Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

03.10.2019

14:13

Niederländischer Künstler

Was sich Köln zu Rembrandts 350. Todestag ausgedacht hat

Von: Susanne Schreiber

Eine besondere Ausstellung in Köln und ein neues Buch mit Rekordgewicht: Der Todestag des großen Barockmalers jährt sich zum 350. Mal.

„Gelehrter im Studierzimmer“ von 1634. Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud

Rembrandt

„Gelehrter im Studierzimmer“ von 1634.

Köln Rembrandt Harmensz van Rijn war ein Wunderkind. 1606 in Leiden geboren, eröffnet er dort bereits mit 21 Jahren seine eigene Werkstatt und verkauft seine Bilder sofort erfolgreich. Aber oft übernimmt er sich, Gerichtsverfahren und Bankrott gehören ebenso zu seinem bewegten Leben wie der Ruhm.

Am Freitag jährt sich der Todestag zum 350. Mal. Zahlreiche Ausstellungen, Wiederauflagen und Neuerscheinungen feiern derzeit den Hauptmeister der holländischen Barockmalerei. Wir stellen zwei Institutionen vor, die einen besonderen Ansatz verfolgen.

Herauszuheben ist das Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud in Köln. Es ehrt den Meistergrafiker, der stets auf Emotion und Effekt zielt, in der gestern eröffneten Schau „Experimente. Wettstreit. Virtuosität“ (bis 12.1.). 30 Radierungen aus eigenem Bestand machen deutlich, dass die Druckgrafik für Rembrandt absolut gleichwertig war mit der Malerei.

Das Innere erforschen

Die Schau bildet den Prolog zur großen Ausstellung „Inside Rembrandt 1606 – 1669“. Das Leben und Wirken des Künstlers zwischen höchster Anerkennung und Insolvenz, zwischen Komödie und Tragödie wird darin nachgezeichnet (1.11. 2019 bis 1.3.2020). Die Ausstellung bringt einem den Künstler in seiner Zeit und seine Karrierestrategie näher. Die Gattungen Malerei, Zeichnung und Radierung werden nebeneinander gezeigt, veranschaulichen seinen Weg zur Bildfindung.

Frühen Marktruhm erlangte Rembrandt mit Einzelporträts von Kaufleuten und mit Gruppenporträts, in denen er die Dargestellten in kleine Handlungen einbettet. Sein Lieblingsmodell war er selbst. Sein eigenes Konterfei hielt er in Hunderten von Werken fest. „Er erzählt ganze Geschichten in einem einzigen Gesicht“, sagt Kuratorin Anja Sevcik. „Und doch ist die Interpretation offen. Jeder Betrachter sieht sich mit tiefgründigen Physiognomien konfrontiert.“

Anlässlich seines 350. Todesjahres präsentiert dieser Band sämtliche Gemälde des Großmeisters des Goldenen Zeitalters der niederländischen Malerei. Taschen Verlag

Rembrandt van Rijn

Anlässlich seines 350. Todesjahres präsentiert dieser Band sämtliche Gemälde des Großmeisters des Goldenen Zeitalters der niederländischen Malerei.

Zu den Stilmitteln seiner ausgefeilten Bildregie gehören die Lichtpunkte im Helldunkel und eine reduzierte Farbpalette von Braun- und Ockertönen. „Bei allem Markterfolg bei seinen Kunden in Leiden und später in Amsterdam“, lobt Sevcik, „Rembrandt ist nie in einer Manier erstarrt.“ Schonungslos schildert er seinen Alterungsprozess, die Verzweiflung über den Tod seiner ersten Frau und seiner Kinder. Stets verzichtet er auf Posen. Stattdessen verschmelzen Gefühlsregungen und Gesichtsausdruck.

Es sind innere Zustände, die Rembrandt erforscht, erkennt und malt. Das unterscheidet ihn von anderen Malern. Im weltberühmten Selbstporträt aus Köln malt er ein Lachen, das auch ein Weinen ist. „Bei Rembrandt gibt es nie eine glatte Antwort“, beobachtet der Künstler Jehuda Bacon.

15 Kilogramm Rembrandt

Sämtliche Gemälde

Der Band umfasst 744 Seiten und kostet 150 Euro. Der Kölner Taschen Verlag verkauft das Buch „Rembrandt – Sämtliche Werke in zwei Bänden“ im Schuber mit Haltegriff zum leichteren Transport für 300 Euro.

Sämtliche Zeichnungen und Radierungen

Dieser zweite Band hat 756 Seiten und kostet 150 Euro.

