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07.11.2019

16:32

Zum Jubiläum

30 Jahre Mauerfall – Von Bildern, die Geschichte schrieben

Von: Susanne Schreiber

Todesstreifen, Selbstschussanlage und städtische Brachen zerteilten Berlin zwischen 1962 und 1990 brutal in zwei Hälften. Viele Künstler haben sich an diesem symbolischen Motiv abgearbeitet.

"Der Schmerz", 1981, Öl auf Leinwand Matthias Zágon Hohl-Stein

Matthias Zágon Hohl-Stein

"Der Schmerz", 1981, Öl auf Leinwand

Düsseldorf Matthias Hohl-Stein lässt 1981 in „Schmerz“ eine Männerbüste aus der Landschaft erwachsen. Tragisch hängt sie im doppelreihigen Stacheldraht fest. Es geht nicht vorwärts und nicht zurück im Land der künstlerischen und politischen Zensur. Bevor er aus der DDR ausreiste, hatte der Künstler eine illegale Dachboden-Galerie geführt.

Die Materialcollage "Berliner Mauer und Brandenburger Tor" entstand 1972. VG BildKunst, Bonn, Reproduktion: Hans-Joachim Bartsch, Berlin

Wolf Vostell

Die Materialcollage "Berliner Mauer und Brandenburger Tor" entstand 1972.

Wolf Vostell (1932- 1998) schuf 1969 seine erste Auto-Skulptur für den Kölner Hohenzollernring. Sie heißt in weiser Voraussicht „Ruhender Verkehr“. Dafür hatte der Maler, Bildhauer und Happeningkünstler einen Opel Kapitän verschalt und in Beton abgegossen. Fortan war das Einbetonieren sein Markenzeichen.

Das Stadtmuseum Berlin bewahrt die hier abgebildete Collage aus Fotografie und Beton auf. Für „Berliner Mauer und Brandenburger Tor“ aus dem Jahr 1972 wählt der Wahl-Berliner Vostell nicht den repräsentativen Blick auf das von sechs Säulen getragene Tor, sondern die seitliche Ansicht mit den kleineren Flügelbauten und der Straße des 17. Juni. Die davor verlaufende Mauer und das Stadttor ummantelt der Künstler mit einer Betonmanschette. Deutlicher hätte er die Verhärtung und Verkrustung zur Zeit des Kalten Krieges kaum kritisieren können.

"Mauer", 1980, Öl auf Leinwand VG Bild-Kunst 2019/Galerie Läkemäker

Hans Ticha

"Mauer", 1980, Öl auf Leinwand

Hans Ticha (*1940) adaptiert schon in den 1960er-Jahren die amerikanische Pop-Art. In piktogrammartigen Bildern entlarvt er Grenzsoldaten der DDR, Apparatschiks, Claqueure und deutsch-deutsche Klischees. Ticha hielt solche „Polit-Bilder“ geheim und überstand die DDR als Buchillustrator.

Die Galerie Läkemäker in Berlin zeigt diese einst so brisante Werkgruppe bis zum 14. Dezember. In „Mauer“ von 1980 nimmt Ticha Grenzstreifen und Schießbefehl aufs Korn: Ein DDR-Soldat zielt auf einen Bundesbürger hinter der Mauer. Dass der nur ein Pappkamerad ist, scheint er nicht zu bemerken. Zu all dem grinst der Wachhund im Vordergrund höhnisch. Durch seinen direkten Blick zum Betrachter verbündet sich der Hund mit diesem

Malte die Brache am "Potsdamer Platz" 1976. VG Bild-Kunst, Berlin, Reproduktion: Oliver Ziebe, Berlin

Karl Oppermann

Malte die Brache am "Potsdamer Platz" 1976.

Karl Oppermann (*1930) verließ die DDR schon 1950 und siedelte nach Westberlin über, wo er bei dem abstrakten Maler Emil Schumacher studierte. In dem Ölbild „Potsdamer Platz“ von 1976 blickt der Maler „mit trauriger Sehnsucht vom Westen über den extrem breiten Todesstreifen am Potsdamer Platz in den verschlossenen Ostteil der Stadt“, schreibt Anke Kuhrmann in der Motivgeschichte „Die Berliner Mauer in der Kunst. Bildende Kunst, Literatur und Film“. Das Buch erschien im Chr. Links Verlag.

