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28.11.2019

15:34

Grünes Gewölbe

Zu bekannt, um sie zu verkaufen: Der Fluch der Juwelen

Von: Christiane Fricke

Der Kunstraub in Dresden reiht sich ein in eine lange, spektakuläre Geschichte gestohlener Edelsteine. Schon August den Starken trieben sie fast in den Ruin.

Die Vitrine war mit wenigen Axthieben zerstört. dpa

Das Juwelenzimmer im Grünen Gewölbe

Die Vitrine war mit wenigen Axthieben zerstört.

Düsseldorf Die Brandbomben im Zweiten Weltkrieg überstand der sächsische Staatsschatz im Grünen Gewölbe von Dresden. Auch die Erbeutung durch die Russen überdauerte er wie durch ein Wunder. Dann wird der Schatz, 61 Jahre nach seiner Rückkehr nach Deutschland, Opfer eines nur Minuten dauernden Diebstahls.

Kurfürst August der Starke (1670 – 1733) würde sich im Grabe herumdrehen. Denn er selbst kämpfte zu Lebzeiten wie ein Löwe um den Erhalt des Kronschatzes. Immer wieder verpfändete er ihn, um seine Kriege zu finanzieren, von denen viele verloren gingen. Und immer wieder löste er ihn wieder ein.

Die Ermittlungen der Polizei laufen auf Hochtouren. Es deutet sich an, dass die Täter aus der organisierten Kriminalität kommen.

Die Juwelen sind zu bekannt, um sie zu verkaufen. Daher werden sie möglicherweise herausgetrennt und umgeschliffen.

Nach all den Wundern der Vergangenheit würde die Kleinode dann das gleiche Schicksal ereilen wie die Kostbarkeiten von Sonnenkönig Ludwig XIV. Sie wurden in den Revolutionswirren zerstreut oder zerstört.

Worauf die Dresdener stolz sind

Der Verlust kann schmerzlicher nicht sein. Auf das Grüne Gewölbe mit den sächsischen Kronjuwelen als Herzstück sind die Dresdener stolz. Zu verdanken haben sie es Kurfürst August dem Starken, der es zwischen 1723 und 1730 als seine Schatzkammer ausgestalten ließ.

Majestätisch wollte er in Erscheinung treten; stand er doch unter ungeheurem, selbst verursachtem Wettbewerbsdruck. Sechs weitere deutsche Kurfürsten galt es auszustechen. Letztlich aber wollte der kunstsinnige Fürst zumindest symbolisch auf Augenhöhe mit dem Deutschen Kaiser, dem russischen Zaren und dem französischen König kommen.

„Er war unschlagbar“, sagt Friederike von Truchseß, Schmuckexpertin des Kölner Auktionshauses Lempertz. Die Juwelen seien etwas Besonderes.

„Sie sind so was von perfekt erhalten.“ Bemerkenswert ist für sie außerdem, dass die Herkunft der Steine genau überliefert wurde. Der Kurfürst ließ bewusst große Steine suchen und verarbeiten.

Auf ihr sitzen 51 große und 611 kleine Brillanten. Das sehr schwere Schmuckstück wurde unterhalb des Ausschnitts getragen. via REUTERS

Große Brustschleife

Auf ihr sitzen 51 große und 611 kleine Brillanten. Das sehr schwere Schmuckstück wurde unterhalb des Ausschnitts getragen.

Der offizielle Staatsschmuck war gleichsam das i-Tüpfelchen der majestätischen Ausstattung, neben dem Hermelin, dem blauen Königsmantel und dem goldenen Zepter. Zehn Juwelengarnituren besaß August der Starke, Schmuckensembles für alle Anlässe und repräsentativen Auftritte.

Hinzu kamen bedeutende von seinem Sohn August III. erworbene Steine, darunter der berühmte „Grüne Diamant“, der zum Glück zurzeit in New York ausgestellt ist, und ein Ensemble mit Brillantschmuck für die Königin, zusammengestellt vom Urenkel Friedrich August III.

Nach letzten Erkenntnissen fehlen insgesamt 14 Schmuckstücke aus drei Ensembles, auch genannt „Garnituren“. Was sich der Kurfürst nach dem Anziehen daraus noch an seine Garderobe zu heften hatte, geht aus der Verlustliste hervor. Elf Teile umfasste allein die „Diamantrosengarnitur“.

Davon gingen sieben Teile verloren, darunter ein Paar gewölbte Schuhschnallen, die sogenannte „Epaulette“ für die Achsel, das „Kleinod des Polnischen Weißen Adler-Ordens“ und der mit 2 060 Brillanten besetzte Degen.

Der Schatz in der Kammer

August der Starke

kam durch sein Faible für Prachtentfaltung wiederholt in finanzielle Bedrängnis. 1719 ließ der sächsische Kurfürst und spätere polnische König seinen Juwelenschatz erstmals inventarisieren und schätzen.

Garnitur

Der französische Begriff taucht erstmals im Inventar von 1719 auf. Er bezeichnet ein zusammenhängendes Ensemble von Schmuckstücken für besondere Anlässe. Sie wurden bei Bedarf auf ein ausgewähltes Gewand aufgenäht oder konnten mit diesem getragen werden.