Das Wallraf-Museum will keine Auswahl der besten Werke von Rembrandt bieten. Das ist gut so. „Inside Rembrandt“ überrascht. Das Zentrum der Schau bildet „Der Gelehrte im Studierzimmer“ aus der Prager Nationalgalerie. Gemalt wurde es 1634 in Amsterdam, wo der Leidener zum bestbezahlten Porträtisten der Stadt aufsteigt. Den älteren Mann bei der Lektüre stellt der Künstler als kontemplativen Denker dar. Und malt den Moment, in dem er sich – noch versunken in seine Geisteswelt – dem Betrachter zuwendet.

Für Kuratorin Sevcik typisch Rembrandt, Handlung statt Stillstand. „Hier ist der Umschlag zu sehen vom Maler kleiner Tafeln ins lebensgroße Format.“ Und zum Historienmaler, der für die Geschichte des Gelehrten dessen orientalisches Gewand detailreich malt. Dazu muss man wissen, dass die Gattung Historienbild im 17. Jahrhundert am höchsten angesehen war, noch vor Bildnissen und Landschaften.

Ähnlich packend ist auch das Bartholomäus-Porträt aus dem Getty Museum. Der sitzende Apostel mit dem Messer und der zerfurchten Stirn wirkt so modern, als hätte es Max Liebermann gemalt. „Man kann nicht vorbeisehen“, beschreibt Kuratorin Sevcik die Bildmacht. Eine natürliche Beweglichkeit einzufangen, ist Rembrandts Ziel. Das antwortete er auch Kunden, die sich beschwerten, dass sie ihre Bildnisse noch nicht erhalten hätten.

Sämtliche Werke in zwei Bänden, erschienen im Taschen Verlag. Hier ist das Cover des Bandes „Sämtliche Zeichnungen und Radierungen“ abgebildet. Taschen Verlag

Rembrandt

Sämtliche Werke in zwei Bänden, erschienen im Taschen Verlag. Hier ist das Cover des Bandes „Sämtliche Zeichnungen und Radierungen“ abgebildet.

Köln zeigt mit beiden Ausstellungen nur einen Ausschnitt aus Rembrandts reichem Schaffen und stellt ihn in der Kontext seiner Mitstreiter Govaert Flinck, Ferdinand Bol, Aert de Gelder und Christopher Paudiß. Wer sich Rembrandts Gesamtwerk nähern will, wird in zwei neuen Büchern aus dem Taschen Verlag fündig. Pünktlich zum 350. Todestag legt der ein Projekt der Superlative vor. Fünf Autoren arbeiteten fünf Jahre daran: 330 Gemälde, 708 Zeichnungen und 314 Radierungen aus 180 Museen und Sammlungen wurden aufgenommen und neu fotografiert. Das Buchprojekt ist das teuerste des Verlags aller Zeiten.

Dieses geballte Wissen auf 1.500 Seiten wiegt schwer. Wer beide Bände kauft, schleppt 15 Kilo Buch aus der Buchhandlung. Dafür hat Taschen extra Pappkoffer herstellen lassen. Die Fotos sind fabelhaft. Der Leser kann quasi Eintauchen in die „Anatomie des Dr. Nicolaes Tulp“, in die „Nachtwache“, aber auch in Gesichter wahrer Personen oder biblischer Figuren. Abbildungen und Ausschnitte sind extragroß. So erkennt auch der Laie, dass Rembrandt seine abstehenden Locken mit dem Pinselstiel in die feuchte Farbe kratzt.

Emotionen in Nahsicht

Der Leser kann alle menschlichen Emotionen in Nahsicht entdecken. Rembrandt schert sich nie um den guten Geschmack. Und malt ohne Scheu, was ihn interessiert: den Menschen in allen denkbaren Lebenslagen. In Band 2 stößt der Leser auf zwei Zeichnungen einer gehängten Magd am Galgen. Die wenig bekannten Blätter besitzt das Metropolitan Museum in New York.

Die Texte von Erik Hinterding und Peter Schatborn führen den Leser nur knapp ein in die Arbeiten auf Papier. Dem Gemälde-Band hingegen geben Volker Manuth, Marieke de Winkel und Rudie van Leeuwen kleine Einführungen und kurze Forschungszusammenfassungen – ohne Provenienzangaben – mit. Der Fokus der Prachtbände liegt auf der Auswahl und den 1.803 Abbildungen. Ein Fest der Schaulust.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×