiv nichts. Zu den gestohlenen Preziosen sagt Syndram: „Das ist ein unschätzbarer kultureller Wert und Weltkulturerbe.“

Zwei Diebe verschafften sich Zugang zum Grünen Gewölbe in der Dresdener Schatzkammer, das für seine Kunstschätze weltbekannt ist. Dort lagern Gold und Edelsteine, Porzellan, Kunstwerke aus Bernstein, Schnitzereien aus Elfenbein.

Die Einbrecher legten zuerst die Alarmanlagen lahm, stiegen durch ein Fenster am Theaterplatz ein, zertrümmerten Vitrinen und stahlen die Juwelengarnituren aus dem 18. Jahrhundert mit rund 100 Einzelstücken. „Wir sind schockiert von der Brutalität des Einbruchs“, sagte Marion Ackermann, Generaldirektorin der Kunstsammlung Dresden und Syndrams Chefin.

Der geschätzte Wert der gestohlenen Steine liegt laut Medienberichten bei bis zu einer Milliarde Euro. Aber die Stücke sind zugleich so gut wie wertlos, weil unverkäuflich.

„Die besondere Bedeutung und Qualität liegt darin, dass diese Ensembles als solche überliefert sind“, sagte Ackermann. Sie hoffe, dass durch die große Bekanntheit der Stücke diese eigentlich unverkäuflich sind. Ihre „Schreckensvorstellung“: Die Diebe könnten die Kunstwerke zerstören, um an die Edelsteine zu kommen und sie umzuschleifen.

Ackermanns Karriere in der Museumsszene ist steil. Mit bereits 38 Jahren wurde sie 2003 die jüngste Chefin eines größeren Museums in Deutschland, des Kunstmuseums Stuttgart. Mit 44 wechselte sie nach Düsseldorf und leitete dort die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen.

Dort kam sie mit ihren Konzepten und Ausstellungen gut an, suchte den Kontakt mit den Besuchern und führte eine wöchentliche Gesprächsreihe ein. Laut französischen Medien kam sie 2013 in die engere Wahl für die Leitung der Modernen Kunst im Centre Georges-Pompidou in Paris. Einer ihrer Konkurrenten war Max Hollein, der sich auch nicht durchsetzte – und heute das Metropolitan Museum in New York führt.

Dirk Syndram, Direktor des Grünen Gewölbes, Leitender Oberstaatsanwalt Klaus Rövekamp, Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, und Jörg Kubiessa, Polizeipräsident Polizeidirektion Dresden (v. l.). dpa

Erschütterte Akteure

Dirk Syndram, Direktor des Grünen Gewölbes, Leitender Oberstaatsanwalt Klaus Rövekamp, Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, und Jörg Kubiessa, Polizeipräsident Polizeidirektion Dresden (v. l.).

Der Vertrag von Ackermann wurde in Düsseldorf 2014 vorzeitig um sieben Jahre verlängert. Doch den erfüllte sie nicht, keine zwei Jahre später wechselte sie nach Dresden, um dort als Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen anzufangen.

Die Aufgabe war reizvoll: Zur Kunstsammlung gehören 15 Museen mit insgesamt 500 Mitarbeitern, darunter Sammlungen im Residenzschloss oder im Zwinger. Eine ihrer Aufgaben: die internationale Ausrichtung der Kunstsammlungen fortzusetzen.

Ihr weltweites Netzwerk war einer der Gründe, warum sie den Job in Dresden bekam. Das sei eine gute Voraussetzung für die Tätigkeit in einer Stadt, die „zurzeit ein nicht unerhebliches Problem hat, Weltoffenheit zu zeigen“, sagte bei ihrer Ernennung Sachsens Kunstministerin Eva-Maria Stange.

Der Kunstdiebstahl von Dresden – wichtige Fragen und Antworten

Wie hoch ist der Schaden?

Nach Angaben der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden handelt es sich weniger um einen materiellen Schaden als um eine kulturhistorische Katastrophe. In Geld lasse sich die Dimension des Desasters nicht messen, sagt Generaldirektorin Marion Ackermann. Sie lehnt es ab, von Werten in „Milliardenhöhe“ zu sprechen. Vielmehr sind durch den Raub in dem vom Kurfürsten August dem Starken (1670-1733) angelegten Staatsschatz Lücken gerissen worden. Die Bestände seien nicht mehr in dem Maße vollständig, wie sie historisch überliefert wurden.

