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29.08.2019

18:30

Zeitgenössische Kunst

Ai Weiwei: Umstritten in der Kunstwelt, beliebt beim Publikum

Von: Susanne Schreiber

Über 200.000 Menschen strömten in die Ausstellung von Ai Weiwei in Düsseldorf. Die Museumschefin Susanne Gaensheimer zieht eine erste Bilanz.

Der Künstler Ai Weiwei und Susanne Gaensheimer, Direktorin der Kunstsammlung NRW, im K21 in der Ausstellung „Wo ist die Revolution?“ Photo:Andreas Endermann Kunstsammlung NRW

Kennen sich lange

Der Künstler Ai Weiwei und Susanne Gaensheimer, Direktorin der Kunstsammlung NRW, im K21 in der Ausstellung „Wo ist die Revolution?“

Photo:Andreas Endermann

Düsseldorf Paare und kleine Gruppen von Besuchern treffen sich in dichter Folge am Eingang der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Die einen drängt es hinein, die anderen hinaus. So viel Betrieb herrscht selten in einem Museum. Allen geht es um die Ausstellung eines chinesischen Künstlers: „Ai Weiwei. Wo ist die Revolution?“

Die Besucher, die herauskommen, sind in angeregte Gespräche vertieft. Lebhaft diskutieren sie die schiere Größe der Artefakte, die der Künstler ihnen zumutet. Oder sie debattieren einen anderen Schwerpunkt der Ausstellung, das Ausmaß der Migrationsprobleme, die die Bundesregierung, anders als 2015, nur noch punktuell beschäftigen.

Wie groß das menschliche Elend von Krieg, Vertreibung und Flucht übers Mittelmeer ist, schildert Ai Weiwei in aufrüttelnden Videos, auf Fototapeten und mit Großinstallationen in Düsseldorf noch bis zum kommenden Sonntagabend. Dafür hat ihm die kuratierende Direktorin Susanne Gaensheimer gleich beide Häuser zur Verfügung gestellt.

Gaensheimer kennt Ai Weiwei, stellte den Künstler schon 2013 als deutschen Beitrag auf der Biennale von Venedig aus. Das Stammhaus K20 ist der Kunst der Klassischen Moderne und des 20. Jahrhunderts gewidmet. Hier sind zwei Großinstallationen von Ai Weiwei eingerichtet. K21, der ehemalige Landtag, widmet sich der Kunst des 21. Jahrhunderts. Dort treffen die neuesten Filme und Arbeiten auf nur selten gezeigte Gemälde eines Debütanten, der sich seinen Weg sucht.

Der Direktorin gelang es, gleich fünf seiner größten Installationen zusammenzubringen. Sie beschäftigen sich alle mit dem Thema Freiheit, mit Titeln wie „Sunflower Seeds“, „Straight“, „Laundromat“, „S.A.C.R.E.D.“ und „Life Cycle“.

Ai Weiwei schildert seinen Haftalltag minuziös im "S.A.C.R.E.D.". Seitlich und von oben können Besucher sich ein Bild machen. dpa

Im Ständehaus K21

Ai Weiwei schildert seinen Haftalltag minuziös im "S.A.C.R.E.D.". Seitlich und von oben können Besucher sich ein Bild machen.

Eine so attraktive und zugleich inhaltsschwere Schau ist gut fürs Image der Düsseldorfer Kunstsammlung. Sie hat in den Medien eine riesige Resonanz gefunden. Ai Weiwei erweist sich auch als Besuchermagnet. Über 200.000 Gäste strömten seit Mitte Mai durch K20 und K21.

Doppelzählungen nicht ausgeschlossen: „Gezählt werden die Besuche in jedem Haus. Denn es sind zwei separate Ausstellungen“, sagt Gaensheimer im Gespräch mit dem Handelsblatt. Beide Orte werden fast gleich stark besucht, K21 mit der retrospektiven Ausstellung liegt ganz leicht vorn. „Ich bin sehr zufrieden. Der Erfolg tut dem ganzen Team gut.“

An der Grenze von Personal und Infrastruktur

Die Direktorin gibt aber auch zu bedenken, dass „mit bis zu 2.000 Besuchern pro Tag unsere Häuser an die Grenzen von Personal und Infrastruktur kommen“. Im Übrigen sei es keineswegs die bestbesuchte Ausstellung der Kunstsammlung. Die Matisse-Schau zog 2006 knapp 300.000 Besucher an, lief aber zwei Wochen länger als die Ai-Weiwei-Ausstellung. Otto Dix schauten sich 100.000 Besucher an, die Großfotos von Andreas Gursky 70.000 Besucher.

Ai Weiwei ist heute so populär wie Pablo Picasso in den 1950er- und 1960er-Jahren. Mindestens seinen Namen kennt fast jeder. Das zieht auch Menschen ins Museum, die sich sonst lieber nicht mit in ihren Augen kaum verständlicher Kunst der Gegenwart befassen. Direktorin Gaensheimer ist das wichtig: „Als Landesmuseum müssen wir ein breites Publikum aus ganz Nordrhein-Westfalen ansprechen.“

Was kostet solch eine Großausstellung? Zahlen will Gaensheimer nicht nennen. Nur so viel: „Für Ai Weiwei ist es immer schwierig, Sponsoren zu bekommen“, sagt sie. Die Gründe kann man sich denken. In China ist er eine Persona non grata. Wirtschaftsunternehmen und Banken wollten ihre Beziehungen in die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt nicht gefährden.