Oppermanns Grenzlandschaft aus dem Stadtmuseum Berlin lässt sich als Seelenlandschaft lesen. Der Blick über die Mauer macht deutlich, wie groß die Wunde war, die die Grenzanlagen ins Stadtbild rissen. Heute sind alle Freiflächen wieder überbaut, nur die Bilder dokumentieren die Geschichte.

"Ohne Titel" war Teil der Ausstellung "Point of No Return" im Museum der bildenden Künste in Leipzig. MdbK Leipzig

Petra Flemming

"Ohne Titel" war Teil der Ausstellung "Point of No Return" im Museum der bildenden Künste in Leipzig.

Petra Flemming (1944-1988) hat ein Jahr vor ihrem frühen Tod der Unsicherheit und Verzweiflung Ausdruck verliehen. Alles ist grau in dem Bild „Wohin?“, das bis eben in der Ausstellung „Point of No Return“ in Leipzig hing. Die Bäume sind beschnitten und abgestorben.

Das Gemälde fasst die Existenz in der DDR ohne Meinungs- und Reisefreiheit als persönlichen Lebens- und Leidensweg auf. Die rot-weißen Verkehrsschilder scheinen ein Abbiegen nach Ost und nach West zu ermöglichen. Welcher Teilstaat aber wo liegt, erfährt der Betrachter nicht. Nur so viel: Im Westen leuchten keine bunten Reklameschilder. Hoffnung sieht anders aus. .

Setzte 1978 "Van Gogh und Mauer V" in Szene. Rainer Fetting

Rainer Fetting

Setzte 1978 "Van Gogh und Mauer V" in Szene.

Rainer Fetting (*1949) hatte sein Atelier in den späten 1970er-Jahren ganz dicht an der Mauer in Westberlin. Der bei Karl Horst Hödicke ausgebildete Maler war einer der Protagonisten der „Neuen Wilden“. Sie heißen auch die „Moritzboys“, weil ihre 1977 gegründete Selbsthilfegalerie am Kreuzberger Moritzplatz lag. In expressiven, farbstarken Bildern transformiert Fetting Straßenszenen aus dem nächtlichen Berlin in emotional aufgeladene Räume, die etwas vom Sog und Rausch der Großstadt mitteilen.

In „Van Gogh und Mauer V“ aus der Sammlung Marx kommt Vincent van Gogh, die Vaterfigur der expressiven Malerei, zu Besuch an den schrillgelben Grenzstreifen. Eilend zum nächsten hedonistischen Kick. Nie geht es um topografische Präzision, immer um das Gefühl der Freiheit, das die Westberliner Bohème genoss. Die Malerei mit Dispersionsfarbe fördert den lockeren Malduktus. So fängt Rainer Fetting das Tempo in Westberlin ein.

Malte das „Mauerbild“ aus der Reutlinger Sammlung Siegfried Seiz 1987. MdbK Leipzig/VG Bild-Kunst 2019

Stefan Plenkers

Malte das „Mauerbild“ aus der Reutlinger Sammlung Siegfried Seiz 1987.

Stefan Plenkers (*1945) malte das „Mauerbild“ aus der Sammlung Siegfried Seiz, Reutlingen, 1987. Wie ein Blitz durchzuckt das Bollwerk aus verfugten Betonsegmenten von rechts oben nach links unten das Bild. Außer einer nahen Häuserwand mit dunklen Fensteröffnungen im fahlen Licht lässt sich nichts Gegenständliches mehr erkennen. Das Betörende an dem Gemälde sind sein grafischer Aufbau und der subtile Farbeinsatz. Kühle Töne verbreiten eine Stimmung von Erstarrung und Desillusionierung, von „Ostidentität und Westsog“, schreibt Paul Kaiser im Katalog der Ausstellung „Point of No Return“.

Rätseln lässt der Maler den Betrachter über die Zeichen und Chiffren auf der Mauer und rechts im Vordergrund. Letztere könnten Höckersperren der Grenzanlagen sein. Doch nicht erzählerische Wirklichkeitsabbildung ist Plenkers’ Ziel, sondern deren malerische Wirkung. Wer nach einer Bewertung des Westens als idealisierter Fluchtpunkt sucht, findet sie im Bild nicht. Zu unklar bleibt, wo der Osten liegt, wo der Westen.

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