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28.11.2019

21:13

Kulturförderpreis 2019: Kategorie Mittlere Unternehmen

Kulturarbeit an der Basis

Von: Johannes Wendland

Im sozial schwachen Hamburger Stadtteil Billstedt engagiert sich das Bauunternehmen Otto Wulff für den dortigen Kulturpalast.

Ein deutschlandweit einzigartiges Projekt. Otto Wulff

HipHop Academy

Ein deutschlandweit einzigartiges Projekt.

Hamburg Der Saal tobt. Gerade haben zehn Kinder in prächtigen georgischen Trachten mit atemberaubenden Schrittfolgen die Bühne aufgemischt. Die stark geschminkten Jungen und Mädchen haben sich dabei rasant um sich selbst gedreht und sind immer kerzengerade geblieben, voller Stolz auf sich und ihre Kultur. Das Publikum feiert die Kinder begeistert.

Und jetzt gehört die Bühne vier Hip-Hop-Tänzern, zwei Frauen und zwei Männern, die akrobatische Choreografien mit Breakdance-Einlagen zeigen. Die Beats dröhnen und die Dynamik überträgt sich auf das Publikum. Danach ein heftiger Kontrast: Ein aus Russland stammender Sänger begleitet sich an der Gitarre mit melancholischen Liedern aus seiner Heimat.

„Revue der Kulturen“ heißt es an diesem Freitagabend im Kulturzentrum „Kulturpalast“ in Hamburg-Billstedt. Zehn Auftritte folgen rasch aufeinander – Kultur aus Hamburgs Osten, dargebracht von Menschen mit Wurzeln in Peru, China oder der Türkei. „Wir möchten, dass ihr euch untereinander kennenlernt“, sagt Redchild, der junge, eloquente Moderator des Abends. „Ihr habt alle so viel zu bieten – und gemeinsam sind wir Billstedt!“

Billstedt, 110.000 Einwohner, 80 Prozent davon mit sogenanntem Migrationshintergrund. 134 Nationen sollen im Stadtteil vertreten sein. Mit dem Kulturpalast hat das Quartier, das in den Medien zumeist als „Problemstadtteil“ auftaucht, seit 40 Jahren seinen soziokulturellen Mittelpunkt.

„Im Kulturpalast werden die Potenziale zutage gebracht, die in diesem Stadtteil stecken, und es werden jede Menge Talente entdeckt“, sagt Stefan Wulff, geschäftsführender Gesellschafter des mittelständischen Bauunternehmens Otto Wulff, dessen Firmensitz sich nur zwei Straßenecken vom Kulturpalast entfernt befindet.

Die Stiftung Kulturpalast unterstützt die Nachwuchsförderung. Otto Wulff

Talente entdecken

Die Stiftung Kulturpalast unterstützt die Nachwuchsförderung.

Zusammen mit seiner Frau sitzt er bei der „Revue der Kulturen“ in der ersten Reihe. Wie so oft – das Ehepaar Wulff ist eine tragende Säule des Kulturzentrums. „Wir helfen, wo wir können – mit Geld, Handwerkern, Sachleistungen und beim Fundraising“, so Wulff.

Seit 25 Jahren begleitet seine Familie aktiv das Projekt, und für dieses nachhaltige kulturelle Engagement nimmt er jetzt den Deutschen Kulturförderpreis 2019 in der Kategorie „Mittlere Unternehmen“ entgegen.

Diese Würdigung kommt zu einem geeigneten Zeitpunkt. Vor zwei Jahren hat der Kulturpalast sein Domizil in einem umgebauten alten Wasserwerk um einen Neubau erweitert. Wulff hatte sich die Ausschreibung gesichert und den Bau ausgeführt. Angesichts von 158 Gruppen, die sich in diesem Kulturzentrum regelmäßig treffen, von 430 Kursen und rund 400 öffentlichen Veranstaltungen pro Jahr war der Neubau eine Notwendigkeit.

Die Otto Wulff Bauunternehmung beschäftigt an drei Standorten in Deutschland 520 Mitarbeiter und erzielt einen Jahresumsatz von rund 250 Millionen Euro. Billstedt ist Stammsitz des Familienunternehmens, und schon für Stefan Wulffs Eltern war das Engagement für den heimischen Stadtteil eine Selbstverständlichkeit.

So sei es auch seine Mutter gewesen, die vor rund 30 Jahren den Kontakt zu Dörte Inselmann aufnahm, bis heute Chefin des Kulturpalasts. „Damals fand alles noch in einem kleinen Ladengeschäft statt“, erzählt Stefan Wulff bei einem Kaffee in der „Palastküche“, dem loungeartigen Restaurant des Kulturzentrums. „Meine Mutter erzählte, dass da jemand Kulturarbeit an der Basis macht, die Situation im Stadtteil wirklich verändern möchte und vor Energie sprüht.“

Das erste große Ding, das die Familie Wulff zusammen mit dem Kulturpalast gedreht hat, war der Umzug in das damals leer stehende Wasserwerk in zentraler Lage im Stadtteil. Das neue Gebäude bot neue Möglichkeiten – und die Ideen sprudelten nur so.

Wie etwa für die „Klangstrolche“. Vom Kulturpalast aus werden in inzwischen 60 Kitas Kinder vom Krabbel- bis zum Vorschulalter mit Musik in Berührung gebracht. Oder die „HipHop Academy“, an der junge Menschen von 13 bis 25 Jahren unter professioneller Anleitung tanzen lernen – auch das ein Projekt mit überregionaler Ausstrahlung.

Aus dieser Nachwuchsförderung sind über die Jahre viele Profitänzer hervorgegangen, einmal jährlich veranstaltet die Academy eine – stets ausverkaufte – Gala in der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel.

Neben diesen „Leuchtturmprojekten“ bringt ein vielfältiges Angebot an Kursen und Veranstaltungen Leben in den Kulturpalast, von der georgischen Tanzschule bis zum türkischen Erwachsenenchor. Und dann sind da die klassischen Konzerte unter dem Motto „Billstedt Classics“, die in Zusammenarbeit mit der Hamburger Hochschule für Musik und Theater stattfinden. Ausgangspunkt dieser Idee war die Stiftung eines Konzertflügels durch Karl-Otto Wulff, Stefan Wulffs Vater.

„Für uns ist es großartig, solche nachhaltigen Förderer zu haben“, sagt Kulturpalast-Chefin Inselmann. „Wir arbeiten strukturell zusammen, etwa beim Fundraising. Und wie weit wir damit gekommen sind, das war in den bescheidenen Anfängen nicht abzusehen.“

Auch viele Mitarbeiter der Firma sind häufig zu Gast im Kulturpalast. Sie würden das Engagement ihrer Firmenleitung schätzen, sagt Stefan Wulff. Vor allem, weil damit auch ein Bekenntnis zum Stadtteil verbunden sei. „Für uns ist das ganz einfach ein Herzensprojekt!“, sagen die Wulffs übereinstimmend.

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