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28.11.2019

14:40

Sammlung Alana

Die Gemälde-Kollektion von Alvaro Saieh und Ana Guzmán ist eine Offenbarung

Von: Christian Herchenröder

In Paris sprengt eine Ausstellung mit Altmeistern alle Rekorde. Dahinter stecken das chilenische Ehepaar Alvaro Saieh und Ana Guzmán.

Die Engelpietà entstand um 1490 in einer Mischtechnik auf Holz. Allison Chipak

Vittore Carpaccio

Die Engelpietà entstand um 1490 in einer Mischtechnik auf Holz.

Paris Sein Name fiel im Zusammenhang mit dem vor wenigen Wochen im nordfranzösischen Auktionshaus Actéon für 24,1 Millionen Euro versteigerten Tafelbild von Cimabue. Der Käufer blieb zwar ungenannt, aber Marktinsider gehen davon aus, dass das Tafelbild „Die Verspottung Christi“ von dem chilenischen Ehepaar Alvaro Saieh und Ana Guzmán ersteigert wurde. Cimabue zählt zu den rarsten Florentiner Malern des 13. Jahrhunderts.

Der Milliardär und seine Frau haben vor allem in den letzten 20 Jahren die fulminante, nach den Vornamen der Besitzer benannte „Sammlung Alana“ aufgebaut. Es sind italienische Altmeistergemälde des 13. bis 17. Jahrhunderts, deren spektakulärster Teil, rund 80 Werke, zurzeit im Pariser Musée Jacquemart-André Besucherströme anzieht (bis 20.1.2010).

Master der Kunstgeschichte

In diesem Privatpalast des 19. Jahrhunderts wirkt die Sammlung wie eine substanzielle Ergänzung zu den eigenen Beständen, in denen die italienische Malerei und Skulptur die Hauptakzente setzt. Der 1949 in Kolumbien geborene Geschäftsmann palästinensischer Herkunft Alvaro Saieh ist promovierter Ökonom und Master der Kunstgeschichte.

In den Achtzigerjahren erwarb er zusammen mit anderen Investoren die Banco Osorno y la Unión und den Pensionsfonds AFP Provida. Sein wichtigster Coup war 1995 die Übernahme der Banco Concepción, die zu einem Global Player in den lateinamerikanischen Ländern wurde und 2011 als CorpBanca die kolumbianische Banco Santander schluckte.

Expandierendes Business

In den folgenden Jahren expandierte Saieh mit der Gründung der CorpGroup in weitere Businessbereiche: Supermärkte, Hotels, Immobilien. Der Milliardär fördert die visuellen Künste, Literatur und Musik und gründete eine Stiftung, deren Ziel die Inklusion geistig behinderter Menschen ist.

Mit bestechendem Auge hat der Chilene Gemälde musealer Qualität zusammengetragen, deren Initialzündung nach eigenen Worten ein Besuch der Washingtoner Nationalgalerie in den Siebzigerjahren war: „Diese Reise war für mich eine Offenbarung.“ Er begann zunächst, zeitgenössische chilenische Kunst zu sammeln, es folgten Picasso und die klassische Moderne, ehe sich das Auge von Italiens Goldgrundmalerei und Werken der Renaissance begeistern ließ.

Die „Verkündigung“ gelangte über das Schweizer Auktionshaus Koller und den Kunsthändler Bob Haboldt in die Sammlung Alana. Koller Auktionen

Lorenzo Monaco

Die „Verkündigung“ gelangte über das Schweizer Auktionshaus Koller und den Kunsthändler Bob Haboldt in die Sammlung Alana.

Sie füllen jetzt einen ganzen Saal im Musée Jacquemart-André in mehrreihiger Petersburger Hängung. Auch in Saiehs privaten Räumen hängen die Bilder in drei bis vier Reihen wandfüllend, so als wolle der Sammler mit dieser Verdichtung unserer geopolitisch diversifizierten Welt ein kunsthistorisches Sinngefüge geben. Dieses geometrische Arrangement ist auch eine Absage an den auf Leerstellen eingestimmten Zeitgeschmack. Des Sammlers Absage an zeitgenössischen Mainstream ist programmatisch: „Ich weiß, dass man mit zeitgenössischer Kunst großen Profit machen kann, aber das ist nicht meine Konzeption des Sammelns.“

Die Pariser Ausstellung spannt den Bogen von einem noch byzantinisch beeinflussten römischen Tafelbild des 13. Jahrhunderts mit acht Szenen aus dem Leben Christi bis zu Gemälden der italienischen Caravaggisten. In insgesamt sieben Sälen wandert der Blick von den goldglänzenden, vorwiegend zweidimensional strukturierten Werken des Trecento über die virtuosen, skulpturalen und Raum erobernden Bilder der Renaissance bis zur Lichtmalerei eines Orazio Gentileschi oder Bartolomeo Manfredi. Der starb zwölf Jahre nach Caravaggio und gilt mit seinen starken Hell-Dunkel-Effekten als dessen würdiger Nachfolger.

