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29.08.2019

18:41

Kunstmarkt

Münchener Galeristen schließen sich zusammen

Von: Sabine Spindler

Junge Galerien buhlen um die Gunst der Sammler – und müssen sich gegen Branchengrößen behaupten. Die Initiative „Various Others“ setzt auf Zusammenarbeit.

In seiner Animation „Alles ist vergeben – das Totenbuch der Städte“ reflektiert der Hamburger Künstler Soyon Jung Politik. Courtesy of the artist/Jahn und Jahn

Soyon Jung

In seiner Animation „Alles ist vergeben – das Totenbuch der Städte“ reflektiert der Hamburger Künstler Soyon Jung Politik.

München Mittlere und junge Galerien in London, Berlin und München stehen seit einigen Jahren vor der gleichen Herausforderung. Sie müssen Wege finden gegen den wirtschaftlich und auch kulturell bedrohlichen Trend, dass vor allem die Mega- und Großgalerien potente Sammler anziehen.

Vor drei Jahren entwickelte die Londoner Galeristin Vanessa Carlos das Konzept Condo: gegenseitige Gastauftritte von Galeristen verschiedener Städte und Länder in einem festivalähnlichen Rahmen. Condo gab es bald in Schanghai, New York und Athen. Auch Münchener Galeristen fühlen sich davon animiert.

Am 13. September startet „Various Others“ – ein Verbund von derzeit 22 Galeristen, musealen Institutionen und Off-Spaces. Bereits zum zweiten Mal soll ein breit angelegter Reigen von internationalen Gastausstellungen, Performances, Vorträgen und Diskussionen ein überregionales Publikum anziehen und Entwicklungen in der Kunst spiegeln, so Mitinitiator und Galerist Johannes Sperling. Seine Räume füllt er in den nächsten Wochen mit Londoner Spirit. Er kooperiert mit der britischen Galerie Emalin und vereint die mit Graphik-Design spielenden Abstraktionen Malte Zenses mit den aus natürlichen und architektonischen Elementen geformten Raumlandschaften des Gastkünstlers Augustas Serapinas.

Die Galeristin Deborah Schamoni ist ebenso optimistisch. „Es geht um den kreativen Input, darum, ein Fenster aufzustoßen und München als Galeriestadt zu internationalisieren“, sagt sie im Gespräch mit dem Handelsblatt. Aber es ginge auch darum, Sammler und Kuratoren in die Galerien zu bringen, die nicht nur aus Investitionsgründen an Kunst interessiert sind. Junge Positionen bräuchten Ausstellungschancen und mutige Käufer, sagt Münchens vielversprechendste junge Galeristin.

Nach einer Einschätzung ihrer wirtschaftlichen Situation auf einer Skala zwischen „läuft so“ und „floriert bestens“ gefragt, bleibt sie einsilbig: „Es läuft.“ Sie hat die vorwiegend installativ arbeitende und medial stark beachtete Künstlerin Flaka Haliti im Programm, die in diesem Jahr auf der Shortlist des Preises für die Nationalgalerie steht, und auch das Duo KAYA, dessen raumgreifende Multimedia-Werke schon in vielen Museen präsent waren. Beide Namen haben bei Sammlern ihren Stellenwert.

Die Strukturen verändern sich

Aber die Galerie ist lediglich ihr Brot-und Butter-Geschäft. Ohne Umsätze auf kostspieligen Messen wie der Art Cologne oder der Liste in Basel wäre ihr ökonomischer Spielraum zu klein. „Various Others“ könnte einiges bewegen. Bis in den Oktober hinein reicht ihr Gemeinschaftsprojekt mit der MX Galerie aus New York. Neben Skulpturen von KAYA sind Werke von Paul Gondry zu sehen, Zeichner, Maler und Videofilmer dunkler Visionen einer sterbenden Zivilisation.