Die Schwierigkeiten bei der Sponsorensuche erlebte die Direktorin schon in Venedig. Aber laut Gaensheimer liegt das nicht nur an Ai Weiwei: „Sponsoren gaben in den 1990er-Jahren Millionen für Ausstellungen. Das ist heute nicht mehr der Fall. Das Eintreiben von Drittmitteln ist schwieriger geworden.“

Diesmal hat Ai Weiwei seine Installation "Straight" in den Transportkisten gelassen. Sie enthalten Armierungseisen aus Schulen in Sichuan, die bei Erdbeben tausende Kinder begruben. Getty Images

Kisten wie Särge

Diesmal hat Ai Weiwei seine Installation "Straight" in den Transportkisten gelassen. Sie enthalten Armierungseisen aus Schulen in Sichuan, die bei Erdbeben tausende Kinder begruben.

Gestemmt hat sie die Doppelschau schließlich mit den Mitteln des Landes, also den Ausstellungsbudgets für K20 und K21. Wegen des immensen Gewichts der Kunstwerke sind Transporte teuer. „Diese Kosten haben wir uns mit den Galerien in London und Berlin geteilt.“

Dass die vielen schweren Kisten nicht per Flugzeug, sondern per Schiff reisen, halbiert die Fixkosten annähernd. Die größten Posten sind Personal- und Reisekosten. Hilfreich war, dass Ai Weiweis großes Team – gegen Bezahlung – zusammen mit dem Aufbauteam der Kunstsammlung die beiden Schauen eingerichtet hat.

Mit mehr als 200.000 Besuchern dürfte der Deckungsbeitrag aus den Tickets geschätzt bei unter zwei Millionen Euro liegen. Gaensheimer hebt die Hände wie zur Abwehr: „Bedenken Sie, etwa die Hälfte der Besucher zahlt keinen oder einen reduzierten Eintritt: Kinder, Rentner, Studenten, ICOM-Mitglieder, Journalisten.“

Es gibt zwar keine Merchandisingobjekte, aber der Katalog verkaufte sich 3.500-mal. Zusammen mit dem Erlös aus der Edition fließen all diese Einnahmen in die Refinanzierung der Ausstellung. Dennoch ist das kein Modell für das nachfolgende Programm: „Solche Ausstellungen wie die zu Ai Weiwei können Sie nicht eine hinter der anderen machen. Es gibt gar nicht so viele populäre Themen und Künstler in der zeitgenössischen Kunst.“

China und Deutschland in der Kritik des Künstlers

Ai Weiwei kritisiert China – und auch Deutschland: Wo bleibt die Revolution? Er nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er klagt, die Wirtschaft verknüpfe ihre Geschäfte nicht mit der Forderung nach Menschenrechten in China.

Doch dies ist wohl nicht der Grund, weshalb der Künstler Deutschland den Rücken kehrt. Auch sind es nicht die rüden Taxifahrer, wie er in einem Zeitungsinterview sagte. Der Grund ist eher im Privaten zu finden, sein zehnjähriger Sohn soll die britische Elitebildung genießen. Deshalb zieht der Künstlernomade mit der Familie nach Cambridge in England, sein Studio bleibt aber in Berlin.

Zurück zur Kunst: Ai Weiweis Werk kreist um die Freiheit des Menschen und die Freiheit der Kunst. Das erschließt sich dem Betrachtenden schnell. Dafür schätzt ihn das breite Publikum. In der Kunstszene hingegen stößt Ai Weiwei des Öfteren auf Ablehnung. „Vielleicht erscheint manchem Künstler Ai Weiweis Ansatz zu direkt“, vermutet Gaensheimer. Er selbst erkläre seine Einfachheit, erzählt sie, weil er nicht nur Menschen ansprechen möchte, die sich auskennen, sondern auch das Kind, die kunstferne Dame oder einen Menschen mit Migrationserfahrung.

Die Installationen stellen Fragen nach dem Verhältnis von Individuum und Masse, nach dem Einzelnen in der Gesellschaft, nach Macht und Verantwortung. Für Besucher seien das genau die richtigen Themen zum richtigen Zeitpunkt, schreiben Besucher im Internet in ihren Beiträgen. Anders als in anderen Lebensbereichen stehen hier die Inhalte und nicht Polemik im Zentrum. „Wir bekamen keine populistischen Kommentare“, sagt die Kuratorin. „Darüber bin ich sehr glücklich.“

Im Handelsblatt-Interview vor einem halben Jahr kritisierte der Künstler Museen als elitäre Orte eines kleinen Kreises und wünschte sich: „Ich möchte richtiges Publikum wie auf dem Marktplatz.“ Kuratorin Gaensheimer stellt klar: Das wolle er nicht für sich persönlich, sondern für die Botschaft von der doppelten Freiheit.

Bis 1.9.2019 täglich 10 bis 20 Uhr.

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