Ästhetisch Maßstab setzend

Es ist die Sammlung eines Kunsthistorikers, der mit musealem Anspruch Bilder und auch einige wenige Skulpturen ankauft. Sie setzen ästhetische Maßstäbe. Da die ausgestellten Werke nur Teil einer noch umfangreicheren Sammlung sind, die in permanentem Aufbau ist, lässt sich ermessen, mit welch hohem finanziellen Einsatz hier nach Meisterwerken gesucht und ergänzt wird. In ihrer Gesamtheit sind die rund 80 Werke auch ein Spiegel der alternativen Brillanz des Altmeistermarkts, der seit zwei Jahrzehnten im Schatten der zeitgenössischen Kunst steht.

Das erste der caravaggistischen Werke, die Saieh erworben hat, ist Orazio Gentileschis „Maria mit Kind“, das bis 2007 in der Sammlung der ebenfalls kunsthistorisch vorgebildeten Millionenerbin Barbara Piasecka-Johnson war. Es wurde im selben Jahr für 2,03 Millionen Dollar bei Christie’s versteigert. Von den frühen Goldgrundbildern wurden die wichtigsten zu Millionenpreisen erworben. Günstiger zu haben war das Temperagemälde einer thronenden Maria mit Kind und Heiligen des bedeutenden Florentiner Giotto-Schülers Bernardo Daddi, das Saieh 2011 bei Christie’s für 320.000 Euro ersteigern konnte. Der günstige Preis lässt sich durch den Verlust des blau übermalten Goldgrunds erklären.

haben Alvaro Saieh und Ana Guzmán die Bilder in mehreren Reihen übereinander auf der Wand platziert - so wie bei der sogenannten Petersburger Hängung. Guzman

Im Wohnzimmer

haben Alvaro Saieh und Ana Guzmán die Bilder in mehreren Reihen übereinander auf der Wand platziert - so wie bei der sogenannten Petersburger Hängung.

Viele der ausgestellten Werke sind in guter Erhaltung, frisch gereinigt und restauriert. Es gibt Beispiele, in denen der Goldgrund aufgearbeitet scheint. Ein starkes Beispiel neuerer Restaurierungskunst ist Il Franciabigios doppelseitig mit der Anbetung und Kreuzigung bemaltes Tragealtärchen aus der Zeit um 1510, das 2006 bei Christie’s mit starken Schwundstellen malerischer Substanz für 665.600 Dollar versteigert wurde.

Angemessene Preise für authentisch erhaltene Bilder waren 2001 die bei Semenzato in Florenz für umgerechnet 2,3 Millionen D-Mark versteigerte Kreuzigung des Siennesers Pietro Lorenzetti und die 2015 bei Sotheby’s für 1,3 Millionen Dollar zugeschlagenen Heiligentafeln des Lorenzo Veneziano. Diese Werke zeigen die authentisch gealterte Goldfassung mit durchscheinendem Bolusgrund.

Tintoretto zum Spottpreis

Eines der meistpublizierten Werke der Sammlung ist eine große „Verkündigung“ des Florentiners Lorenzo Monaco, die 2004 bei Koller für 2,39 Millionen Schweizer Franken versteigert wurde, ehe sie der Händler Bob Haboldt an Saieh verkaufte. Zu den teuersten Auktionsankäufen gehören das Kleinformat „Büßender Hieronymus“ von Fra Bartolomeo, das 2012 bei Sotheby’s 4,9 Millionen Dollar erzielte. In diese Kategorie fällt auch der „Kreuz tragende Christus“ des eminent raren Hochrenaissance-Malers Girolamo Romanino, der 2012 als eines der Starlose bei Christie’s 4,56 Millionen Dollar einspielte.

Im Kontrast dazu stehen erstaunliche Niedrigpreise für charakteristische Gemälde von Vittore Carpaccio und Dosso Dossi, die in den New Yorker Auktionen der Jahre 2010 und 2014 unter 500.000 Dollar blieben. Und in einer Dorotheums-Auktion im Oktober 2016 konnte der Sammler zum Spottpreis von 907 500 Euro ein neu entdecktes Gemälde von Jacopo Tintoretto erwerben. Es zeigt im Breitwandformat Episoden aus dem Kampf zwischen Israeliten und Philistern.

Alle diese Preise, auch die Millionensummen, sind verglichen mit denen für Werke der Moderne und der Gegenwartskunst mehr als moderat. Sie zeigen, dass man heute mit gutem Auge und Wissen eine Altmeistersammlung erster Güte zusammentragen kann. Auch die gerade in den letzten zehn Jahren registrierte Aufwertung der Goldgrundmalerei und der Caravaggisten zeigt, dass sich auch im Altmeistersektor die Investition lohnt. Man muss ja nicht gleich den Epochen umfassenden Ehrgeiz und die unbegrenzten Mittel des chilenischen Megasammlers haben.

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