Tim Geissler, der mit Mathias Jahn die Nachwuchskünstler der Galerie Jahn und Jahn kuratiert, sieht die schwierige Situation der mittleren Galerien auch in einer Strukturveränderung des Sammelns. „Sammler orientieren sich nicht mehr so sehr an einem Galerieprogramm, sondern suchen nach einzelnen Positionen“, so Geissler. Umso attraktiver muss das Ausstellungsprogramm mit jungen Gegenwartskünstlern sein. „Computer und Papier“ heißt ihre Herbstausstellung, in der sie gemeinsam mit Gavin Brown’s Enterprice aus New York, Galerie Conradi aus Hamburg und Kraupa-Tuskany Zeidler aus Berlin eine Reihe aufsteigender Künstler wie Avery Singer, Thomas Baldyschwili und Soyon Jung vorstellen.

Doch es gibt auch Skepsis gegenüber der Initiative. Walter Storms, erfolgreicher Akteur der Münchener Szene, empfindet „Various Others“ als eine Abspaltung, die von der 1988 gegründeten „Open Art“ profitiert. Das populäre Galerien-Wochenende zur Saisoneröffnung, in diesem Jahr am 13./14. September, ist bis heute eine Erfolgsveranstaltung, die Münchens Stärken wie Schwächen spiegelt. Ausstellungen wie „Winfred Gaul“ bei Galerie Hasenclever oder „Color und Form“ bei American Contemporary Art Gallery mit Arbeiten des amerikanischen abstrakten Expressionisten Hans Hofmann sind nur zwei Beispiele für die anspruchsvolle, fest im internationalen Kunstmarkt verankerte Galeriearbeit hier.

Als aufregende Kunststadt mit Kreativcharakter wird München jedoch dadurch noch lange nicht wahrgenommen. Für die junge Sammlerin Linn Born, mit ihrem Start-up Schoendiener GmbH in der Pharmabranche tätig und durch ihre privaten Kunstevents selbst Teil der Szene, sieht hier mehr Potenzial: „München ist eine businessorientierte Stadt, in der es unter der Oberfläche brodelt. Für viele unsichtbar, aber essenziell für die Szene. ,Various Others‘ bringt neue Energie“, meint sie im Handelsblatt-Gespräch.

Meister der Abstraktion aus China

Aus diesem Grund haben sich bei „Various Orthers“ auch einige erfahrene Galerien eingereiht. Rüdiger Schöttle, der auf dem internationalen Parkett zu Hause ist, bereichert „Various Others“ mit einer Ausstellung des international gefeierten abstrakten chinesischen Malers Din Yi. Sein Gast-Partner ist kein geringerer als Lorenz Helbling, der vor mehr als 20 Jahren die ShanghArt Gallery gründete und damit als erster Deutscher im Reich der Mitte eine Galerie für zeitgenössische chinesische Kunst eröffnete. Unterstützung kommt auch von der Galerie Sabine Knust. Sie bereitet gerade mit dem Londoner Künstler Paul Morrison und seinem Projektraum Attercliffe zwei parallel laufende Ausstellungen vor.

Wenn das Geschäftsmodell Galerie nur noch in den gewinnstarken Megagalerien funktioniert, verliert die Kunstwelt ihre Sauerstoffareale. Insofern ist „Various Others“ ein Akt der Mobilisierung. Ihre Macher sind jung, dynamisch und diskursfreudig. Sie haben keinerlei Berührungsängste zwischen Kommerz und Museen.

Patrizia Dander, Kuratorin am Brandhorst Museum: „Polemiken um den Kunstmarkt und die Dominanz einiger weniger Galerien bringen uns am Ende nicht weiter. Galerien und Institutionen arbeiten eng zusammen – schließlich sind es die Galerien, die Künstlerinnen und Künstler über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte begleiten. Ohne deren Arbeit könnten wir unsere oft gar nicht machen.“ Das „Various Others“-Programm ist ausgesprochen vielfältig. Die meisten Gastauftritte laufen bis zum 13. Oktober.

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