MenüZurück
Wird geladen.

07.02.2019

15:00

Kochi-Muziris-Biennale

Labor für Gedankenspiele – Asien blickt auf politische Kunst

Von: Sabine Spindler

Künstlerinnen setzen die Akzente auf der größten Biennale für zeitgenössische Kunst im asiatischen Raum. Schauplatz ist die indische Hafenstadt Kochi.

Selbstporträt und Anspielung auf Afrikas Kunst des Recycelns. Kochi Biennale

Cyrus Kabiru „Macho Nne 05“

Selbstporträt und Anspielung auf Afrikas Kunst des Recycelns.

KochiDie Dichte der Galerien und Künstlerateliers mag in Mumbai und Delhi unvergleichlich höher sein als in der geschäftigen Hafen- und Handelsstadt Kochi am arabischen Meer. Aber hier im Süden des indischen Bundesstaates Kerala hat sich Asiens größte Biennale für zeitgenössische Kunst etabliert.

In den ehemaligen Speicherhäusern am Ufer der Halbinsel Fort-Kochi, die sowohl Portugiesen als auch Holländern und Engländern seit dem 16. Jahrhundert als Stützpunkt zur Warenverschiffung in Richtung Westen diente, geben derzeit fast 100 Künstler aus allen Teilen der Welt ihr Statement ab.

Politisch, kritisch, reflexiv ist der Tenor der vierten Ausgabe der 2012 gegründeten Kochi-Muziris-Biennale. Weltweite politische Verfolgung thematisiert beispielsweise die indische Künstlerin Shilpa Gupta mit ihrer Klanginstallation „For, in your tongue, I can not fit – 100 Jailed Poets“.

Ein Feld von kleinen Stelen mit Zetteln, die die Quellen der Texte und deren inhaftierten Autor benennen, eröffnet sich in dem dunklen Raum. Die gesprochenen Zitate von Alan Ginsberg bis Achmad Shamlou und Liu Xia aus darüber hängenden Lautsprechern bilden einen stillen Chorus der Anklage fern von aktueller Nachrichtenempörung.

Spiegel eines zerrissenen Landes

Rund die Hälfte der Teilnehmer sind Künstlerinnen. Das verdankt sich Anita Dube. Die diesjährige Kuratorin ist selbst Künstlerin. Die quirlige Frau mit feministischen Ambitionen sieht die Kochi-Muziris-Biennale als großes Forum der direkten, realen Kommunikation: „Die virtuelle Hyperverbundenheit hat uns paradoxerweise entfernt von dem warmen Zusammenhalt der Gemeinschaft“. Mit ihrem Motto „Möglichkeiten zu einem nicht entfremdeten Leben“ ermöglicht sie ein breites thematisches und vielstimmiges Spektrum. Das schließt auch die in Volkskunst und Handwerk liegenden Wurzeln mit ein, grenzt sich aber ab vom formal-ästhetischen Leerlauf.

Kunst-Versteigerungen: Alte Meisterinnen setzen sich bei Auktionen in New York an die Spitze

Kunst-Versteigerungen

Alte Meisterinnen setzen sich bei Auktionen in New York an die Spitze

Sotheby's macht Kasse mit Gemälden von Künstlerinnen. Den höchsten Preis der Woche erzielt jedoch eine Rubens-Zeichnung.

Der Inder BV Suresh zielt mit seiner Rauminstallation „Canes of Wrath/Stöcke des Zorns“ auf die soziale und mentale Zerrissenheit seines Landes, indem er Fotos von Häusern aus Glas und Stahl mit traditionellen Feuerstellen konfrontiert, um die in einer Endlosschleife ein Besen Sand kehrt. Dazu schlagen hölzerne Stöcke einen bedrohlichen Sound. Martha Rosler aus den USA aktualisierte für Kochi ihre berühmte Vietnamkrieg-kritische Serie „House Beautiful: Bringing The War Home“ aus den 1960er-Jahren mit neuen Fotomontagen aus Illustrierten-Versatzstücken. Der zurück gezogene Vorhang in einem Upper-Class-Bungalow gibt den Blick frei auf eine Militärpatrouille irgendwo im Nahen Osten.

Diese Schau ist eine Biennale der subtilen Botschaften. Jun Nguyen Hatsushiba etwa zeigt in seinem Video eine phantastische Unterwasserwelt, die von vietnamesischen Rikscha(fahrrad)fahrern durchquert wird. Alle paar Minuten drängt es sie an die Oberfläche zum Luftholen – ein Gleichnis für den Existenzdruck unterer Schichten. Und Jitish Kallad, einer der international erfolgreichen Künstler Indiens, gemahnt mit der archaischen Feuerkeilen nachempfundenen Installation „Zwei Minuten vor 12“ an die desaströse Kraft heutiger Technik und Erfindungen.