Sind die gestohlenen Schätze versichert?

Kulturgüter aus öffentlichen Museen sind im Prinzip nicht versichert, Schäden über die sogenannte Staatshaftung gedeckt. Für öffentliche Museen ist die Staatshaftung attraktiv, da sie keine Versicherungsbeiträge entrichten müssen.

Gibt es Ausnahmen?

Ja, sagt Bernd Ziegenrücker, Makler für Kunstversicherungen in Berlin. Leihgaben seien meistens versichert. Auch der Grüne Diamant aus der Dresdener Sammlung, der zurzeit im Metropolitan Museum of Art in New York gezeigt wird, ist für die Präsentation in Übersee versichert. Sobald er an seinen angestammten Ort zurückkehrt, entfällt der Schutz, der Staat haftet dann wieder.

Könnten die Diebe die gestohlenen Juwelen verkaufen?

Laut Experten ist zum Beispiel der Verkauf gestohlener Diamanten auf dem freien Markt extrem schwer. Wie Margaux Donckier, Sprecherin des Diamantenhandelszentrums von Antwerpen, dem wichtigsten einschlägigen Handelsplatz der Welt, sagt, sind die Händler eng vernetzt und haben über Datenbanken Zugriff auf Angaben zu gestohlenen Steinen weltweit. Hehler dürften sich auf dem Antwerpener Markt auch nicht sicher fühlen: Die Händler hätten einen direkten Draht zur belgischen Polizei, das Diamantenviertel werde mit 2000 Kameras beobachtet.

Im Fall der in Berlin gestohlenen Riesenmünze wurde das Goldstück laut den Ermittlern zerstückelt und einzeln verkauft. Droht dieses Schicksal auch der Dresdener Beute?

Anders als bei der Zwei-Zentner-Goldmünze „Big Maple Leaf“ aus dem Bode-Museum, die sich leicht als Gold verwerten lässt, behalten die Dresdener Juwelen nur als ganze Stücke ihren einzigartigen Wert. Zwar lässt sich etwa eine Brosche oder ein Diamant zerlegen. Händlern würde aber etwa durch die alte Schleiftechnik ein Diamant zweifelhaften Ursprungs sofort auffallen.

Welche Rolle spielt die Öffentlichkeit?

Eine sehr große, sagt Margaux Donckier vom Diamantenhandelszentrum in Antwerpen, wo jedes Jahr Steine im Wert von 48 Milliarden US-Dollar (44 Mrd. Euro) gehandelt werden. Als etwa 2016 dem US-Promi Kim Kardashian in Paris Schmuck im Wert von geschätzten neun Millionen Euro gestohlen wurde, habe sich das rasend schnell herumgesprochen. Dadurch sei die Ware unverkäuflich geworden.

Was könnten die Täter mit der Beute vorhaben?

Nach Angaben der Ergo-Versicherung, die auch Kunstwerke versichert, werden Schmuckstücke meist nicht wegen ihres historischen Wertes gestohlen, sondern aufgrund der hohen Wertkonzentration - kleiner Schmuck kann sehr hohen Wert haben. Wenn Objekte zerlegt werden, können sie in den Wirtschaftskreislauf geraten. Dadurch würden die Spuren der Täter verwischt.

Wichtig sei ihr der Ankauf von Kunstwerken, sagte Ackermann beim Amtsantritt. Dafür wollte sie in Dresden den Unterstützerkreis ausbauen: „Im Geldbeschaffen war ich immer ganz gut.“ Die Aufgabe hat jetzt mit dem Diebstahl eine ganz neue Dimension bekommen.

Dresden

Spektakulärer Kunstraub im Grünen Gewölbe

Dresden: Spektakulärer Kunstraub im Grünen Gewölbe

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Kommentare (1)

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Herr Rainer Rinnhofer

25.11.2019, 18:15 Uhr

Ich würde mir vom Handelsblatt wünschen, dass der Unterschied zwischen Diebstahl und Raub dem Journalisten bekannt wäre.

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