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01.08.2019

18:24

Kunst aus Fäden

Rom feiert das Werk der italienischen Künstlerin Maria Lai

Von: Regina Krieger

Das Maxxi in Rom widmet der italienischen Künstlerin zum 100. Geburtstag eine faszinierende Retrospektive. Der Markt hält sie längst für hochkarätig.

„Tenendo per mano il sole; die Sonne an die Hand nehmen“ ist der Titel des Textilbuches von 1984 und der aktuellen Ausstellung. Maria Lai, Senza titolo, 1978. Fondazione MAXXI

Maria Lai in Rom

„Tenendo per mano il sole; die Sonne an die Hand nehmen“ ist der Titel des Textilbuches von 1984 und der aktuellen Ausstellung. Maria Lai, Senza titolo, 1978.

Rom Tenendo per mano il sole“, „die Sonne an die Hand nehmen“ – diese poetische Zeile ist auf ein schmales Buch aus hellem Baumwollstoff gestickt. Dazu eine rote Sonne mit gelben Strahlen aus Zwirn. Das erste von vielen Textilbüchern, das Maria Lai 1984 gefertigt hat, gibt einer ungewöhnlichen Ausstellung den Titel, die bis zum Januar 2020 in Rom im Maxxi zu sehen ist. Das aufsehenerregende Museum für die Kunst des 21. Jahrhunderts im Stadtteil Flaminio hat Zaha Hadid entworfen.

Die gerundeten, geschwungenen und offenen Ausstellungsräume im ersten Stock des Museums sind die perfekte Kulisse für die Retrospektive einer großen italienischen Künstlerin. Sie wusste genau, dass ihre Kunst Zeit brauchen würde, um zu wirken. „Heute ist sie extrem aktuell“, sagt Kurator Bartolomeo Pietromarchi. „Mit der Ausstellung würdigen wir sie als zentrale Figur der italienischen Gegenwartskunst“.

Die meiste Zeit ihres Lebens hat die 1919 geborene Künstlerin in Sardinien verbracht, von wo sie stammt – weit weg vom internationalen Kunstbetrieb, aber dennoch gut vernetzt. Einige Jahre lebte sie in Rom, stellte aus, dann zog sie wieder zurück auf die Insel, denn der Kunstbetrieb gefiel ihr nicht.

Sie ließ Gemälde und Bildhauerei sein und konzentrierte sich auf neue Techniken, alle verbunden mit Textilien. Statt mit dem Pinsel machte sie fortan Kunst mit Faden und Stoff. Und immer nahm sie Bezug auf die archaische Welt Sardiniens, auf die Mythen und Symbole und ihre eigenen Erinnerungen – allerdings übersetzt in zeitgenössische Kunst.

Weben mit Terrakotta

200 Werke sind in Rom zu sehen; sehr viele stammen aus Privatsammlungen. Neben den Textilbüchern sind es gewebte abstrakte, dreidimensionale Bilder, Collagen aus Stoff, Fäden, Terrakottastücken und Draht, sogar Kleider und ein Webstuhl. Und die „telai“, große Leinwände oder auch Bettlaken, die sie mit schwarzem Faden mit Worten und Zahlen bestickt hat. Am meisten beeindrucken die bis zu drei Meter großen imaginären Landkarten, etwa die „Karte des Kolumbus“, ein Patchwork von Stoffarten und aufgesteppten Linien. Viele ihrer Werke haben keinen Titel.

„Sie war Zeitgenossin von Joseph Beuys“, sagt Pietromarchi, „getroffen haben sie sich nie. Aber sie haben parallel über das Gleiche gesprochen in ihrer Kunst.“ Ein großes Publikum und internationale Anerkennung bekam Lai 2016 durch die Documenta 14 in Kassel und die Biennale in Venedig 2017, wo sie vertreten war – allerdings posthum. Maria Lai starb 2013 auf Sardinien.

„Tenendo per mano il sole; die Sonne an die Hand nehmen“ ist der Titel des Textilbuches von 1984 und der aktuellen Ausstellung. MAXXI/ VG Bildkunst, Bonn 2019

Maria Lai

„Tenendo per mano il sole; die Sonne an die Hand nehmen“ ist der Titel des Textilbuches von 1984 und der aktuellen Ausstellung.

Da hatte sie der Kunstmarkt längst entdeckt. 2010 stellte die Berliner Galeristin Isabella Bortolozzi Lai aus, 2011 sogar im Open Space der führenden deutschen Kunstmesse Art Cologne. Die amerikanische Galeristin Marianne Boesky brachte Lai in die USA, aufmerksam geworden war sie auf die Sardin durch Sammler. Auf der Art Basel Miami Beach erzielte sie 2017 Preise zwischen 30.000 und 200.000 US-Dollar. „Der Markt für Werke von ihr wächst“, meint Boesky. Und Lai habe nun endlich die Aufmerksamkeit, die sie als herausragende Künstlerin der Nachkriegszeit verdiene.

Inzwischen steigt ihr Wert immer mehr. Im vergangenen Oktober erzielte ein „Telaio“ von ihr aus dem Jahr 1989 bei Christie’s 120.000 Pfund. Im Katalog war es auf 20.000 bis 30.000 Pfund geschätzt gewesen. Und im Mai wurde ein Blatt, „Pagina scritta n4“, geschätzt auf 5.000 bis 7.000 Euro, für 17.500 Euro verkauft.

Performance mit Dorfbewohnern

In der Ausstellung ist als perfekte Ergänzung zu den Werken Maria Lai selbst zu sehen und zu hören: per Video in italienischer Sprache, übersetzt auf Englisch. Da räsoniert die Frau mit den ausdrucksstarken Augen und dem feinen Lächeln, gekleidet in eine selbst bestickte Bluse, über ihre Kunst, spricht über Poesie, Tradition und die Umsetzung von Träumen: „Der Mensch muss das Sichtbare und das Unsichtbare zusammenbringen, und deshalb schafft er Fabeln, Legenden, Feste, Gesänge und Kunst.“

Wer Lai gekannt hat, berichtet von einer positiven Frau mit klaren Visionen und einer feinen Selbstironie. In ihrem Geburtsort Ulassai in der gebirgigen Provinz Ogliastra gibt es seit einiger Zeit ein Museum mit ihren Werken.

In der römischen Ausstellung ist durch einen Dokumentarfilm auch ihr spektakulärstes Werk präsent. 1981 verband sie in einer Performance mit dem Titel „Legarsi alla montagna“, „Sich verbinden mit dem Berg“, in Ulassai alle Häuser und Menschen. Sie verteilte 27 Kilometer blaues Stoffband an die Bewohner.

Im Film ist deren ungläubiges Staunen zu sehen, aber alle machten mit. Sie verbanden Türen, Fenster, Straßen bis hin zu Ställen und Feldern. Bergsteiger wickelten auch die Berggipfel ein.
Und je nach Sympathie oder alten Familienfehden wählten die Bürger von Ulassai Knoten als verbindendes Zeichen oder lose Enden als Ausweis der inseltypischen Distanz. Das wollte Maria Lai erreichen – Kommunikation und Land-Art auf Sardisch.

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