Am Kai des Aspenware Houses, dem Hauptausstellungsgebäude, flattern verschmutzte T-Shirts aus Baumwolle, beschriftet mit Namen, Jahreszahlen und Preisen – archivalische Fakten des Menschenhandels. Sie sind Teil der Installation „One Hundred and Nineteen Deeds of Sale“ von Sue Williamson aus Kapstadt. Damit reflektiert sie die Unmenschlichkeit, die die einst in Kochi von der Dutch East India Company nach Südafrika verschifften, rechtlosen Sklaven erfahren mussten.

Künstler als Kulturarbeiter

Während des BMW Art Talks „Kunst in schwierigen Zeiten“ war Sue Williamsons Antwort auf die globalen Herausforderungen der Ökonomie, Umweltzerstörung und dem zunehmenden Hang zu totalitären Systemen so überzeugend wie ihr Kunstwerk: „Wir Künstler sind Kulturarbeiter.“ Der Satz macht verständlich, warum der Automobilhersteller nicht zum ersten Mal Partner der Biennale ist.

Chitra Ganesh „How We Do at the End of the World“. Kochi Biennale

Südasiens Mythen als Comic

Chitra Ganesh „How We Do at the End of the World“.

Es gehe darum, Inhalte zu ermöglichen, so Thomas Girst, Kopf des weltweiten BMW-Kulturengagements. Seit zehn Jahren unterhält der Konzern ein Montagewerk in Indien. Noch hinkt die Bilanz für 2017 mit 10.300 verkauften Autos und 2.600 Motorrädern in einem Land mit 1,4 Milliarden Einwohnern hinter den Zahlen in China her.

Die Codes der Werke, die zum größten Teil von Künstlern aus Indien und dem arabischen und pazifischen Raum stammen, mögen andere als die der Europäer sein. Aber Kunst bleibt nun einmal eine universale Sprache. Soziale Ungleichheit, Rassismus, Umweltkrisen und sexuelle Diskriminierung sind Probleme in allen Teilen der Welt.

An der Mauer vor der David Hall, einer der zehn Ausstellungsorte, nahe der St. Francis Kirche, in der sich das Grabmal Vasco da Gamas befindet, prangen groß und provokativ Fotografien von Zanele Muholi. Die Südafrikanerin porträtiert seit 2006 homosexuelle schwarze Männer und Frauen, die sich zu ihrer Identität bekennen.

Und auch die ironisch-feministische Aufforderung der provokanten Guerrilla Girls, mit einer Östrogenbombe die Oligarchen, Patriarchen und Diktatoren dieser Welt zu attackieren, wird in einem Land, in dem Frauen der Zutritt zum Sabarimala-Tempel in Kerala verboten werden sollte, nicht nur Beifall ernten.

Für Indiens Kunstwelt ist die Kochi-Biennale ein wichtiges Ereignis geworden. Biennalen sind Labore der Kunst und Gedankenspiele, aber auch Publicity-Maschinen für Regionen und Beteiligte. Wie bei anderen Großveranstaltungen auch werden die Exponate nur zum Teil von internationalen Institutionen gefördert. Wo nicht, springen die Stammgalerien der Kunstschaffenden ein.

Indiens potentester Sammler

Shirin Neshats Zwei-Kanal-Video-Installation „Turbulent“ etwa wurde von der Gladstone Gallery unterstützt; William Kentridges von satter Blasmusik umrahmter, mal tanzender, mal marschierender Silhouetten-Fries südafrikanischer Geschichte von der Marian Goodman Gallery. Usha Mirchandani von der Galerie Mirchandani + Steinrücke in Mumbai, eine der wichtigsten Galerien Indiens und Projekt-Sponsor der Biennale, war höchst persönlich zur Eröffnung angereist.

Auch Indiens potentester Sammler Abbishek Poddar, ein Geschäftsmann auf vielen Gebieten, war zur Eröffnung vor Ort. Er gehört zu den Treuhändern des Museums for Art und Photography, das 2020 in Bangalore eröffnet werden soll.

Mit Rauminstallationen der griechisch-britischen Künstlerin Nassia Inglessis und des Franzosen Georges Rousse im sogenannten Pepper House macht es neugierig auf mehr (bis 29. März 2019).

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×