Grünes Gewölbe

Die Juwelen waren sowohl Teil der Garderobe als auch Schaustücke in der zwischen 1723 und 1730 errichteten Schatzkammer. Zu sehen bekam sie jedoch nur exklusives Publikum. Im Grünen Gewölbe präsentierte August der Starke den gesamten Bestand seines Kronschatzes in einer dramaturgisch abgestimmten Folge von acht Räumen. Einer von ihnen sticht durch seine malachitgrün gefärbten, innenarchitektonischen Elemente hervor.

Von der 14-teiligen „Brillantgarnitur“, dem repräsentativsten Juwelenschmuck der königlichen Festgarderobe, fehlen drei Teile, darunter ein fächerförmiger Hutschmuck und der Bruststern des Polnischen Weißen Adler-Ordens. Vier Teile fehlen aus dem 14-teiligen Diamantschmuckensemble der Königinnen.

Darunter ist beispielsweise die Große Brustschleife der Königin Amalie Auguste, ein „Aigrette“ genannter Anstecker für das Haar in Form einer Sonne und Teile des Brillantcolliers. Die anfangs als Verlust gemeldete Kette aus sächsischen Flussperlen ist noch da.

Eine ganze Phalanx von Goldschmieden war am kurfürstlichen Hof beschäftigt. Die meisten Stücke fertigten die Hofjuweliere Christian August Globig und dessen Sohn August Gotthelf an, darunter den brillantenbesetzten Degen. Er ist eine Prunkwaffe des frühen Klassizismus, mit der der Träger deutlich Reichtum und Machtanspruch signalisierte.

Seine Geschichte ist illuster: 1807 musste der Monarch fast den gesamten Brillantschmuck als Sicherheit für einen Kredit von 1,4 Millionen Gulden nach Holland verpfänden. 1813 war die Schuld getilgt. Doch nach der auch für den sächsischen König verlorenen Völkerschlacht von Leipzig im selben Jahr musste der Juwelenschmuck abermals für sechs Jahre verpfändet werden.

Er wurde gerade in New York im Metropolitan Museum ausgestellt, als der Diebstahl passierte. imago images/UPI Photo

Der Grüne Diamant

Er wurde gerade in New York im Metropolitan Museum ausgestellt, als der Diebstahl passierte.

Jean Jacques Pallard fertigte zwischen 1746 und 1749 den Bruststern des Polnischen Weißen Adler-Ordens. Der achtspitzige Stern mit seinen 48 Hauptstrahlen aus mittelgroßen Brillanten endet in Spitzen aus kleinen Brillanten, die gleichzeitig der Befestigung des schweren Schmuckstücks auf dem Gewand dienten.

So ein „Kleinod“ gehörte zu den höchsten Auszeichnungen eines Ordens. Nur die Schmuckstücke des Potentaten durften mit Diamanten besetzt werden.

Christian August Globig schuf 1782 auch die Große Brustschleife der Königin Amalie Auguste mit Brillanten im Gesamtgewicht von circa 614 Karat. Sie war ein Geschenk von Friedrich August III. an seine Gemahlin anlässlich der Geburt ihres ersten Kindes. Derartige Schmuckschleifen wurden unter dem Ausschnitt getragen.

Was verloren ging, ist kunsthistorisch und mit Blick auf Erhaltungszustand und Vollständigkeit unersetzlich. Für die Diebe ist es unverkäuflich. Daran glaubt man zumindest in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. „Das sind alles Schliffe des 18. Jahrhunderts“, erklärte Dirk Syndram, Leiter des Grünen Gewölbes, der Presse.

Man könne solche Steine nicht einfach zu Geld machen. Wer sie herausbreche, entwerte das Objekt. Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, gab zu bedenken, dass beim Abschleifen zu viel Material verloren ginge.

Gemmologin Beate Kalisch zufolge kann man die Steine jedoch aus ihren Fassungen brechen und in ihrer Originalgröße neu fassen. Beim Umschleifen gingen jedoch bis zu 30 Prozent Material verloren, erklärte sie gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“.

Die Strategie, die selten aufgeht

Mit dem Materialwert ließe sich für die Diebe durchaus ein Geschäft machen. Umschleifen können sie in Indien oder China. Dort sitzen auch die besten Kunden heutzutage. Oder wurde der Schmuck vielleicht im Auftrag eines reichen Kunden gestohlen, der ihn dann in seinen Tresor legt? Das kennt man in der Branche eigentlich nur aus dem Kino.

Wahrscheinlicher ist eine Lösegeldforderung. Eine Strategie, die erfahrungsgemäß aber selten aufgeht. Ein Beispiel lieferte 2003 die goldene „Saliera“ aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien, für die der Täter zehn Millionen Euro forderte. Der Versicherungswert für das Salzfässchen, das der Künstler Benvenuto Cellini Mitte des 16. Jahrhunderts für den französischen König Franz I. anfertigte, belief sich auf 50 Millionen Euro.

Die Erpressung ging schief, der Dieb wurde ermittelt. Es war Robert Mang, Inhaber einer Alarmanlagenfirma in Wien.

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